Basler Strafgericht
Verteidigerin fordert Freispruch in Vergewaltigungsfall von Heuwaage: 20-Jähriger sei unschuldig

Ende Oktober 2021 soll ein junger Mann eine Frau in der Unterführung bei der Heuwaage vergewaltigt und zuvor eine weitere sexuell belästigt haben. Am Dienstag verhandelte das Basler Strafgericht den Fall. Das Urteil wird am Freitag gefällt.

Silvana Schreier
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Hier soll die Vergewaltigung passiert sein: Unterführung Lohweg bei der Heuwaage.

Hier soll die Vergewaltigung passiert sein: Unterführung Lohweg bei der Heuwaage.

Roland Schmid

Während einer Halloween-Party im Balz-Club lernte Anisa T.* Jusuf B.* kennen. Nachdem sie gegen vier Uhr gemeinsam das Lokal verliessen, soll es in der Unterführung Lohweg bei der Heuwaage zur Vergewaltigung gekommen sein.

Jusuf B. muss sich am Dienstag vor dem Basler Strafgericht verantworten. Ihm werden Vergewaltigung, sexuelle Belästigung und Nötigung vorgeworfen. Er sitzt aktuell in Untersuchungshaft.

Er soll sich dicht hinter sie gestellt haben

Vorerst geht es vor Gericht um den Anklagepunkt der sexuellen Belästigung an einer zweiten Klägerin. Der Beschuldigte streitet dies ab. Die junge Frau sagt als Auskunftsperson vor Gericht aus: Sabrina L.* erkennt Jusuf B. von der Nacht vor dem Balz-Club. Er soll sich in der Warteschlange vor dem Lokal dicht hinter sie und ihre Freundin gestellt und an ihr gerochen haben.

«Wir sagten ihm, er soll aufhören», so Sabrina L. Doch weder auf die Ansprache auf Deutsch noch auf diejenige auf Englisch reagierte der Angeklagte. Da es der Freundin später schlecht gegangen sei, verliessen die beiden Frauen den Wartebereich. Jusuf B. soll sich ihnen in den Weg gestellt haben. «Wir drückten uns vorbei, sagten aber nichts mehr, da wir nach Hause wollten», so die junge Frau.

Beschuldigter sieht Schuld nicht bei sich

Auch den zweiten Vorhalt, Jusuf B. soll Anisa T. sexuell genötigt und vergewaltigt haben, bestreitet der Beschuldigte. Es sei zu sexuellen Kontakten gekommen, allerdings im gegenseitigen Einverständnis.

Beim Vorfall in der Unterführung Lohweg bei der Heuwaage soll gar Anisa T. die sexuelle Handlung initiiert haben, beschreibt Jusuf B. vor Gericht. Sie habe sein Geschlechtsteil berührt, sich selbst die Strumpfhose heruntergezogen. Er habe sich eigentlich nur selbst befriedigen wollen, sagt er.

Nach dem Vorfall in der Unterführung suchte Anisa T. ihre Freundin, die noch im Balz-Club war. Anschliessend zeigte sie den Beschuldigten an.

Nach dem Vorfall in der Unterführung suchte Anisa T. ihre Freundin, die noch im Balz-Club war. Anschliessend zeigte sie den Beschuldigten an.

Roland Schmid

«Ich war weg mit dem Kopf»

«Es ging alles sehr schnell», sagt Anisa T. vor Gericht. Sie schildert ihre Erinnerungen an die Nacht vom 28. auf den 29. Oktober 2021. Jusuf B. soll sie vergewaltigt haben, sie habe mehrfach «Stopp» gesagt. Nach einiger Zeit sei sie in eine Schockstarre verfallen. Sie sei mit den Gedanken abgeschweift.

«Ich war weg mit dem Kopf, ich habe es nicht realisiert.»

Angeklagter suchte Kontakt zu mehreren Frauen

Für Staatsanwältin Simone Lustenberger ist klar: Jusuf B. hat sich der sexuellen Belästigung zum Nachteil von Sabrina L. und der Vergewaltigung von Anisa T. schuldig gemacht. Trotz Erinnerungslücken bei letzterem Opfer könne die Tatnacht dank Videoaufnahmen aus dem Balz-Club detailliert nachvollzogen werden.

Schon im Club selbst fiel Jusuf B. auf, schildert Lustenberger. Auf den Videoaufnahmen sei zu sehen, wie er sich mehreren Frauen aufdringlich genähert hat und eindeutig Kontakt suchte. «Es hätte an diesem Abend gut auch eine andere Frau treffen können», so die Staatsanwältin. Mit Anisa T. habe er sich ein Opfer ausgesucht, das aufgrund seines Alkoholkonsums bereits geschwächt war.

Lustenberger fordert eine bedingte Haftstrafe von 24 Monaten sowie eine Busse von 1000 Franken. Zudem sei ein Landesverweis für die Dauer von acht Jahren auszusprechen und Jusuf B. aus der Schweiz auszuweisen.

Vom gesamten Abend im Balz-Club gibt es Videoaufnahmen. Doch die mutmassliche Vergewaltigung soll im öffentlichen, nicht überwachten Raum stattgefunden haben.

Vom gesamten Abend im Balz-Club gibt es Videoaufnahmen. Doch die mutmassliche Vergewaltigung soll im öffentlichen, nicht überwachten Raum stattgefunden haben.

Roland Schmid

12'000 Franken Genugtuung gefordert

Opferanwältin Anina Hofer schliesst sich den Forderungen der Staatsanwältin an. Sie betont in ihrem Plädoyer, dass Anisa T. in ihrer seelischen, körperlichen und psychischen Integrität stark beeinträchtigt worden sei und weiterhin Therapie brauche, um den Vorfall aufzuarbeiten. Vom Angeklagten fordert sie für ihre Mandantin eine Genugtuung über 12'000 Franken.

Verteidigerin Martina Horni sieht die Sachlage anders.

«Es hat einen Freispruch in allen Anklagepunkten zu geben und nichts anderes.»

Sie vermisse die Nüchternheit in der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft. Diese würde selber Interpretationen von Aussagen und Beweisen vornehmen. Zudem soll sie verschweigen, dass im rechtsmedizinischen Gutachten zu Anisa T.s Verletzungen klar hervorgehe, dass diese nicht zwingend auf eine Vergewaltigung hinweisen.

Aussage gegen Aussage

Auch die Videobeweise, auf die ein Grossteil der Anklage abstützt, seien nicht eindeutig, so Horni. Mehrere Aufnahmen stammten von Infrarotkameras und darauf seien zwar Personen, aber nicht exakte Identitäten zu erkennen, führt die Verteidigerin aus. «Die Staatsanwaltschaft macht ihre eigene Interpretation, um ein Motiv zu zeichnen und meinen Mandanten in ein schlechtes Licht zu rücken.»

Aufgrund der Aussage-gegen-Aussage-Situation, was die mutmassliche Vergewaltigung in der Unterführung beim Lohweg betrifft, sei Jusuf B. freizusprechen, schlussfolgert Horni am Dienstagabend. «Ein Mädchen behauptet – anders kann man es nicht sagen –, vergewaltigt worden zu sein. Darum sitzt mein Mandant seit sechs Monaten in Haft.»

Das Gericht zieht sich zur Beratung zurück. Das Urteil wird am Freitagmorgen gefällt.

* Namen der Redaktion bekannt.