Verkehr
ÖV ist viel zu teuer: Wie er attraktiver werden soll – in fünf Punkten

Mehr Menschen sollen auf den öffentlichen Verkehr umsteigen: Das ist ein zentrales politisches Ziel, um die Klimavorgaben zu erfüllen. Dafür muss der ÖV aber attraktiver werden. Die Vorschläge des Preisüberwachers, wie dies gelingen soll, in fünf Punkten.

Ann-Kathrin Amstutz
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Einzeltickets für den öffentlichen Verkehr in der Schweiz sind teuer. (Symbolbild)

Einzeltickets für den öffentlichen Verkehr in der Schweiz sind teuer. (Symbolbild)

Keystone

Der öffentliche Verkehr in der Schweiz sei zu teuer, lautet einer der grössten Kritikpunkte am ÖV. Zu einem ähnlichen Schluss kommt nun auch der eidgenössische Preisüberwacher in seinem Newsletter, der am Donnerstag publiziert wurde.

Die Preisschere zwischen dem öffentlichen und dem motorisierten Individualverkehr öffne sich weiter – und zwar zu Ungunsten des ÖV. Dieser werde vergleichsweise teurer, während das Autofahren «selbst im Vergleich zur allgemeinen Teuerung» in den letzten Jahren günstiger geworden sei. 2022 gebe es mit den höheren Benzinpreisen erstmals seit der Jahrtausendwende «eine leichte Gegenbewegung».

ÖV ist in vier Jahren um mehr als 10 Prozent teurer geworden

In Zahlen: Von 2015 bis 2019 sind die mittleren monatlichen Ausgaben für Personenfahrzeuge um 3,1 Prozent gesunken. Dagegen sind die Haushaltsausgaben für die Nutzung des ÖV in diesem Zeitraum um 11,3 Prozent angestiegen. Dies sei nicht etwa auf eine höhere Nutzung zurückzuführen, sondern auf die höheren Preise im öffentlichen Verkehr.

Der Preisüberwacher kommt zum Schluss: Die Preise hindern die Menschen daran, auf Bus und Bahn umzusteigen. Seit zehn Jahren stagniert der ÖV-Anteil in der Schweiz. Dabei gehöre es zu den politischen Zielen, den Anteil des öffentlichen Verkehrs am Gesamtverkehr zu steigern. Doch seit der Corona-Pandemie ist die ÖV-Nachfrage zurückgegangen – und hat sich bis heute nicht erholt, wie der Preisüberwacher schreibt.

Was also tun, um Bus und Bahn attraktiver zu machen? Das sind die Vorschläge des Preisüberwachers.

Neue Abo-Formen für Wenignutzer

Bisher kostet ein Abonnement grundsätzlich gleich viel – egal, ob es an fünf oder nur an drei Tagen die Woche zum Pendeln genutzt wird. Üblicherweise, heisst es vom Preisüberwacher, rechnen sich Abos aber erst ab vier oder gar fünf wöchentlichen Retour-Fahrten zum Arbeitsort. Anders beim Autofahren, wo die Kosten (vor allem Treibstoffkosten) bei geringerer Nutzung sinken.

Mit dem Homeoffice-Trend ist das Autofahren also attraktiver geworden. Für den Preisüberwacher ist klar: Es braucht neue Abo-Formen wie etwa ein Wahltage-Abo. Hierzu laufen Pilotprojekte in zwei Tarifverbünden. Hoffnungen auf ein baldiges, schweizweites Angebot gebe es jedoch nicht, da ein solches Abo von jedem Tarifverbund einzeln eingeführt werden müsste.

Einfachere und einheitliche Systeme – vom Ausland lernen

Auch der öffentliche Verkehr in den Nachbarländern litt unter der Corona-Pandemie. Um die Folgen zu mildern, führte Deutschland für drei Monate lang ein bundesweit gültiges 9-Euro-Monatsabonnement ein. Die wichtigste Lehre für den deutschen Verkehrsminister: «Wenn die komplizierten Tarifzonen verschwinden und die Tickets bundesweit gelten, wird der ÖV sehr viel stärker genutzt.»

Auch in der Schweiz seien so manche Menschen mit den vielen, verschiedenen Regeln und Tarifen überfordert. Vom «Keep it simple!»-Fazit würde auch der ÖV in der Schweiz profitieren. So wäre laut dem Preisüberwacher ein einheitlicher E-Tarif ein «längst überfälliger Schritt». Es brauche «eine konsequente Lichtung des Tarifdschungels und ein durchschaubares Tarifsystem mit einer einheitlichen Basis für das ganze Land».

Es muss schneller gehen

Die laut dem Preisüberwacher «umständliche und langwierige» Umsetzung eines Teilzeit- oder Homeoffice-Angebots würden verdeutlichen, wo die Probleme liegen. Es wäre ein gutes Zeitfenster da, um die Leute zum Umsteigen zu bewegen - mit den pandemiebedingt veränderten Routinen und den hohen Benzinpreisen. «Doch die ÖV-Branche ist augenscheinlich nicht parat, die sich bietende Chance zu nutzen oder fürchtet Mindererträge», lautet das wenig schmeichelhafte Fazit des Preisüberwachers.

Mehr Menschen zum Umsteigen bewegen

Das qualitativ hochstehende ÖV-Netz in der Schweiz hat einen hohen Preis. Deshalb muss der öffentliche Verkehr laut dem Preisüberwacher im wörtlichen Sinn zum «Massentransportmittel» werden. Nur dann sei es möglich, ihn preislich attraktiv zu gestalten – nach der einfachen Formel: viele Zahler = tiefe Preise, wenig Zahler = hohe Preise. Ein kostendeckender ÖV werde eher erreicht, je mehr Menschen in Bus und Bahn unterwegs sind.

Auf keinen Fall weitere Preiserhöhungen im ÖV

Die Preise wegen der höheren Energiekosten weiter zu erhöhen: Das wäre laut dem Preisüberwacher eine «gefährliche und kurzsichtige Strategie». Denn damit würde man die aufgrund der hohen Energiepreise eher wechselwilligen Autofahrerinnen und Autofahrer abschrecken. Dennoch scheinen erste Tarifverbünde die Preise nun erhöhen zu wollen, so der Preisüberwacher. So etwa der Zürcher Verkehrsverbund, welcher bereits verlauten liess, das Thema Ticketkosten werde wieder präsenter.

Stattdessen, so der Preisüberwacher, müsse man nun das Abo-Angebot dem geänderten Arbeits- und Reiseverhalten anpassen. So könnte der ÖV Menschen vom motorisierten Individualverkehr weglocken und selbst profitieren.