Nationalbankchef Thomas Jordan: «Die Krise zeigt, wie verletzlich wir sind»

Obwohl man am Anfang mit einer schnellen Erholung der Wirtschaft nach der Krise rechnete, geht der Präsident der Schweizerischen Nationalbank SNB davon aus, dass wir noch lange daran zu kauen haben werden.

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Thomas Jordan rechnet damit, dass uns die Krise noch lange begleiten wird.

Thomas Jordan rechnet damit, dass uns die Krise noch lange begleiten wird.

Keystone

(agl) «Anfänglich konnte man noch davon ausgehen, dass auf einen starken Einbruch auch wieder eine schnelle Erholung folgt», sagt Thomas Jordan im Interview mit der «Sonntagszeitung». Nun müsse man davon ausgehen, dass wir noch länger mit der Krise leben müssen. Es sei möglich, dass auch gesunde Firmen untergehen, die in einer normalen Rezession überlebt hätten.

Ob die vom Bund getroffenen Massnahmen reichen, hängt gemäss Jordan von der internationalen Wirtschaftsentwicklung ab, da etwa die Hälfte unserer Wirtschaft exportorientiert sei. «In der Schweiz geht es darum, den Unternehmen rasch wieder Spielraum zurückzugeben, damit sie sich auf die schwierigen Umstände möglichst gut einstellen können».

Viele könnten sich noch nicht vorstellen, was die Kosten des Coronavirus für den Wohlstand der Schweiz bedeute, so Jordan. Das Aktivitätsniveau der Wirtschaft entspreche zurzeit nur etwa 70 bis 80 Prozent des normalen Niveaus, was Kosten von 11 bis 17 Milliarden Franken pro Monat verursache. «An diesen Kosten werden wir noch Jahre zu kauen haben», so der SNB-Präsident.

Die Rolle der Nationalbank bestehe einerseits darin, Zinssatz und Wechselkurse auf adäquatem Niveau zu halten. Bei den Coronakrediten stelle die SNB zudem die erforderliche Liquidität zur Verfügung, wobei die Kredite als Sicherheit bei der SNB hinterlegt werden. «Dieses Programm stösst international auf grosse Anerkennung», so Jordan.

In Zukunft müsse man schauen, in Notlagen keine solch starke Einschränkungen in der Wirtschaft mehr vorzunehmen. «Die Corona-Krise zeigt, wie verletzlich wir sind bei einem solchen Schock, bei einer Pandemie», so der SNB-Präsident. Es werde zentral sein, nach der Krise zu überlegen, wie wir diese Verletzlichkeit reduzieren können.