Fomo – vier Buchstaben, die erklären, warum die Börse brummt

Die Angst, Kursgewinne zu verpassen, treibt Kleinanleger an die Börse. Die grossen Aktienindizes profitieren davon und nähern sich trotz Coronakrise ihrem Allzeithoch. Bildet sich gerade eine Blase?

Stefan Ehrbar
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Börsianer verhalten sich wie Teenager, die auf jeder Party dabei sein wollen und in eine nervliche Krise schlittern, wenn sie einen Event verpassen. So erklärt Emily Roland vom Vermögensverwalter John Hancock Investment Management in Boston die aktuelle Rally an den grossen Börsen. «Wir sehen ein Element von Fomo, weil Investoren den Schwung mitnehmen wollen», sagt sie der «Financial Times». «Fomo» ist eine Abkürzung aus der Jugendsprache und bedeutet «Fear of Missing Out» - die Angst, etwas zu verpassen.

Die Aktienkurse kennen derzeit nur eine Richtung: nach oben. Der Swiss Market Index (SMI) hat seit dem 23. März, dem Beginn der Rally, bis am Dienstagmorgen um fast 22 Prozent zugelegt. Der S&P-500-Index hat in der gleichen Periode gar um einen Drittel zugelegt, der Euro Stoxx 600 und der FTSE 100 haben um etwa 25 Prozent wettgemacht.

«Wie das Überqueren einer Autobahn»

Die Investment-Strategin Emily Roland vergleicht die momentane Situation in der «Financial Times» mit dem Überqueren einer viel befahrenen Autobahn. Investoren wüssten, dass sie Schaden nehmen könnten, suchten aber trotzdem nach einer Lücke. Viele wollten von der Rally profitieren, selbst ihr 10-jähriger Sohn habe sie gefragt, ob er Aktien kaufen könne.

Die aktuellen Kursgewinne sind laut der Zeitung denn auch darauf zurückzuführen, dass viele neue Anleger an die Börse gehen. Das zeige sich etwa daran, dass nicht nur die Kurse der grossen Technologie-Firmen profitieren, die sich für die Investoren als sicherer Hafen in der Krise erwiesen haben.

Wiederholt sich Dotcom-Blase?

Auch Firmen legten zuletzt an der Börse zu, die abhängiger von der Wirtschaftslage sind. Selbst Bankaktien konnten letzte Woche beispielsweise grosse Kurssprünge verzeichnen – ein Zeichen für eine breitere Erholung.

Dass neue Anleger an die Börsen strömen, verdanke diese auch dem Online-Trading. Viele Kleinanleger hätten diese Möglichkeit während der Krise für sich entdeckt. Allerdings bereitet das Analysten Bauchschmerzen. Steven DeSanctis, ein Analyst von der Investmentbank Jefferies, fühlt sich an die Dotcom-Blase erinnert. Im März 2000 platzte eine Blase, nachdem viele Kleinanleger in aufstrebende Technologiefirmen investiert hatten. Viele verloren dadurch grosse Teile ihres Vermögens. «Es ist etwas von der Euphorie von damals zu spüren», sagt DeSanctis der Financial Times. «Das macht mich nervös. Wir wissen, wie es geendet hat: schlecht.»

Tatsächlich waren zuletzt auch Aktien von Kreuzfahrtfirmen wie Carnival oder von Airlines wie Lufthansa, American Airlines oder von Flughäfen wieder auf Erholungskurs – auch wenn noch völlig unklar ist, wann sich ihr Geschäft erholt. Ob die Börsen tatsächlich schon immun sind gegen das Coronavirus, muss sich deshalb erst noch zeigen.

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