Pro & Contra

Nützt oder schadet Corona dem Klimaschutz? Zwei Meinungen aus der Redaktion

Der Lockdown hat vorübergehend zu weniger Mobilität und weniger Umweltverschmutzung führt. Ob der Corona-Schock nachhaltig ist und den CO-Abdruck verkleinert, ist umstritten. Ein Pro und Contra aus der Redaktion.

Bruno Knellwolf/Katja Fischer De Santi
Drucken
Teilen

Bruno Knellwolf, Redaktor Wissen: «Es schadet: Verzicht rettet das Klima nicht»

Bruno Knellwolf

Bruno Knellwolf

Keine Staumeldungen am Morgen, keine Flugzeuge am Himmel. Der Lockdown hat die Mobilität um einen Drittel reduziert und damit auch seine schädlichen Ausscheidungen. Kein Wunder wünscht sich nun mancher, dass unser CO2-Fussabdruck durch den Corona-Denkanstoss kleiner wird.

Mag sein, dass Chefs und Arbeitgeber gesehen haben, dass der Weg ins Büro öfter eingespart werden kann. Vielleicht wird die eine oder andere auf ein Weekend-Shopping in London verzichten. Doch der Lockdown wird nicht nachhaltig sein. Der freiwillige Verzicht wird das Klima nicht retten und auch kostenintensive Staatsinterventionen dafür werden in den vom Coronavirus gebeutelten Ländern keine Chance haben.

Ein ewiger Lockdown mit gedrosselter Wirtschaft ist aber auch nicht der richtige Weg. Während des Stillstands ist nur ein Teil des CO2-Ausstosses reduziert worden, Ernährung und Heizung tragen mehr zum Treibhauseffekt bei. Um das Klima zu retten, reicht es aber nicht, einen Teil des CO2-Ausstosses zu reduzieren. Langfristig muss ganz auf das Verbrennen von Kohle, Öl und Gas verzichtet werden.

Zwei der wichtigsten Faktoren des CO2-Austosses sind die Bevölkerungsgrösse und deren wirtschaftliche Aktivität, von der wir leben. Hand anlegen muss man an den anderen Treibern, der Energieeffizienz und der Art der Energie, die fossilfrei sein muss. In Frage kommt nur noch CO2-freie Energie – erneuerbare, nukleare und solche der Geothermie. Dafür muss nicht gedrosselt, sondern investiert werden. Es braucht neue Technologien und CO2-neutrale Energie sowie eine Politik, die dafür so entschlossen vorgeht wie gegen das Coronavirus. Dafür muss die Not aber erst erkannt werden.

Katja Fischer De Santi, Redaktorin Leben: «Es nützt: Wer zu spät handelt, wird bestraft»

Katja Fischer De Santi

Katja Fischer De Santi

Unfassbar hohe Summen werden gerade zur Rettung der Wirtschaft bereitgestellt. Der Motor soll so schnell wie möglich wieder brummen, am besten noch lauter als zuvor. Die Luftfahrt und die Autoindustrie gehören zu jenen Branchen, die mit am lautesten um Hilfspakete betteln. Als just jene, die sich beim Klimaschutz am schwersten tun. Sie sollen und werden Geld bekommen. Sie werden sich damit aber nicht mehr so leicht aus der Verantwortung stehlen können.

Die Klimakrise ist durch die Coronapandemie in den Hintergrund getreten. Doch das Problem ist geblieben, wird sich verschärfen. Die Pandemie hat eindrücklich gezeigt: Wer wie die USA oder England nicht auf Wissenschafter hört, wer zu spät handelt, selbst mit einer Notbremse nicht mehr davon kommt. Wir haben nicht die Zeit, in eine nicht zukunftstaugliche Wirtschaft zu investieren.

Wir haben nicht die Ressourcen, zwei so grosse Krisen wie die Pandemie und den Klimawandel unabhängig voneinander zu bekämpfen. Kluge Politiker und Wirtschaftsführer werden solche Investitionen nach vorne schieben, bei denen wir sowohl die Folgen der Coronakrise bekämpfen als auch den Klimaschutz voranbringen. Krisen sind oft Knotenpunkte von Entwicklungen. Da werden Dinge möglich, die man sich vorher nicht hätte vorstellen können.

Es wird in den nächsten Monaten um die Deutungshoheit über die Zukunft gehen. Wie wollen wir weitermachen? In was für einer Welt leben? Statt von einer Krise in die nächste zu stolpern, wollen die Menschen Wege in eine bessere Zukunft sehen. Das Jahr 2020 könnte ein weiteres Hitzejahr werden, spätestens dann wird sich der Fokus ändern.

Mehr zum Thema