Fusion
CSL übernimmt St.Galler Vifor Pharma – Auswirkungen auf die Schweizer Standorte sind noch ungewiss

Der australische Biotechnologiekonzern CSL bietet 11,7 Milliarden US- Dollar (10,9 Milliarden Franken) für das St.Galler Pharmaunternehmen Vifor und will damit in neue Geschäftsfelder expandieren. Die Offerte gilt für 100 Prozent der Anteilsscheine und wird den Vifor-Aktionären in bar unterbreitet. Die Folgen für die Schweizer Standorte von Vifor und CSL sind noch unklar. Klar aber ist: Beide Firmen bauen hierzulande aus.

Thomas Griesser Kym Jetzt kommentieren
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Hans-Martin Müller, verantwortlich für alle Vifor-Produktionsstandorte, vor dem Reaktor, in dem Eisen zu Eisenchlorid wird.

Hans-Martin Müller, verantwortlich für alle Vifor-Produktionsstandorte, vor dem Reaktor, in dem Eisen zu Eisenchlorid wird.

Bild: Tobias Garcia (St.Gallen, 30. November 2021)

Wie CSL am Dienstag früh bekannt gab, wird das Übernahmeangebot vom Vifor-Verwaltungsrat einstimmig zur Annahme empfohlen. Die Vifor-Aktionäre sollen 179.25 US-Dollar je Aktie erhalten. Das sind umgerechnet rund 167 Franken, und es entspricht einem Aufschlag von 27 Franken auf den Schlusskurs vom Montag und von 49 Franken auf den Schlusskurs vom Freitag.

Gegenüber dem Kurs vom 1. Dezember 2021 vor zwei Wochen beträgt die Prämie 61 Prozent. Tags darauf hatte die Zeitung «The Australian» erstmals über Gespräche zwischen CSL und Vifor berichtet. Das Angebot geht von einer Dividende von 2 Franken je Aktie aus, die voraussichtlich an der Generalversammlung vom 26. April 2022 beschlossen wird. Die Vifor-Aktie sprang am Dienstag an der Schweizer Börse weiter nach oben bis auf knapp 160 Franken und gab dann wieder geringfügig nach.

Investor Martin Ebener gibt grünes Licht

Vifor-Grossaktionär Martin Ebner.

Vifor-Grossaktionär Martin Ebner.

Bild: PD

Als grösste Aktionärin der Vifor Pharma hat die Patinex AG bereits zugestimmt, ihre Aktien CSL anzudienen. Patinex hält 23,2 Prozent am Vifor-Aktienkapital und ist die Beteiligungsgesellschaft des Ehepaars Martin und Rosmarie Ebner. Sie hatten einen Grossteil ihres Vifor-Pakets 2015 erworben, als der Aktienkurs im Schnitt um die 100 Franken betrug.

CSL will die Übernahme Vifors mit drei Komponenten finanzieren: Erstens aus einer Kapitalerhöhung im Umfang von 4,5 Milliarden US-Dollar, wobei die neuen Aktien bereits vollständig bei institutionellen Investoren platziert sind. Zweitens mit einem vollständig zugesagten Überbrückungskredit von 6 Milliarden US-Dollar und drittens mit Barmitteln und nicht beanspruchten Kreditfazilitäten in Höhe von 2 Milliarden US-Dollar.

Vifor erhöht seine globale Präsenz

Kommt die Übernahme zustande, kann CSL sein eigenes Portfolio mit einem Schwerpunkt auf Blutplasmaprodukten mit dem Vifor-Portfolio ergänzen. Vifor ist spezialisiert auf Präparate gegen Nierenerkrankungen, Herzinsuffizienz und Eisenmangel.

Produktionsanlage von Vifor im Werk im Sittertobel.

Produktionsanlage von Vifor im Werk im Sittertobel.

Bild: Tobias Garcia (St.Gallen, 30. November 2021)

Von der Übernahme sollen auch Vifor und die Patientinnen und Patienten profitieren, denen die Vifor-Präparate verabreicht werden. So werde es dank der Einbindung in CSL ermöglicht, den Patienten weltweit mehr Vifor-Produkte zur Verfügung zu stellen. Dies dank der globalen Reichweite, der Kapazitäten in Forschung & Entwicklung sowie der Ressourcen (sprich der Finanzkraft) von CSL. Diese ist mit 25'000 Mitarbeitenden deutlich grösser als Vifor mit rund 2600 Beschäftigten in 22 Ländern. CSL vertreibt seine Produkte in mehr als einhundert Ländern.

CSL will mindestens vier Fünftel an Vifor

Die geplante Transaktion unterliegt der Bedingung, dass CSL mindestens 80 Prozent der Vifor-Aktien angedient werden. Eine zweite Voraussetzung ist, dass die Behörden alle erforderlichen Bewilligungen erteilen. CSL erwartet den Beginn des Übernahmeangebots am 18. Januar 2022 und den Abschluss der Transaktion Mitte 2022.

Vifor-Verwaltungsratspräsident Jacques Theurillat sagt, die Strategie von Vifor Pharma ziele darauf ab, weiterhin ein Marktführer in den Bereichen Eisenmangel, Nephrologie (Nierenerkrankungen) und kardio-renale Therapien (Therapien bei gleichzeitiger Erkrankung von Herz und Niere) zu sein. Auch werde Vifor das Wachstum bei Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen sowie Transplantation beschleunigen können.

Vifor steht für gut ein Sechstel des kombinierten Umsatzes mit CSL

CSL geht davon aus, dass sein Umsatz dank der Vifor-Übernahme gemessen an den Pro-forma-Zahlen für 2021 um 19 Prozent zunimmt. Im Geschäftsjahr 2020/21 setzte CSL 10,3 US-Milliarden Dollar um, Vifor kam 2020 auf 1,7 Milliarden Franken. Kombiniert spricht CSL von pro forma 12,3 Milliarden US-Dollar Umsatz.

Dazu trägt CSL Behring mit ihren Blutplasmaprodukten und auch einem Standort in der Schweiz in der Stadt Bern 70 Prozent bei. 16 Prozent entfallen auf Vifor Pharma und 14 Prozent auf die CSL-Gesellschaft Sequirus, ein führendes Unternehmen bei Grippeimpfstoffen. CSL hat aber die Entwicklung eines eigenen Coronaimpfstoffs gestoppt, und Australien bevorzugt das Coronavakzin von Pfizer/Biontech gegenüber jenem von AstraZeneca, das von CSL hergestellt wird.

Vifor hat 1200 Mitarbeitende in der Schweiz, CSL 1800

Von den 2600 Beschäftigten der Vifor Pharma arbeiten rund 1200 in der Schweiz und davon wiederum 330 am operativen Hauptsitz in St.Gallen. Hier werden die Wirkstoffe der Präparate hergestellt. An den beiden Standorten Ettingen im Baselbiet und Villars-sur-Glâne FR werden die Produkte finalisiert. Zudem unterhält Vifor in Schlieren einen Forschungsstandort und in Glattbrugg den administrativen Sitz.

CSL Behring entwickelt und produziert im Wankdorf in der Stadt Bern mit gut 1800 Mitarbeitenden aus menschlichem Blutplasma Biotherapeutika. Dank dieser könnten Menschen mit lebensbedrohlichen Krankheiten ein normales Leben führen. 2017 hat CSL Behring begonnen, für 250 Millionen Franken die Produktionskapazität in Bern auszubauen.

CSL Behring hat in Bern über eine Milliarde investiert

Die beiden neuen Produktionslinien sind 2021 in Betrieb gegangen und werden sukzessive hochgefahren. Das werde es CSL Behring ermöglichen, mehr Immunglobulin-Produkte für mehr Patientinnen und Patienten mit Immunschwächekrankheiten herzustellen.

Das Unternehmen gehört seit 2000 zu CSL. Damals übernahm der australische Konzern für 860 Millionen Franken vom Schweizerischen Roten Kreuz das 1949 gegründete Zentrallaboratorium Blutspendedienst (ZLB). Seither hat CLS laut eigenen Angaben in Bern 1,25 Milliarden Franken investiert. Den Betrieb seiner Biotechproduktionsanlage in Lengnau BE hat CSL Behring 2021 an die Produktionsfirma Thermo Fisher übergeben.

Noch keine Aussagen über Zukunft der Schweizer Standorte

Über allfällige Auswirkungen der Vifor-Übernahme durch CSL auf die Schweizer Vifor-Standorte und CSL Behring in Bern machen die Unternehmen noch keine Angaben. Ein Vifor-Sprecher verweist auf CSL. Dort heisst es, für Aussagen über die Zukunft der Standorte sei es noch viel zu früh, zumal der Abschluss der Transaktion erst für Mitte 2022 erwartet werde.

Schriftzug der Vifor Pharma am administrativen Sitz in Glattbrugg.

Schriftzug der Vifor Pharma am administrativen Sitz in Glattbrugg.

Bild: Ennio Leanza/KEY (Glattbrugg, 22. Mai 2017)

Auch wird darauf verwiesen, dass es sich um eine komplementäre, also ergänzende Transaktion handle und nicht um eine, um im Wesentlichen Kosteneinsparungen zu realisieren. Zwar schreibt CSL, man erwarte laufende Kostensynergien vor Steuern in Höhe von 75 Millionen US-Dollar, die über einen Zeitraum von drei Jahren nach Abschluss der Übernahme realisiert werden sollen. Das ist allerdings ein vergleichsweise geringer Betrag, gemessen am Volumen der Transaktion.

CSL schreibt zudem, mit Vifor Pharma erweitere man das eigene Portfolio um sieben vermarktete Produkte. Und Vifor Pharma habe vier Innovationen in der Pipeline, die in verschiedenen klinischen Phasen stecken.

Auch Vifor Pharma baut aus

Klar ist auch: Nicht nur CSL Behring baut seinen Standort in Bern aus, gleiches macht Vifor Pharma in St.Gallen: Am Standort im Sittertobel entsteht bis 2023 der Multicube. Dieser wird eine weitere Produktionslinie für den Wirkstoff des Eisenpräparats Ferinject beherbergen, aber auch freien Platz schaffen für künftige Projekte.

Bauarbeiten am Multicube für die Vifor-Produktion von Ferinject

Bauarbeiten am Multicube für die Vifor-Produktion von Ferinject

Bild: Tobias Garcia (St.Gallen, 30. November 2021)
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