Zugunfall
Passagier rannte mit Hand in Zugtüre 45 Meter mit: Bericht listet Unfallursachen auf

Im März 2020 kam es am Bahnhof Bern zu einem dramatischen Zwischenfall, der noch glimpflich verlief. Jetzt liegt der Schlussbericht der Sicherheitsuntersuchungsstelle vor. Dieser verortet in einzelnen Bereichen Sicherheitsdefizite.

Dario Pollice
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Glück im Unglück: ein Mann klemmte seine Hand in eine Zugtüre ein und konnte sie nach 45 Meter Fahrt befreien. (Symbolbild)

Glück im Unglück: ein Mann klemmte seine Hand in eine Zugtüre ein und konnte sie nach 45 Meter Fahrt befreien. (Symbolbild)

Keystone

Der Passagier ist wohl mit dem Schock seines Lebens davongekommen: Am 1. März 2020 hat ein Mann beim Bahnhof Bern um 01.09 Uhr versucht, eine schliessende SBB-Zugtüre mit der Hand aufzuhalten, und wurde dabei eingeklemmt. Als sich der Zug in Bewegung setzte, rannte der Reisende mit eingeklemmter Hand rund 45 Meter neben dem Zug her, ehe er sich befreien konnte.

Der Vorfall weckte böse Erinnerungen: Am 4. August 2019 war ein Zugbegleiter der SBB in Baden auf dem Perron von einer Türe eingeklemmt und kilometerweit mitgeschleift worden - der 54-Jährige verstarb. Der Schlussbericht der Schweizerischen Sicherheitsuntersuchungsstelle (Sust) legte dar, dass der Einklemmschutz des Einheitswagens IV versagt hatte. Nun liegt auch der finale Bericht der Sust zum Vorfall von 2020 vor. Demnach haben verschiedene Faktoren zum Unfall geführt.

Gummiprofil ist zu steif

Da wäre zum einen das Gummiprofil der Einklemmschutzleiste. Aktuell sind laut Bericht bei den Eurocity-Reisezugwagen, den Einheitswagen IV und Intercity-Steuerwagen drei Generationen von Gummiprofilen im Einsatz.

Der Zugpassagier hat seine Hand in einer Türe eingeklemmt, welche das Profil der Generation 2 besass. Diese weist jedoch wegen der Brandschutznorm eine «merklich höhere Steifigkeit und Härte» auf als die anderen Profile, wie die Sust schreibt. Das heisst: Personen oder Gegenstände, die während dem Schliessvorgang die Türvorderkante berühren, können nicht zuverlässig erkannt werden.

Ein weiteres Problem verortet die Sust beim Magnetsensor. Hat die Türe beim Schliessvorgang 98 Prozent des Schliessweges erreicht, schaltet der Sensor «Türe 98 Prozent geschlossen» den Einklemmschutz ab. Dieser Sensor funktioniert «zu ungenau», so die Schlussfolgerung der Sust.

Passagiere vermehrt sensibilisieren

Doch auch menschliche Aspekte haben zum Unfall beigetragen. So wollte der Passagier noch einsteigen, obwohl sich die Türen bereits schlossen. Dabei betätigte er nicht den Türknopf, sondern griff mit der Hand an die Einklemmschutzleiste. Offenbar vertraute der Passagier darauf, dass sich die Türe wieder öffnet, wenn in die Türe greift, heisst es im Bericht.

Die Sust spricht abschliessend eine Sicherheitsempfehlung aus: Die Benutzer des öffentlichen Verkehrs sollten darauf sensibilisiert werden, dass sie schliessende Türen ausschliesslich mittels Türknopf öffnen sollen. Keinesfalls sollten sie in eine sich schliessende Türe greifen. Das Bundesamt für Verkehr sollte prüfen, inwiefern eine solche Sensibilisierung der Passagiere zu weniger Vorfällen führen kann, heisst es.

Auf zwei weitere Sicherheitsempfehlungen verzichtet die Sust, da diese bereits in einem Zwischenbericht zum Unfall gestellt wurden. Zum einen sollte die SBB die zu harten Gummiprofile der Generation 2 durch weichere Profile ersetzen. Zum anderen sollen die Türsysteme mit Einklemmschutz durch ein zuverlässigeres System ersetzt werden.

Die SBB haben in einer Mitteilung von März 2020 verlauten lassen, dass das Bundesamt für Verkehr BAV die Empfehlungen der Sust in einer Verfügung festgehalten hat und die Bundesbahnen die Massnahmen umsetzen werden.

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