Tiktok heisst der neueste Trend unter Jugendlichen – und so ticken die Nutzer

Das soziale Netzwerk Tiktok ist der derzeit angesagteste Exportschlager aus China. Warum es Facebook und Instagram den Rang abläuft.

Raffael Schuppisser (Text) und Oliver Marx (Illustration)
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Mark Zuckerberg, der gewitzte Harvard-Student, ist angetreten mit der Mission, die Welt zu vernetzen. Damals, 2004, durften Jungunternehmen noch Visionen haben. Heute würde kein Gründer mehr solche Pläne verkünden.

Längst ist klar: das eine Netzwerk wird es nie geben. Vielmehr zeigt sich, dass jede Generation ihr eigenes Social Network hat. Kaum ein Teenie würde heute noch ein Facebook-Konto eröffnen – höchstens, um mit den Grosseltern in Kontakt zu bleiben.

Deshalb hat Zuckerberg Instagram in sein Universum einverleibt. Doch eine neue Generation ist herangewachsen, die sich auf Snapchat vernetzt. Und natürlich ist auch das nicht ewig «the place to be». Auf Snapchat folgt nun Tiktok. Keine andere App eines sozialen Netzwerks wird derzeit so viel heruntergeladen wie Tiktok.

Teenager sind die Stars der App

Während über 40 Prozent der Schweizer Jugendlichen auf dem sozialen Netzwerk präsent sind oder es zumindest schon getestet haben, haben 50 Prozent der 60- bis 70-Jährigen noch nie davon gehört. Die andere Hälfte nutzt es nicht – abgesehen von zwei Prozent, die es «schon ausprobiert» haben. Das zeigt eine Umfrage des Gottlieb-Duttweiler-Instituts.

Eine Erklärung scheint angebracht: Auf Tiktok stellen Jugendliche kurze Videos online, selten länger als zehn Sekunden und immer im Hochformat. Beliebt sind vor allem Karaoke-Gesang und Slapstick.

Im Vergleich dazu nimmt sich Youtube aus wie ein biederes Bildungsportal mit epischen Beiträgen. Die Stars sind hier Teenager, von den zehn Nutzern mit den meisten Followern sind neun unter 20 Jahren.
Wer über 30 ist und sich auf Tiktok begibt, macht sich verdächtig, pädophil zu sein.

Der dritte Weltkrieg ist schon ausgebrochen

Politische Beiträge findet man selten. Ausgenommen ein paar US-Journalisten, die Trendsetter spielen und den Wahlkampf im Tiktok-Stil der Jugend näher bringen wollen – mit mässigem Erfolg. Und hysterischen Teenies, die nach der Ermordung des iranischen Generals Qasem Soleimani ihrer Gefolgschaft erklären, warum nun der dritte Weltkrieg ausbreche.

Im Grundsatz funktioniert Tiktok wie jedes andere soziale Netzwerk. Man liket und wird geliket. Dennoch ist etwas anders als bei Facebook, Instagram, Snapchat, Linkedin und Twitter.

Tiktok stammt nicht aus den USA. Es ist das erste soziale Netzwerk aus China, das sich global viral verbreitet. Das geht mit Angst einher. China könnte den Westen über Tiktok ausspionieren, heisst es.

Und es grassieren Zensurvorwürfe. In der Tat hat Tiktok die Reichweite von Videos eingeschränkt, die von Homosexuellen und Behinderten verbreitet wurden. Und chinakritische Inhalte sind von der Plattform verschwunden. Übernimmt China die Weltherrschaft der sozialen Medien?

Nun, Tiktok wird bestimmt nicht das letzte soziale Netzwerk sein. Bald wirkt es angestaubt, und die neue Generation, die nun gerade den Windeln entwächst, formiert sich auf einer neuen Plattform. Sie muss nicht aus China stammen. Wie wär’s in Zeiten des digitalen Humanismus mit einem Hoch auf den Datenschutz und einem europäischen globalen Netzwerk?