Neue Studie zeigt: Stadt Zürich war in den Sklavenhandel verstrickt

Ein neuer Bericht der Universität Zürich zeigt, wie die Stadt Zürich und die einflussreiche Familie Escher im 18. und 19. Jahrhundert am Sklavenhandel beteiligt waren.

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Ein Postulat forderte Aufklärung über die Beteiligung der Familie Escher am Sklavenhandel.

Ein Postulat forderte Aufklärung über die Beteiligung der Familie Escher am Sklavenhandel.

Keystone

(agl) Die Forschenden zeigen auf, dass sowohl die Stadt Zürich selbst, als auch die Zürcher Textilindustrie und Bürger wie die Familie Escher auf die eine oder andere Weise involviert waren. In Auftrag gegeben hatte den am Dienstag publizierten Bericht das Zürcher Präsidialdepartement. Das Fazit der Wissenschafter: Die Stadt Zürich hat von 1727 bis mindestens 1798 in das Geschäft mit dem Sklavenhandel investiert.

So habe die Stadt selbst Anteile der im Sklavenhandel aktiven South Sea Company gekauft, dies nach dem Vorbild der Stadt Bern. «Mit einer durchschnittlichen Rentabilität von fünf bis zehn Prozent lockten im Sklavenhandel ansehnliche Gewinne, die wesentlich höher waren als die Zinserträge in Zürich und in den Nachbarkantonen», heisst es im Bericht. Die halbstaatliche Zinskommission Leu & Co hat gemäss den Autoren zudem staatliche und private Gelder in Geschäfte mit Sklaverei und Sklavenhandel investiert, insbesondere im Zusammenhang mit der Sklavereiwirtschaft auf den dänischen Antillen.

Eschers Grossvater investierte in Sklavenschiff

Der Bericht arbeitet ebenfalls die Verknüpfungen der Familie von Wirtschaftsführer, Eisenbahnunternehmer und Politiker Alfred Escher mit dem Sklavenhandel auf. Im Jahr 2019 konnte nachgewiesen werden, dass die Familie Anfang des 19. Jahrhunderts auf Kuba eine Kaffeeplantage mit über 80 Sklaven besass. Der Bericht zeigt nun, dass Alfred Eschers Grossvater Caspar in mindestens ein Sklavenschiff investiert hat.

Eschers Vater Heinrich handelte derweil unter anderem mit Kolonialwaren und Baumwolle und beteiligte sich damit gemäss den Historikern am System der Sklavenplantagen. Er war es auch, der den Erwerb der Kaffeeplantage ermöglichte, die während 25 Jahre von seinem Bruder betrieben wurde. Alfred Escher selbst besass laut dem Bericht derweil weder Plantagen noch Sklavinnen. Er sei am Rande in die Geschäfte der Kaffeeplantage involviert gewesen und habe seinem Vater bei deren Verkauf geholfen. Weiter wehrten sich die beiden vor Gericht erfolgreich gegen die Vorwürfe, in Sklaverei involviert gewesen zu sein.

Baumwollindustrie verwendete Rohstoffe von Sklavenplantagen

Eine klare Beteiligung zeigt der Bericht derweil für die Zürcher Baumwollindustrie auf. Im 18. Jahrhundert stellte diese bedruckte Stoffe her, die unter anderem als Tauschwert gegen Sklavinnen und Sklaven in Westafrika verwendet wurden. «Im 19. Jahrhundert bezog die wachsende Zürcher Baumwollindustrie ihren Rohstoff überwiegend aus den Amerikas, wo er bis 1860 hauptsächlich auf Sklavenplantagen im Süden der USA angebaut wurde», heisst es im Bericht weiter.

Die Schweizer Bezüge zur Sklaverei sind seit über 100 Jahren bekannt, systematisch geforscht wird jedoch erst seit knapp 20 Jahren, eine grössere Debatte gibt es seit 2003. Der neue Bericht der Universität Zürich geht derweil auf ein Postulat der Stadtzürcher SP und der Alternativen Liste zurück, das die Förderung einer historisch-kritischen Forschung zu den Verwicklungen der Familie Escher in die Sklaverei verlangte. Der Bericht stellt zudem weitere Beispiele von Zürchern vor, die in die Strukturen des Sklavenhandels eingebunden waren.