Der skrupellose Fleischbaron: So kam Clemens Tönnies zu seinem Vermögen

Unternehmer wie Clemens Tönnies haben die Fleischbranche revolutioniert – auch auf dem Rücken von Arbeitern.

Christoph Reichmuth aus Berlin
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Keystone

Derzeit kursiert ein Youtube-Video von einem Messe- oder Firmenanlass, irgendwo in Deutschland aufgenommen, vor noch nicht allzu langer Zeit. Clemens Tönnies hält das Mikro in der Hand und röhrt inbrünstig und sichtlich gut gelaunt den Refrain eines Udo-Lindenberg-Hits: «Ich mach mein Ding, egal was die andern labern, was die Schwachmaten einem so raten, das ist egal!»

Der Text, den der heute 64-jährige Manager des grössten europäischen Fleischverarbeiters Tönnies in dem verwackelten Handy-Video trällert, klingt wie ein in einen Song gegossenes Credo, dem der Westfale bei seinem Aufstieg vom Metzger-Lehrling zum deutschen «Kotelett-Kaiser» oder «Fleischbaron» eisern gefolgt ist. Zusammen mit seinem bereits 1994 verstorbenen Bruder entwickelte er den familiären Schlachtbetrieb seines Vaters mit scheinbar brutalem Kalkül zu einem europäischen Imperium auf.

Keiner zerlegt mehr Schweine als Tönnies

Noch vor 25 Jahren mussten die Deutschen eine Million Tonnen Schweinefleisch jährlich importieren, um den Fleischbedarf zu decken. Heute werden in den deutschen Schlachthöfen 55 Millionen Schweine jedes Jahr getötet – weit mehr, als die Einheimischen selbst verzehren könnten.

Kein Fleischverarbeiter zerlegt mehr Schweine als Tönnies, der heute in 82 Länder exportiert. Tönnies krempelte die Branche nach der Wende um, setzte auf Masse, drückte die Kosten und wurde so zum wichtigsten Lieferanten der Discounter im Land. Der Unternehmer kaufte kostengünstig und in grosser Menge das mit absoluten Mindeststandards gehaltene Schlachtvieh bei den Landwirten, setzte auf abgepacktes Fleisch, das im Supermarkt von jedem Kunden selbst aus dem Tiefkühler genommen werden kann.

Arbeiter mit prekären Bedingungen

Die Fleischerei-Abteilung, wo der Kunde vom Metzger beraten wird, konnten die Discounter schliessen, die Kosten sanken immer weiter. Zugleich wird in den Tönnies-Werken seit Jahren im Akkord zu günstigen Arbeitskosten geschlachtet und zerlegt. Die Branche, nicht nur Tönnies, setzt in hoher Zahl auf billige Leiharbeiter, zumeist aus Osteuropa, die über dubiose Subunternehmen angeworben werden und gerade mal den Mindestlohn kassieren.

Dass die Arbeitnehmer unter prekären Bedingungen Schichtarbeit verrichten und in unwürdigen Unterkünften eng zusammen hausen, darüber schaute Tönnies und die Politik jahrelang hinweg. Den Preis für das Vier-Euro-Steak beim Discounter zahlen Mensch und Tier. Tönnies hat manche Krise überstanden, im letzten Jahr auch einen Rassismus-Skandal, als er dem Bundesentwicklungsminister bei einem Vortrag dazu riet, Kraftwerke in Afrika zu finanzieren.

Kommt nach Skandal die Wende?

Allerdings sieht es ganz danach aus, als ob sich der Fleischbaron nach dem Coronaskandal in seiner Fleischfabrik nicht mehr so einfach aus der Affäre wird ziehen können. Mehr als 1400 Tönnies-Mitarbeiter haben sich mit dem Virus infiziert, für einen ganzen Landkreis gab es einen neuerlichen Lockdown. Manche ranghohe Politiker fordern von dem mit einem geschätzten Vermögen von 1,4 Milliarden Euro schwerreichen Unternehmer, für einen Teil des Schadens mit seinem Vermögen aufzukommen.

Der Ärger gegen den Fleischproduzenten ist gross – inzwischen auch in der Politik, aus dessen Kreisen der zweifache Familienvater jahrelang hofiert worden ist. Die Vermutung liegt nahe, dass in den Tönnies-Werken die Corona-Schutzmassnahmen nur unzureichend befolgt worden sind. Plötzlich wollen Verantwortungsträger, aber auch die Öffentlichkeit wissen, was hinter den Werkstoren der Tönnies-Schlachterei vor sich geht.

Gute Beziehungen bis zu Putin

Allerdings: Der 64-Jährige, der auch Aufsichtsratschef des Fussball-Bundesligisten Schalke 04 ist und ein freundschaftliches Verhältnis zum russischen Präsidenten Wladimir Putin pflegt, hat bei seinem Weg nach oben – vermutlich, rechtlich gesehen – nicht mal grobe Verfehlungen begangen. Möglicherweise hat Tönnies eiskalt die Rahmenbedingungen ausgereizt, die ihm der Gesetzgeber vorgegeben hat. Dass Tiere überhaupt in kleinen Boxen gehalten werden dürfen und bis zu ihrer Schlachtung nie ins Freie kommen, das ist ein Versäumnis im Tierschutz – Tönnies hat das freilich zu seinen Gunsten ausgenutzt.

Dass in einem Land mit einem der grössten Niedriglohnsektoren Europas, wo ein Slogan wie «Geiz ist geil» Popularität erlangen kann, viele Menschen sich am Schleuderpreis für die Wurst orientieren, kann auch nicht überraschen. Immerhin: Die Politik arbeitet an einem Verbot für Werkarbeit-Verträge, die Landwirtschaftsministerin will die Preise fürs Fleisch erhöhen, damit das Leid der Tiere gelindert werden kann.

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