Archäologie
«Hoher technischer Verstand»: Sensationsfund zeigt, wie Menschen im Mittelland vor 5000 Jahren lebten

Vor zehn Jahren wurde am Jurasüdfuss ein Dolmengrab aus der Jungsteinzeit entdeckt. Eben beendete Untersuchungen zeichnen inzwischen ein klares Bild des Lebens vor 5000 Jahren. Vor allem auch, wie aufwendig damals bereits gebaut worden ist.

Peter Walthard
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Der vor zehn Jahren entdeckte Fund im bernischen Oberbipp am Jurasüdfuss erwies sich als ein Glücksfall für die Archäologie.

Der vor zehn Jahren entdeckte Fund im bernischen Oberbipp am Jurasüdfuss erwies sich als ein Glücksfall für die Archäologie.

HO

Entdeckt hatte das Grab im Berner Dorf Oberbipp am Jurasüdfuss ein damals elfjähriger Bauernbub, der mit einem kleinen Bagger einen Stein aus einer Wiese räumen wollte. Dieser erwies sich schliesslich jedoch als Deckplatte eines sogenannten Dolmens. Dabei handelt es sich um eine Grabkammer, die als eine Art Familiengruft diente. Archäologen konnten in der Folge in Oberbipp die Überreste von 42 Männern, Frauen und Kindern identifizieren.

Der Fund des Dolmen habe sich als wahre Schatztruhe für die Wissenschaft erwiesen, bilanziert der Schweizerische Nationalfonds (SNF) am Freitag in einer Mitteilung. Der SNF hatte nach der Entdeckung die Forschung finanziert. In einer vorläufig letzten Studie zum Sensationsfund von Oberbipp publizierte ein Forschungsteam neue Erkenntnisse zum Bau und der Geschichte des Grabes. Dieses zeuge von einem «hohen technischen Verstand», wie es heisst.

So seien gezielt verschiedene Steinarten ausgesucht und sorgfältig zusammengesetzt worden, um den Dolmen zu errichten. «Die Anlage wurde mit grossem Aufwand gebaut», zitiert die Mitteilung Marianne Ramstein vom archäologischen Dienst des Kantons Bern. So sei für die Eingangsplatte Kalktuff ausgewählt worden, eine Gesteinsart, die leicht zu bearbeiten und einzupassen ist. Die Steine seien alle aus einem Umkreis von etwa einem Kilometer herangeschafft worden.

Informationen aus dem jungsteinzeitlichen Hinterland

Zusammen mit der Universität Bern untersuchte Ramstein auch, was mit dem Grab in späteren Epochen der Geschichte passierte. Sie geht davon aus, dass der Dolmen zur Römerzeit und im Frühmittelalter noch sichtbar war. Im Mittelalter aber wechselten die Bewohner der Region zu einer neuen landwirtschaftlichen Methode: Die Fläche wurde regelmässig gezielt überflutet, um die Fruchtbarkeit des Bodens zu erhöhen.

Dadurch lagerte sich im Laufe der Jahrhunderte Sediment ab. Die Grabkammer wurde zugedeckt und durch feines Schwemmmaterial abgedichtet. Zu Beginn der Neuzeit ragte nur noch die Spitze des Dolmens über die Erdoberfläche. Für die Archäologie ein Glücksfall: «Diese lokaltypische Landwirtschaftsform verhinderte eine frühere Entdeckung und hat zur besonders guten Erhaltung des Baus beigetragen», so Ramstein.

Mit modernen Methoden liess sich so viel über die im Dolmen beigesetzten Menschen in Erfahrung bringen. Dies war umso wertvoller, da bisherige Informationen über die Jungsteinzeit vor allem aus den sogenannten Pfahlbauersiedlungen an den grossen Seen des Mittellandes stammten. «Aber über die Menschen, die damals im Hinterland lebten, war bisher praktisch nichts bekannt», sagt Marianne Ramstein.

Erste Europäer lebten ethnisch separiert

Die Ergebnisse der Untersuchungen flossen auch in neue Erkenntnisse über die ethnischen Umwälzungen, die Europa vor 5000 Jahren erfassten und aus denen die heutige Bevölkerung des Kontinents hervorging. Sie waren geprägt von der Invasion eurasischer Völker aus den Steppen, die heute zu Russland und der Ukraine gehören. Die Neuankömmlinge wiesen eine genetische Mutation auf, die es ihnen erlaubte, Milchzucker zu verdauen – Europas Ureinwohner waren dagegen laktoseintolerant.

Im Rahmen eines grossen Forschungsprojekts, in dem auch die Daten aus Oberbipp ausgewertet wurden, konnte aufgezeigt werden, dass die Volksgruppen in Mitteleuropa während mehreren Jahrhunderten koexistierten, ohne sich zu vermischen.

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