Nach den Mobbing- und Sexismusvorwürfen bei der SNB: Irritierend, wie die Chefetage mit den heftigen Vorwürfen umgeht

In der Aufarbeitung schwerwiegender Mobbing-Vorwürfe steht der Bankrat in der Pflicht. Doch das Gremium hat eine Beisshemmung. Parallelen zur Affäre Hildebrand.

Daniel Zulauf
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Nationalbank-Präsident Thomas Jordan ist Chef einer traditionsreichen Institution. Unzufriedene Mitarbeiterinnen zwingen ihn gerade, diese kritisch zu hinterfragen.

Nationalbank-Präsident Thomas Jordan ist Chef einer traditionsreichen Institution. Unzufriedene Mitarbeiterinnen zwingen ihn gerade, diese kritisch zu hinterfragen.

Gaetan Bally / KEYSTONE

Die Recherche des Onlinemagazins «Republik.ch» war ein deftiger Schuss vor den Bug der Nationalbank: Mobbing, Sexismus, Geschlechterdiskriminierung. Bei einem ganzen Dutzend Frauen waren die in dem Noteninstitut gesammelten Erfahrungen offensichtlich frustrierend genug, um damit an die Öffentlichkeit zu gelangen. Und die Koalition der Kritikerinnen wächst.

Eine Woche nach den ersten Enthüllungen berichtet das Magazin am vergangenen Donnerstag über Klagen von fünf weiteren Personen. Diesmal sind es nicht primär Ehemalige, wie in der ersten Welle, sondern Mitarbeitende, die immer noch bei dem Noteninstitut tätig sind. Sie sind offenbar irritiert darüber, wie die Chefetage mit den heftigen Vorwürfen umgeht.

Whistleblower brauchen gehörig viel Mut

Für Thomas Jordan, Präsident des dreiköpfigen Direktoriums und unbestrittenermassen der starke Mann im Haus, handelt es sich bei den mutmasslichen Vorfällen «klar nicht um ein systemisches Problem», wie er unmittelbar nach Veröffentlichung der ersten Recherche auf einer Telefonkonferenz mit Journalisten betonte. Jordan bezeichnete die anonymisierten Zeugenberichte als «Einzelfälle». «Selbstverständlich ist die Nationalbank nicht perfekt» und Einzelfälle seien daher «nicht auszuschliessen», sagte er.

Woher der oberste Frankenhüter ohne gründliche Untersuchung so genau wissen will, dass die teilweise auch arbeitsrechtlich schwerwiegenden Vorwürfe nur Einzelfälle sind, ist sein Geheimnis. Immerhin steckt hinter der reflexartigen Reaktion des Nationalbank-Chefs eine gewisse Logik. Nebst seinem geldpolitischen Auftrag hat er auch die Verantwortung für den operationellen Betrieb des Unternehmens mit seinen über 900 Angestellten.

Doch die Nationalbank wäre gut beraten, wenn sie sich über die ungewöhnliche Häufung anonymer Kritikerinnen etwas grundlegendere Gedanken machen würde. Tatsächlich brauchen Whistleblower gehörig viel Mut, ihre Beobachtungen und Sorgen anzumelden ­– selbst wenn sie dabei im Prinzip anonym bleiben können.

Das zeigt auch der Whistleblowing Report mit dem die Hochschule für Technik und Wirtschaft in Chur (HTW) Zustand und Wirkung des betrieblichen Meldewesens in der Schweiz analysiert. Zwar ermöglichen zwei Drittel aller Meldesysteme in der Schweiz anonyme Hinweise. Doch die Realität zeigt, dass bei mehr als einem Drittel der anonym eingegangenen Meldungen im Verlauf des Prozesses die Identität der Hinweisgeber bekannt wird. Das ist ein überaus schlechtes Ergebnis, wenn man bedenkt, dass sehr viele Hinweisgeber nach ihrer Enttarnung den Arbeitsplatz verlieren. Der amerikanische Whistleblower-Anwalt Stephen Kohn sagt deshalb: «Im Idealfall sollte nicht einmal bekannt sein, ob ein Missstand durch Whistleblowing oder anders ans Tageslicht gekommen ist».

«Inhaltsloser» Verhaltenskodex

«Whistleblower-Hotlines, die dazu führen, dass sich Betroffene an die Medien wenden, sind eigentlich sinnlos und haben reinen Alibicharakter», sagt auch Jürg Wyser, Mitbegründer der Beratungsgesellschaft «n-sure», die grosse Konzerne im In- und Ausland bei der Durchsetzung von Verhaltensnormen berät. «Die Anonymität des Hinweisgebers ist meist nur so lange gewährt, bis der Absender klar einer Abteilung zugeordnet werden kann. Das geschieht in der Regel schnell, wenn der Whistleblower seine Beobachtungen präzisieren muss.»

Doch Wyser erkennt im Fall der Nationalbank ein tieferliegendes Problem. Der Verhaltenskodex des Unternehmens sei trotz seiner Kürze (zwei A4-Seiten) «inhaltslos» und «voller Plattitüden». Der Experte spricht von einem «Flickwerk von Ideen», in dem sich die Vorstellungen der Nationalbank von gutem Verhalten niederschlagen sollen».

Bezeichnend findet Wyser, dass eine sehr wichtige Regel zum Umgang mit Geschenken und Einladungen im Nachhaltigkeitsbericht statt im Verhaltenskodex angesprochen wird. «Das Ergebnis einer systematischen Auseinandersetzung mit dem Thema Verhaltensregeln sieht für mich anders aus als das, was die Nationalbank als Verhaltenskodex präsentiert», sagt der Experte. «Moderne Unternehmen formulieren ihren Verhaltenskodex so, dass er umfassend und einfach formuliert und deshalb auch gelesen und verstanden wird, aber das Dokument der Nationalbank ist als solches nicht vermittelbar.»

Wysers scharfe Kritik sollte nicht zuletzt den Bankrat zum Handeln veranlassen. Dieser ist für die Oberaufsicht der operativen Geschäftsführung zuständig und damit letztlich für die Aufklärung und die Prävention von Fehlverhalten verantwortlich. Das Gremium hat sich in der Diskussion um die aktuellen Vorwürfe tief im Hintergrund gehalten. Dessen Präsidentin, die ehemalige Graubündner Justiz- und Finanzdirektorin Barbara Janom Steiner, hatte eine Anfrage dieser Zeitung zwar beantwortet. Doch eine eigenständige Position, wie die Krise zu bewältigen wäre, liess Janom Steiner nicht durchblicken. Vielmehr stützte sie die Auffassung des SNB-Direktoriums, dass den gemeldeten Vorfällen kein systemisches Problem zugrunde liegen dürfte. Auch liess die Präsidentin die Notwendigkeit einer externen Untersuchung der Vorgänge offen. Inzwischen sammelt die Kampagnenplattform «Campax» Stimmen für eine unabhängige Prüfung der Berichte.

Wie damals in der Affäre Hildebrand

Das wenig selbständige und zögerliche Verhalten des Bankrates erinnert stark an den Fall Hildebrand vor knapp zehn Jahren. Dem damaligen Chef der Nationalbank waren von anonymer Seite heikle Devisengeschäfte auf eigene Rechnung vorgeworfen worden. Zwar liess der Bankrat die Vorwürfe extern untersuchen, doch wie sich bald herausstellen sollte mit einem allzu eng gefassten Auftrag. Kurz darauf führten neue Enthüllungen zu einer weit kritischeren Beurteilung.

Der Bankrat musste für seine Arbeit gehörige Kritik einstecken und deren Präsident Hansueli Raggenbass hängte sein Mandat wenige Monate später an den Nagel. Die Frage nach der Qualität der Reglemente und deren Einhaltung sollte sich der Bankrat diesmal etwas rascher stellen als damals – auch aus eigenem Interesse.

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