Einsiedeln
Dank kampflustigem Unternehmer aus Schwyz gilt «unverpackt» bald auch in der Tiefkühltruhe

Eigentlich wollte Dinnair aus Einsiedeln unverpackte Lebensmittel in Tiefkühltruhen anbieten. Nur: Das ist verboten. Aber wohl nicht mehr lange.

Michael Graber
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Peter Zihlmann, Geschäftsführer von Dinnair in Einsiedeln.

Peter Zihlmann, Geschäftsführer von Dinnair in Einsiedeln.

Bild: Melanie Schnider

«Unverpackt» ist im Trend. Auch die Grosshändler bemühen sich immer öfter um Abfüllstationen, bei denen Lebensmittel ohne Verpackung in mitgebrachte Säcke und Gefässe abgefüllt werden können. So entsteht weniger Abfall, und zudem sind Kundinnen und Kunden freier in der Wahl der gewünschten Menge. Was für Nüsse, Früchte, Teigwaren und andere Lebensmittel längst üblich ist, gilt nicht für tiefgekühlte Ware. In der Tiefkühltruhe braucht es im Minimum etwas Plastik drum.

Das wurde der Firma Dinnair aus Einsiedeln zum Verhängnis: Sie bot in der ganzen Schweiz unverpackte Lebensmittel in der Tiefkühltruhe (hauptsächlich auf Bauernhofläden) an – bis die Zürcher Lebensmittelkontrolle dem Unternehmen die Deckel schloss. Die Hygienevorschriften des Bundes würden es nicht zulassen, dass Lebensmittel ohne Verpackung tiefgekühlt werden. «Ich stand am Rande meiner beruflichen Existenz», sagt Peter Zihlmann, Geschäftsführer von Dinnair. Sein Kartenhaus sei «zusammengebrochen und in Flammen aufgegangen».

Doch er gab nicht auf, machte weiter, halt mit «einer primitiven Verpackung». Neu musste die Ware von Dinnair – unter anderem Pouletflügeli, Ravioli und Käseküchlein – statt offen in einer Box, verpackt im künstlichen Eis der Tiefkühltruhe ruhen. Das widerstrebte zwar dem Gedanken von «Zero Waste», den Zihlmann hochhängt, aber immerhin konnten seine Produkte verkauft werden. Hergestellt werden die Produkte von kleinen Produzenten. Regionalität und Natürlichkeit schreibt Dinnair ebenfalls hoch – bis auf die auferzwungene Verpackung entspricht die Firma damit komplett dem Trend zu mehr Nachhaltigkeit.

«Wir wollten kämpfen, also kämpften wir»

Eine «absurde Situation» sei es gewesen, sagt Zihlmann. Beim Erstellen seines Konzeptes war er vom Lebensmittelinspektorat der Urkantone begleitet worden, auch dieses hatte den Gesetzespassus übersehen. «Wir wollten kämpfen, also kämpften wir», sagt Zihlmann. Schlachten gewinnt man am besten, wenn man nicht alleine kämpft. Nach Medienberichten findet Zihlmann Mitstreiter in der Politik. Der junge Zürcher FDP-Nationalrat Andri Silberschmidt reichte einen Vorstoss ein. Inhalt: «Der Bundesrat wird beauftragt, das Lebensmittelrecht so anzupassen, dass eine Abgabe von nicht vorverpackten Tiefkühlprodukten an die Konsumentinnen und Konsumenten möglich wird.»

Und auch der Mitstreiter findet Mitstreiter. Prisca Birrer-Heimo (SP/LU), Esther Friedli (SVP, SG), Kilian Baumann (Grüne, BE) und Markus Ritter (CVP, SG) unterzeichnen die Motion ebenfalls. Auch beim Bundesrat stösst der Vorschlag auf Gegenliebe: Innert kurzer Frist behandelt die Regierung den Vorstoss und empfiehlt ihn zur Annahme. Damit ist der Weg frei für die parlamentarische Behandlung – bereits in der Frühlingssession könnte sich der Nationalrat mit der Motion beschäftigen, bei diesen Vorzeichen dürfte eine Annahme Formsache sein.

Das Unternehmen wächst

Wie lange es dann tatsächlich dauert, bis der Gesetzestext angepasst ist, ist offen. Wohl kaum vor Jahreswechsel 2022. «Wir sind bereit», versichert Zihlmann hörbar stolz am Telefon. Ob Herbst, Winter oder Frühling. Auch mit Verpackung ist Dinnair weiter gewachsen. Mittlerweile bieten die Einsiedler ihre Waren in knapp 30 Tiefkühltruhen in der ganzen Schweiz an, bis Ende Jahr sollen es hundert sein, sagt Zihlmann.

Bis Bundesbern endgültig grünes Licht für unverpackte Waren in der Tiefkühltruhe gibt, werden die Momos, Frühlingsrollen und Falafel in kleine Säckchen abgefüllt und auf die Tiefkühltruhen verteilt. Eigentlich ein unnötiger Umweg. Aber manchmal führt auch der Umweg zum Ziel. Das hat Zihlmann ja selber eindrücklich gemerkt.