Was macht die Pandemie?
Vor Corona: Fast 160'000 Menschen in der Schweiz waren trotz Arbeit arm

Die Armut in der Schweiz hat vor Corona zwar leicht abgenommen. Dennoch erzielten mehr Menschen trotz Arbeit kein ausreichendes Einkommen. Aufhorchen lassen auch erste Zahlen zur Pandemie.

Samuel Thomi
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Nach sechs Jahren Anstieg ist die Armutsquote in der Schweiz im ersten Coronajahr 2020 leicht gesunken. (Symbolbild)

Nach sechs Jahren Anstieg ist die Armutsquote in der Schweiz im ersten Coronajahr 2020 leicht gesunken. (Symbolbild)

Keystone

8,5 Prozent der Bevölkerung oder 720'000 Personen waren vor Ausbruch der Coronapandemie in der Schweiz von Einkommensarmut betroffen – darunter 133'000 Kinder. Das zeigt eine am Donnerstag vom Bundesamt für Statistik (BFS) publizierte Erhebung zum Lebensstandard und zur Lebenszufriedenheit. Im Vergleich zu 2019 lag die Armutsquote der Erwerbstätigen laut BFS bei 4,2 Prozent auf unverändert «hohem Niveau».

In absoluten Zahlen ist die Zahl jener Menschen, die trotz Arbeit kein Einkommen erhalten, das die Armutsgrenze übersteigt, vor Corona jedoch leicht auf 158'000 Personen gestiegen. Die Armutsgrenze lag damals unverändert bei durchschnittlich 2279 Franken im Monat für Einzelpersonen und 3976 Franken für zwei Erwachsene mit zwei Kindern.

Erste Hinweise zu Pandemiefolgen

Wie in den Vorjahren waren auch damals ausländische Personen, Alleinerziehende sowie Personen ohne nachobligatorische Ausbildung laut BFS besonders häufig von Armut und finanziellen Schwierigkeiten betroffen. Anhand der neuesten Armutsstatistik 2020 sind laut BFS zwar noch keine Aussagen zu Auswirkungen der Coronapandemie auf die Einkommensarmut möglich. Dies weil sich die in der Befragung erhobenen Daten laut europäischen Vorgaben auf Januar bis Juni 2019 beziehen.

Laut ersten experimentellen Auswertungen hat sich das Haushaltseinkommen durch die Pandemie jedoch «stark verändert». Wie das BFS schreibt, gaben seither 11,3 Prozent der Bevölkerung an, aufgrund der Pandemie mit Einbussen konfrontiert zu sein. Laut den Statistikern des Bundes sind dies insbesondere jene Menschen, die schon vor der Krise benachteiligt waren.

Caritas kritisierte fehlendes Handeln

«Dass es nicht gelungen ist, die Armut in der Schweiz in einer guten gesamtwirtschaftlichen Lage zu reduzieren, verheisst nichts Gutes für die Zeit nach der Corona-Krise», schreibt die Caritas in einer Stellungnahme zur Armutsstatistik 2020. Wie bereits frühere Untersuchungen zeigten nun auch die ersten Aussagen des BFS zur Pandemie, dass sich die Situation von Haushalten mit tiefen Einkommen zusätzlich verschärft hat.

Dabei hat sich der Bundesrat laut Caritas mit der Unterzeichnung der «Agenda 2030» verpflichtet, die Armut in der Schweiz bis in acht Jahren mindestens um die Hälfte zu reduzieren. «Dieses Ziel rückt in weite Ferne», mahnt die Organisation.

Weiterhin deutlich höhere Einkommen als in der EU

Laut der Armutsstatistik 2020 waren auch bei korrigiertem Preisniveau die durchschnittlich verfügbaren Äquivalenzeinkommen in der Schweiz höher als in der Mehrheit der EU-Länder, wie das BFS schreibt. Konkret 2,6-mal so hoch wie in Griechenland, 1,4-mal so hoch wie in Frankreich und 1,2-mal so hoch wie in Deutschland und 1,1-mal so hoch wie in Österreich.

Trotzdem liegt die Einkommensungleichheit in der Schweiz damit laut BFS unter dem europäischen Durchschnitt. «Trotz des hohen Preisniveaus in der Schweiz ist der Lebensstandard der Bevölkerung also höher als in den Nachbarstaaten und der Mehrheit der EU-Länder», schreiben die Statistiker des Bundes.

Hohe Zufriedenheit – auch zu Pandemiebeginn

Auch die Lebenszufriedenheit ist in der Schweiz nach wie vor hoch. Im ersten Halbjahr 2020 – also zu Beginn der Coronapandemie – waren laut BFS 40,4 Prozent der Bevölkerung ab 16 Jahren mit ihrem jetzigen Leben sehr zufrieden. Bei der letzten europäischen Erhebung 2018 war dieser Anteil nur in Irland, Dänemark, Finnland, Österreich und Norwegen ähnlich hoch wie in der Schweiz.

Gemäss ersten experimentellen Auswertungen des BFS hat die Lebenszufriedenheit in der Schweiz allerdings auch im Lauf der Pandemie nur leicht abgenommen: Im ersten Halbjahr 2021 ist dieser Wert nämlich lediglich auf 36,6 Prozent gesunken.