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Mögliche Krebsrisiken: Umstrittener Farbstoff E171 wird in der Schweiz verboten – in diesen Lebensmitteln ist er oft enthalten

Seit Jahrzehnten steckt E171 in Backwaren, Süssigkeiten, Kaugummi oder Mozzarella. Nun wird der Zusatzstoff aus dem Verkehr gezogen, weil er möglicherweise das Erbgut schädigt.

Gregory Remez
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Der in zahlreichen Lebensmitteln enthaltene Zusatzstoff E171 gilt wegen möglicher Krebsrisiken als nicht mehr sicher für den menschlichen Verzehr. Zu dieser Einschätzung kommt die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) in einer Studie, die vergangene Woche publiziert wurde – und die auch für die Schweiz weitreichende Folgen hat.

Auch Mozzarella kann den Zusatzstoff E171 enthalten.

Auch Mozzarella kann den Zusatzstoff E171 enthalten.

Bild: Manuela Jans-Koch (13. Mai 2021)

Wie CH Media weiss, plant das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV), die weitere Verwendung von E171 als Lebensmittelzusatzstoff baldmöglichst zu verbieten. Nach Bekanntwerden der Studienergebnisse hatte bereits die EU-Kommission signalisiert, ein Verbot aussprechen zu wollen.

Die Efsa-Forscher fanden nach eigenen Angaben zwar keine abschliessenden Beweise für eine toxische Wirkung von E171. Sie konnten aber negative Effekte auf das menschliche Erbgut in den Zellen und mögliche Krebsrisiken nicht ausschliessen. Deshalb gab die EU-Behörde die Empfehlung ab, Titandioxid als nicht mehr sicher zum Essen einzustufen. In einer früheren Studie aus dem Jahr 2016 war die Efsa noch zu einem weniger strengen Schluss gekommen, verwies aber darauf, dass weitere Forschung nötig sei.

Der Zusatzstoff E171 enthält Titandioxid in Form von Nanopartikeln und wird seit Jahrzehnten als Weiss- und Glanzmacher unter anderem in Backwaren, Suppen, Brühen, Sossen, Salaten, Brotaufstrichen und verarbeiteten Nüssen eingesetzt. Auch in Mozzarella, Kaugummis, Glacen und Süssigkeiten wie Lollis findet sich der Stoff. Kaugummidragées verleiht er beispielsweise ihre charakteristisch glänzende Oberfläche.

Bundesrat lehnte Massnahmen ab

Mehr als 13'000 Nahrungsmittel hat die Efsa in einer einschlägigen Datenbank ermittelt, bei denen E171 im Zutatenverzeichnis aufgeführt ist. Und dies, obwohl der Glanzmacher seit Jahren als umstritten gilt. Bioverbände und Verbraucherschützer warnen schon lange, dass zu wenig über die möglichen Auswirkungen von Nanomaterialien auf Menschen bekannt sei. Eine Studie aus dem Jahr 2017 hatte bei Ratten aufgezeigt, dass Nanopartikel von E171 die Darmschranke durchqueren und in die Leber gelangen kann, was wiederum Immunfunktionsstörungen auslösen kann.

Auch die Schweizer Politik befasste sich bereits mit dem Thema. Vor zwei Jahren reichte die Schaffhauser SP-Nationalrätin Martina Munz eine Interpellation zur Prüfung eines möglichen Verbots von «gesundheitsgefährdenden Nanopartikeln als Lebensmittelzusatzstoffen» ein. Titandioxid habe für die Konsumenten keinen Nutzen, sondern diene lediglich dazu, Produkte weisser und glänzender zu machen, begründete sie ihr Vorhaben. Kurz zuvor war bekannt geworden, dass E171 in Frankreich verboten wird.

Munz blieb mit ihrer Anfrage beim Bundesrat letztlich aber erfolglos. Dieser verwies darauf, dass es «aufgrund der aktuell verfügbaren Daten nicht gerechtfertigt sei, das Inverkehrbringen von Lebensmitteln mit Titandioxid zu verbieten», und lehnte entsprechende Massnahmen ab.

Aufgrund der neuen Datenlage bleibt dem Bund nun aber keine andere Wahl, als ein ebensolches Verbot auszusprechen. Auf Nachfrage heisst es beim BLV: «Da wissenschaftliche Grundlagen die Sicherheit von Titandioxid in Frage stellen, müssen die notwendigen Massnahmen zum Schutz der Gesundheit getroffen werden.» Die Zusatzstoffverordnung werde deshalb entsprechend angepasst.

Unternehmen erhalten Übergangsfrist

Die Gesetzesanpassung dürfte hier zu Lande einige Lebensmittelhersteller unter Zugzwang bringen. Zwar haben diverse Konzerne in den letzten Jahren in Folge des wachsenden öffentlichen Drucks die Zahl der Produkte mit E171 reduziert oder den Zusatzstoff ganz verbannt. Der Nahrungsmittelriese Unilever etwa, zu dem beispielsweise der für seine Fertigsuppen bekannte Lebensmittelhersteller Knorr gehört, verzichtet in Deutschland, Österreich und der Schweiz gänzlich auf den Einsatz von E171. Auch Nestlé verkauft hierzulande keine Produkte mit E171.

Bei anderen grossen Akteuren aber sind vereinzelt nach wie vor Produkte mit E171 im Sortiment zu finden. Bei Lindt & Sprüngli wird E171 noch als Dekor bei zwei Pralinensorten eingesetzt, Coeur à l’Orange und Diva. Bei Emmi gibt es mit der Globi-Schokoladen-Glacé noch ein Produkt mit dem Zusatzstoff. Aufgrund der Neubeurteilung durch die Efsa werde man nun aber selbstverständlich nach einer Alternative suchen, versicherte eine Sprecherin.

Auch in Zahnpasta drin

Das weisse Farbpigment Titandioxid mit dem Kürzel E171 taucht wegen seiner Wirkung nicht nur in Nahrungsmitteln, sondern auch in anderen Produkten auf, etwa in Zahnpasta und Waschmittel. Um diese Waren ging es bei der Efsa-Prüfung allerdings nicht. Für eine weitere Produktgruppe, etwa für Farben, Lacke oder Mörtel, hatte die EU-Kommission 2019 erklärt, dass es für Titandioxid in Pulverform künftig einen Warnhinweis geben sollte. Dabei ging es um mögliche Krebsrisiken durch das Einatmen von Pulver.

Auch bei den Detailhändlern, in deren Regalen aktuell noch einige Nahrungsmittel mit E171 zu finden sind, bereitet man sich auf eine Umstellung vor. Die Migros etwa arbeite bei Kaugummis, Osterhasen und Pralinen «intensiv an einem Ersatz», sagte eine Sprecherin. Letzten Monat seien beispielsweise die ersten Skai-Kaugummis ohne E171 hergestellt worden, bis Ende Jahr sollen die M-Classic-Kaugummis folgen. Bei Coop müssen laut Konzernangaben nur noch wenige Eigenmarkenprodukte umgestellt werden.

Wie lange sich die Unternehmen bei der Umstellung Zeit lassen können, ist noch unklar. Wegen rechtlicher Prozedere stehe noch nicht fest, wann das E171-Verbot offiziell ausgesprochen wird, heisst es beim BLV. Das hindere die Lebensmittelindustrie aber natürlich nicht daran, bereits jetzt Massnahmen zu ergreifen. Zudem sollen den Unternehmen «geeignete Übergangsfristen» gewährt werden. Für die Konsumenten gilt bis dahin in den erwähnten Produktkategorien: Zutatenverzeichnis checken!

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