Was uns nach der Pandemie von der Wirtschaftskrise bleiben wird

Ökonomen der Credit Suisse glauben, dass reiche Länder wie die Schweiz keine Langzeitschäden nehmen – im Unterschied zu ärmeren Ländern.

Daniel Zulauf
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Zwei Drittel der in der Zeit des Lockdowns eingesparten Konsumausgaben werden in diesen Monaten wieder ausgegeben.

Zwei Drittel der in der Zeit des Lockdowns eingesparten Konsumausgaben werden in diesen Monaten wieder ausgegeben.

Frank Augstein / AP

«Die Schwachen werden schwächer, die Starken stärker». Die ohnehin schon grosse globale Ungleichheit wird durch die Pandemie weiter zunehmen, ist Credit-Suisse-Chefökonom Oliver Adler überzeugt. Länder, denen im Frühjahr das Geld oder auch die Umsetzungsfähigkeit fehlte, die wirtschaftlichen Folgen der Ausbreitung des Corona-Virus beziehungsweise die Kosten des Lockdowns abzudämpfen, werden die aktuelle Krise nachhaltig zu spüren bekommen, meint Adler.

Die Schweiz gehört zu den privilegierten Ländern. Zwar ist das Bruttoinlandprodukt im zweiten Quartal auch hierzulande um 8,2 Prozent eingebrochen – ein Wert, der seit Beginn der Messungen des Seco im Jahr 1980 noch nie erreicht worden war. Doch Claude Maurer, Leiter Konjunkturanalyse Schweiz bei der Credit Suisse, geht davon aus, dass diese Delle vergleichsweise schnell ausgebügelt werden wird. In der Zeit des Lockdowns seien die Haushaltseinkommen im Durchschnitt um höchstens knapp fünf Prozent gesunken. Die Differenz zum BIP-Einbruch sei durch Transferzahlungen wie zum Beispiel Kurzarbeitsentschädigungen ausgeglichen worden. Diese fiskalischen Massnahmen hätten in Verbindung mit der vorteilhaften Branchenstruktur der Wirtschaft und der vergleichsweise «massvollen» Ausgestaltung des Lockdowns einen tieferen Absturz verhindert. Vor allem aber hätten die Massnahmen den Boden für eine rasche Erholung gelegt.

BIP nur 4 Prozent im Minus?

Maurer war schon in der Vergangenheit deutlich optimistischer als andere seiner Berufskollegen. Nun sieht er sich bestätigt. Für das Gesamtjahr rechnet er unverändert mit einem Rückgang des Bruttoinlandproduktes in der Schweiz um vier Prozent. Die anderen grossen Prognoseinstitute rechnen – zumindest im Moment noch – mit einem Einbruch um durchschnittlich 5,8 Prozent. Der aktuelle Erholungsschub werde auch durch die hohen Ersparnisse getragen, welche die Haushalte während des Lockdowns angehäuft hätten. Die Credit Suisse hat eine Zahl von acht Milliarden Franken berechnet. Davon dürften nach Schätzung der Bank zwei Drittel schnell in den Konsum zurückfliessen.

Die rasche Erholung verhindert in Maurers Szenario auch einen Anstieg der Arbeitslosenquote. Mit bis zu vier Prozent in der Spitze (Mitte 2021) erreiche diese einen Wert der nicht hoch genug ist, um den Menschen die Freude am Konsum vollständig zu nehmen. So werde sich die Schweiz entlang der Linie eines «schiefen V» langsam aber sicher aus der Delle herausarbeiten, bis die sogenannte «Output-Lücke», die Differenz zwischen der tatsächlich erbrachten Wirtschaftsleistung und dem Potential, wieder geschlossen ist.

Credit Suisse ist optimistischer

Die Credit Suisse geht nicht davon aus, dass die Corona-Krise das Wachstumspotential der Schweizer Wirtschaft längerfristig beeinträchtigen wird. Auch damit zeigen sich die Ökonomen der Bank zuversichtlicher als andere Auguren. Das Staatsekretariat für Wirtschaft zum Beispiel, befürchtet, dass die Corona-Krise das Produktionspotential der Schweizer Wirtschaft nachhaltig beschädigen könnte. Die Behörde hat bis zum Jahr 2030 einem Einkommensverlust von 3400 Franken bis zu 6900 Franken pro Jahr und Kopf der Bevölkerung berechnet.

Gründe für ein Absinken des Produktionspotentials wären zum Beispiel geringere Investitionen der Firmen, also ein Verlust an Produktionsressourcen. Auch das Humankapital könnte nachhaltig Schaden nehmen, wenn arbeitslos gewordene Menschen nicht rasch in den Arbeitsprozess zurückfinden und so ihre Fertigkeiten verlieren. Gerätselt wird zudem, ob die Pandemie auch die Produktivität der Erwerbstätigen dämpfen könnte, zum Beispiel, weil sie im Homeoffice weniger effizient arbeiten als im externen Büro.

Zuverlässige Antworten auf die meisten dieser Fragen wird auch Maurer notgedrungen erst in einigen Jahren geben können. Unbestritten ist immerhin, dass die zunehmende Überalterung der Bevölkerung den mit Abstand grössten Effekt auf das Potentialwachstum der Wirtschaft ausübt. Die demografische Entwicklung wird das Wachstumspotential der Schweiz trotz Zuwanderung in den kommenden zehn Jahren um gut 0,5 Prozent pro Jahr senken. Zurzeit liegt das Potentialwachstum gemäss Maurers Berechnungen bei rund einem Prozent. Bei einem so geringen Tempo kommt auch der Befund nicht ganz überraschend, dass der in der Corona-Krise entstandene Rückstand auf die Marschtabelle in nützlicher Frist wieder aufzuholen ist. Umgekehrt droht die Krise für viele Schwellenländer für lange Zeit zu einer Bürde werden, wenn deren mithin grösstes Kapital, die junge Bevölkerung, nicht schnell wieder produktiv werden kann.

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