Der Liebhaber der Trommeln: Drummer Tony Allen verstorben

Der Nigerianische Schlagzeuger Tony Allen ist am Donnerstag im Alter von 79 Jahren aus noch unbekannten Gründen verstorben. Für Brian Eno war der Schöpfer des Afrobeat der «grösste Schlagzeuger aller Zeiten».

Kaspar Enz
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Tony Allen 2015 im Salzhaus Winterthur.

Tony Allen 2015 im Salzhaus Winterthur.

Schlagzeug ist das falsche Wort für das Instrument, das Tony Allen spielte. Denn er schlug seine Felle nicht. Er liebkose sie, sagte er einmal, und er hatte recht. Seine Rhythmen waren nicht mächtig und laut, sie rollten vor sich hin, sanft und doch treibend. Er schichtete sie übereinander, verschob sie ständig, wie wenn er acht Arme hätte. Er wolle aus seinem Schlagzeug ein Orchester machen, es singen und drehen lassen. Nun sind seine Trommeln verstummt. Allen starb gestern unerwartet im Spital Pompidou in Paris.

Tony Allen wurde 1940 in Lagos geboren. Mit 18 brachte er sich das Schlagzeugspiel bei. Die nigerianische Metropole war damals schon ein musikalischer Schmelztiegel: Einheimische Stile wie Juju und Highlife waren ebenso angesagt wie lateinamerikanische Stile und Jazz, der es dem jungen Schlagzeuger besonders angetan hatte. Allen studierte Max Roach und Art Blakey, während er sich in der Musikszene nach oben trommelte. Mit dem Saxophonisten und Sänger Fela Kuti lernte er dabei bald einen gleichgesinnten kennen. Auch er wollte Jazz mit Highlife verbinden, was sie mit der Band Koola Lobitos taten. 1969 tourten sie durch die USA, eine folgenschwere Reise. Als sie zurückkamen, benannte Kuti die Band in Africa '70 um. Sie verband Soul und Funk mit der Polyrhythmik der traditionellen Musik. Und Tony Allens Schlagzeugspiel war das tragende Gerüst dieses neuen Stils, Afrobeat. Darüber wetterte Kuti über die Korruption der Regierung.

Nur mit vier Drummern zu ersetzen

Rund 30 Alben nahm Tony Allen mit Kuti und Africa '70 auf, darunter auch einige Soloalben. Die zeitweise mehrere Dutzend Mitglieder zählende Band war Inspiration und Urzelle für eine zunehmend selbstbewusste afrikanische Musikszene. Ende der siebziger Jahre gingen Allen und Kuti im Streit auseinander. Um das trommelnde Herz des Afrobeat zu ersetzen, heuerte Kuti gleich vier Drummer an.

Allen liess sich bald in Europa nieder, erst in London, dann in Paris. Seine Musik beeinflusste derweil etliche Stile, die hier gerade entstanden. Die Grooves der meist über zehnminütigen Lieder der Africa '70 beeinflussten den Hip-Hop ebenso wie House- und Techno. Musikstile, die auf ständig wiederholten Loops aufbauen. Was dem Altmeister erst etwas befremdlich vorkam. Schliesslich habe er noch nie einen Takt zweimal gleich gespielt.

Groove-Vater einer neuen Generation

Trotzdem fand er sich vor allem im neuen Jahrtausend oft im Studio zusammen mit seinen jungen Fans. Er nahm Alben mit dem französischen Hip-Hop-Produzenten Doctor L oder dem Techno-Urvater Jeff Mills auf, arbeitete mit Sébastian Tellier oder Charlotte Gainsbourg zusammen, und vor allem dem Blur-Sänger Damon Albarn: Mit Albarn und dem Clash-Bassisten Paul Simonon als Supergroup The Good, The Bad & The Queen Mitte der 2000-er Jahre, mit Flea von den Red Hot Chilli Peppers ein Jahrzehnt später. Die Einflüsse aus Rap, Dub und Elektronik waren auch auf seinen Soloalben aus dieser Zeit deutlich zu hören.

Doch wandte er sich in den letzten Jahren wieder seinen Wurzeln zu. Vor Kurzem erschien seine Zusammenarbeit mit dem 2018 verstorbenen südafrikanischen Trompeter Hugh Masekela. In den letzten Monaten soll er für ein neues Projekt mit Musikern in England, den USA und Nigeria zusammengearbeitet haben. Er wolle sich um die Jungen kümmern, sagte er dem «Guardian».