CHAMPIONS LEAGUE
Streitende Bayern, träumende Dortmunder, mauernde Londoner und königliche Madrilenen – vier Rückspiele, vier Geschichten

Vor den Rückspielen im Viertelfinal der Champions League sind die Vereine mit sich selber beschäftigt – im Guten wie im Schlechten. Vier Episoden aus München, Dortmund, London und Madrid.

Frederic Härri
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Wenn zwei sich streiten, freut sich PSG?: In München befehden sich der Cheftrainer und der Sportvorstand

Wegen der Maske nicht zu sehen, aber Hansi Flick (rechts, hier neben Urs Fischer) regt sich gerade mächtig wegen seines Sportchefs auf.

Wegen der Maske nicht zu sehen, aber Hansi Flick (rechts, hier neben Urs Fischer) regt sich gerade mächtig wegen seines Sportchefs auf.

Sven Hoppe / Dpa

1:1 gegen Union Berlin hin oder her: Bayern München stürmt in der Liga zur gefühlt 138. Meisterschaft in Serie. Doch das kümmert die Macher an der Säbenerstrasse und die Journalisten rund um den Klub gerade nur am Rande. Was jene Personen wirklich umtreibt, das ist der Zwist zwischen Hansi Flick und Hasan Salihamidzic. Die beiden keiften sich zuletzt in aller Heftigkeit und scheinen sich auch nach einer öffentlich vorgetragenen Befriedung noch immer nicht vollends vertragen zu haben. Dem Vernehmen nach soll Cheftrainer Flick unzufrieden damit sein, welche Spieler ihm Sportvorstand Salihamidzic im vergangenen Sommer in den Kader gestellt hat. Neuzugänge wie die kurzfristig verpflichteten Douglas Costa, Bouna Sarr oder Marc Roca überzeug(t)en nicht und helfen der Mannschaft in der heissen Phase der Saison nicht weiter.

Und gerade jetzt, vor dem Viertelfinal-Rückspiel in Paris, wäre es für den amtierenden Titelhalter Bayern doch so entscheidend, wenn die Besten und Formstärksten auf dem Platz stünden. Es gilt, gegen Paris Saint-Germain einen ärgerlichen 2:3-Rückstand aus der Vorwoche aufzuholen. Ein Weiterkommen wäre dem Haussegen in München mit Bestimmtheit zuträglich. Vielleicht hätten sich «Brazzo» und Hansi dann ja sogar wieder ein bisschen gern. Ob Flick im kommenden Sommer dann auch den Job als Bundestrainer ausschlagen würde, das weiss nur er selbst.

Abwehrstärke wiedergefunden: Bei Chelsea erinnert vieles an Mourinho

Der deutsche Trainer Thomas Tuchel impft seiner Mannschaft eine defensive Mentalität ein.

Der deutsche Trainer Thomas Tuchel impft seiner Mannschaft eine defensive Mentalität ein.

John Walton / AP

Seit Ende Januar sitzt Thomas Tuchel auf dem Trainerstuhl des FC Chelsea. Und sieht man mal vom deftigen 2:5 gegen West Brom ab, wirken die Auftritte wie in den besten Zeiten unter José Mourinho: Hinten steht man sicher, vorne begnügt man sich mit wenigen Toren, weil es ja reicht, eines mehr als der Gegner zu schiessen. Exemplarisch für den Wandel unter Tuchel stehen etwa die 1:0- und 2:0-Siege im Achtelfinal gegen Atlético. Auch das Viertelfinal-Hinspiel dient als Beispiel, als die Londoner den gastgebenden Portugiesen zwar besonders im ersten Umgang viele Chancen zugestehen, mit Glück und Geschick aber einen Rückstand abwehren können. Auf der Gegenseite trifft Mason Mount Mourinho-like mit dem allerersten Torschuss zur Führung, kurz vor Schluss versüsst Linksverteidiger Ben Chilwell die Ausgangslage.

Fazit: Um mit einem fast schon vorentscheidenden 2:0 im Gepäck ins Rückspiel zu gehen, braucht man nicht unbedingt den schöneren Fussball zu spielen. Wegen der Reiserestriktionen nach London findet die Partie nicht an der Stamford Bridge, sondern im Ramon Sanchez Pizjuan in Sevilla statt.

Doch nicht so übel: In Dortmund fangen sie wieder an zu träumen

Urgewalt erdrückt Teenager (vor Freude): Erling Haaland gratuliert Ansgar Knauff zu dessen erstem Bundesliga-Tor.

Urgewalt erdrückt Teenager (vor Freude): Erling Haaland gratuliert Ansgar Knauff zu dessen erstem Bundesliga-Tor.

Christian Kaspar-Bartke / EPA

Borussia Dortmund gibt in dieser Saison Rätsel auf. Da spielen die Schwarz-Gelben gegen Köln nur Unentschieden und vermasseln das kapitale Spiel gegen Eintracht Frankfurt ums Eintrittsticket für die Königsklasse in der neuen Spielzeit. Mit der Konsequenz, dass nicht einmal mehr der Kühnste unter den Fussballexperten sich noch traut, einen Rappen auf einen Erfolg Dortmunds im Viertelfinale gegen Manchester City zu setzen.

Nur um dann im Hinspiel gegen besagte Citizens ein Spiel darzubieten, in welchem sie mindestens gleichwertig, wenn nicht phasenweise gar besser als das hochgelobte Starensemble von Pep Guardiola sind. Am Ende bekunden die Dortmunder Pech, dass sie sich den Gegentreffer zum 1:2 erst ganz spät einfangen und zuvor Jude Bellinghams reguläre Intervention vor dem vermeintlichen 1:0 vom Schiedsrichter als Foul geahndet wird. Wirklich ärgern mochte sich bei den Borussen angesichts der tollen Leistung aber niemand richtig.

Vielmehr ist in Dortmund auf einmal wieder Träumen erlaubt, dass das doch noch was wird mit einer erfolgreichen Kampagne. Am Samstag kehrte der BVB einen Rückstand in Stuttgart in einen 3:2-Sieg, mit Ansgar Knauff, 19 Jahre alt, traf der nächste Teenager aus der Talentschmiede. Wunderknabe Erling Haaland, der nun dreimal nacheinander ohne Treffer geblieben war, gegen den VfB aber mal eben den schnellsten Sprint (36,04 km/h) aller Bundesligaspieler in dieser Saison hinlegte, dürfte seine Erfolgsquote von 20 Toren in 15 Champions-League-Spielen gegen City wohl nur allzu gerne ausbauen wollen. Ein 1:0-Sieg im Signal Iduna Park würde fürs Weiterkommen genügen.

Die «Alten» glänzen: Real ist da, wenn es drauf ankommt

Auf ihn ist Verlass: Auch dank Karim Benzema schnuppert Real Madrid in dieser Saison noch an zwei Titeln.

Auf ihn ist Verlass: Auch dank Karim Benzema schnuppert Real Madrid in dieser Saison noch an zwei Titeln.

Manu Fernandez / AP

Wie oft war das Real Madrid unter Zinédine Zidane schon totgesagt worden. Zu alt, zu satt, zu behäbig, zu vorhersehbar – das sind nur einige der Umschreibungen, die sich die Königlichen für ihr Gebaren auf dem Platz regelmässig anhören müssen. Derzeit aber gehen den Kritikern die Argumente allmählich aus. Vor einer Woche ringt Real den FC Liverpool mit 3:1 nieder, wenige Tage später schiebt es sich an gleicher Stelle dank eines 2:1-Sieges gegen Erzfeind Barcelona vorübergehend an die Tabellenspitze in La Liga.

Es scheint, als hätten sich die Madrilenen den Hunger bewahrt, als seien sie noch immer da, wenn es drauf ankommt. Vieles erinnert an die beste Zeit unter Zidane, an die Jahre von 2016 bis 2018, als man la tripleta schaffte, den Titel-Hattrick in der Königsklasse. Und ausgerechnet zwei der «Alten», jener Helden aus dieser mit Edelmetall reich beschenkten Ära, erweisen sich gerade als die grössten Trümpfe: Karim Benzema, der kaltblütige Vollstrecker, und Toni Kroos, sein magistral aufspielender Zuarbeiter im Mittelfeld, der am Samstag sein erstes Clásico-Tor erzielt hat.

Auf der anderen Seite in diesem Viertelfinal-Duell steht ein Liverpool, das in dieser Saison allzu wechselhaft agiert und konsterniert erkennen muss: Das heimische Anfield ist keine Festung mehr. Am Wochenende gegen Aston Villa, beim 2:1-Sieg, schoss Mohamed Salah das erste (!) Heimtor aus dem Spiel heraus im Jahr 2021. Die restlichen Tore waren allesamt nach einem Elfmeter gefallen. Gegen ein Real Madrid in der jetzigen Form wäre ein wenig Spielwitz wohl nicht verkehrt.