Neue Cheftrainerin
Bruce-Martin soll das Vertrauen bei den Kunstturnerinnen wieder zurückgewinnen

Beim Schweizerischen Turnverband blieb kein Stein auf dem anderen. Mit der neuen Nationaltrainerin Wendy Bruce-Martin möchte man das verloren gegangene Vertrauen nach den Skandalen bei den Kunstturn-Frauen wieder aufbauen.

Gabriel Vilares
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Die ehemalige amerikanische Spitzenturnerin Wendy Bruce-Martin ist neue Cheftrainerin im Kunstturnen Frauen.

Die ehemalige amerikanische Spitzenturnerin Wendy Bruce-Martin ist neue Cheftrainerin im Kunstturnen Frauen.

Thomas Ditzler/STV

Für den Schweizerischen Turnverband (STV) neigt sich ein äusserst turbulentes Jahr dem Ende entgegen. Bereits Ende Oktober 2020 nahm alles seinen Lauf, als in den sogenannten «Magglingen Protokollen» Turnerinnen vom Leid berichteten, welches sie im Spitzensport erlebten. Die ehemaligen Kunstturnerinnen Lynn Genhart und Fabienne Studer erhoben gegen den damaligen Cheftrainer im Kunstturnen der Frauen, Fabien Martin, schwere Vorwürfe. Es ging um Beleidigungen, um Mobbing, um eine Angstkultur.

Gemäss der Ethikkommission, die vom STV nach den Skandalen eingesetzt worden war, sei insbesondere die psychische und physische Gesundheit von Athletinnen zu wenig geschützt worden. Der französische Cheftrainer und sein Trainerteam wurden im September als Folge davon und vom sportlichen Misserfolg freigestellt. Zuvor mussten die Verantwortlichen in den operativen Führungspositionen ihren Job allesamt räumen. Der Neubeginn nahm seinen Lauf.

Steingrubers Erfolgstrainer Fabien Martin musste nach Skandalen gehen.

Steingrubers Erfolgstrainer Fabien Martin musste nach Skandalen gehen.

Salvatore Di Nolfi / KEYSTONE

Ex-Spitzenturnerin, Mentalcoach und Psychologin

Seit Freitagnachmittag ist klar, wer die Kunstturnerinnen wieder auf die Erfolgsspur zurückführen soll. Wendy Bruce-Martin heisst die neue Cheftrainerin. Die 48-jährige Amerikanerin ist ehemalige Spitzenturnerin, gewann 1992 in Barcelona Olympia-Bronze mit dem US-Team, bringt Erfahrungen als Trainerin, Choreografin und Mentaltrainerin mit und besitzt einen Abschluss in Psychologie.

Besonders die Erfahrungen im psychologischen Bereich dürften bei der Ernennung eine übergeordnete Rolle gespielt haben. Beim STV will man Sport auf höchstem Niveau betreiben, aber nicht zu jedem Preis. «Wir sind weiterhin daran, die Vergangenheit aufzuarbeiten und wollen aus dem Geschehenen lernen. Für uns stehen die Athletinnen dessen Wohlergehen und Erfolg im Vordergrund», so Béatrice Wertli, Direktorin des STV.

Langfristige Zusammenarbeit

Im Oktober übernahm Bruce-Martin zusammen mit Anthony Retrosi interimistisch, konnte den Vorstand mit ihrer hohen Sozialkompetenz überzeugen. «Ich will eine Kultur und ein Trainingsumfeld schaffen, das die Athletinnen in einem umfassenden Sinne fördert und ihnen Fähigkeiten vermittelt, die sie dabei unterstützen, sowohl im Sport als auch im Leben erfolgreich zu sein», so die neue Cheftrainerin.

Mit der Amerikanerin werden langfristige Ziele verfolgt, eine Strategie, in der die Olympischen Spiele 2028 ins Visier genommen werden. Deshalb erhält sie auch einen unbefristeten Kontrakt. Nach dem Rücktritt der besten Schweizer Kunstturnerin aller Zeiten, Giulia Steingruber, warten schwierige Aufgaben auf Bruce-Martin. Dessen ist sie sich bewusst. «Wir wollen beweisen, dass wir erfolgreich sein können, ohne das Wohlsein zu gefährden. Ich werde das Vertrauen langsam aufbauen. Jeder der unsere Arbeit begutachten will, kann das tun. Unsere Türen stehen stets offen.»