Anklage greift Weinstein an - «Das ist das Muster eines Raubtiers»

Die Verteidigung beschuldigt die mutmasslichen Opfer, die Anklage will Harvey Weinstein lebenslang hinter Gitter bringen: Im Finale des Vergewaltigungsprozesses warf die Staatsanwaltschaft am Freitag dem früheren Hollywood-Filmmogul schwere Sexualverbrechen vor.

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Mit Gewalt Sex erzwungen haben soll sich Harvey Weinstein in seiner Machtposition im Filmgeschäft von Hollywood. Das jedenfalls behaupten nicht wenige Schauspielerinnen, die aber dank dem Schwergewicht auch Karriere gemacht haben.

Mit Gewalt Sex erzwungen haben soll sich Harvey Weinstein in seiner Machtposition im Filmgeschäft von Hollywood. Das jedenfalls behaupten nicht wenige Schauspielerinnen, die aber dank dem Schwergewicht auch Karriere gemacht haben.

KEYSTONE/AP/Mark Lennihan
(sda/dpa)

Staatsanwältin Joan Illuzzi prangerte am Freitag in ihrem Schlussplädoyer Weinsteins Machtmissbrauch an. «Der Angeklagte war der Herr des Universums und die Zeugen waren nur Ameisen, auf die er ohne Konsequenz treten konnte», sagte sie.

Illuzzi betonte den «Mangel an menschlichem Einfühlungsvermögen» Weinsteins für seine mutmasslichen Opfer. Er habe es mit Kalkül auf die unbekannten Frauen abgesehen, die in der Filmbranche aufsteigen wollten, dort aber keine guten Verbindungen gehabt hätten.

«Keine dieser Frauen wusste voneinander. Das ist das Muster eines Raubtiers. Isoliere, isoliere, isoliere sie», sagte Illuzzi. Sie wollte damit erklären, warum die Frauen ihre Anschuldigungen erst Jahre, manchmal Jahrzehnte später erhoben hatten. Sie hätten gedacht, sie seien die Einzigen - «und er ist ein Riese». Die Zeuginnen hätten kein Motiv, über Weinstein zu lügen.

Seit 2017 haben Weinstein mehr als 80 Frauen sexuelle Übergriffe vorgeworfen. In dem aufsehenerregenden New Yorker Prozess geht es seit Januar aber vor allem um zwei Vorwürfe: Weinstein soll 2006 die Produktionsassistentin Mimi Haleyi zum Oral-Sex gezwungen und eine weitere Frau 2013 vergewaltigt haben.

Gefängnis bis ans Lebensende droht

Bei einer Verurteilung durch die Jury droht ihm Gefängnis bis ans Lebensende - eine Entscheidung könnte schon nächste Woche fallen. Der Prozess gilt als Meilenstein der MeToo-Ära, die von dem Fall ausgelöst wurde.

Am Donnerstag hatte bereits die Verteidigung ihre letzten Worte an die zwölf Geschworenen gerichtet und die Zeuginnen der Anklage scharf angegriffen.

«In ihrem Universum sind Frauen nicht verantwortlich für die Partys, an denen sie teilnehmen, die Männer, mit denen sie flirten, die Entscheidungen, die sie für ihre eigene Karriere treffen, die Flugtickets, die sie akzeptieren», hatte Weinsteins Chefanwältin Donna Rotunno zur Darstellung der Anklage gesagt und damit den mutmasslichen Opfern eine Mitschuld gegeben.

Rotunno hob auch angebliche Widersprüche in den Vorwürfen der Zeuginnen hervor und appellierte an die Juroren, ihren «gesunden Menschenverstand» zu benutzen. Der Angeklagte sei unschuldig. Gleichzeitig versuchte die Verteidigung, einer möglichen Vorverurteilung ihres Mandanten entgegenzuwirken, und machte Druck auf die Geschworenen, unvoreingenommen zu urteilen.

«Es ist keine einfache Aufgabe, eine der wichtigsten, die jemals von ihnen verlangt werden wird», sagte Rotunno. Der Prozess sei kein «Beliebtheits-Wettbewerb»: «In diesem Land sind es unbeliebte Personen, die Jurys am meisten brauchen.»

Energischer und wütender Auftritt

Der Auftritt von Staatsanwältin Illuzzi vor der Jury am Freitag war energisch und mitunter wütend, ihre Rhetorik lebhaft. Während ihres Plädoyers ging sie direkt vor der Bank mit den Geschworenen auf und ab, flüsterte manchmal fast, um dann wieder laut zu werden. Mehrfach machte sie scharfe, sarkastische Bemerkungen und provozierte damit ein Lachen im Saal.

In ihrer Rede stellte Illuzzi heraus, wie sehr sich die Geschichten der mutmasslichen Opfer ähneln, unter anderem bei der Beschreibung über Weinsteins Wutanfälle und Drohungen ihnen gegenüber. Zudem betonte sie, wie Weinstein mithilfe eines Teams von Privatdetektiven versucht hatte, die mediale Berichterstattung zu unterbinden, die den Skandal um ihn 2017 ins Rollen brachte.

In den vergangenen Wochen hatte die Staatsanwaltschaft in dem Verfahren versucht, mithilfe von insgesamt sechs Hauptzeuginnen in teils drastischer Detailtiefe ein Muster Weinsteins offenzulegen - das eines Mannes, der seine Macht in der Filmindustrie systematisch ausnutzte, um sich junge Frauen gefügig zu machen. Der Frauen für Sex Karrierehilfe versprach und sie bei einem Nein zum Geschlechtsverkehr zwang und vergewaltigte.

Sex gegen Karriere?

Weinstein streitet die Vorwürfe der Anklage ab und spricht davon, dass jeglicher sexueller Kontakt einvernehmlich gewesen sei. Der 67-Jährige war am Morgen mit einem Lächeln in den Gerichtssaal gekommen und grüsste - wie immer tief über seine Gehhilfe gebeugt - eine Frau im Zuschauerraum.

Weinstein selbst hatte im Prozess die Aussage verweigert. Dessen Anwälte hatten im Prozess die Strategie verfolgt, Zweifel an den Zeuginnen zu säen, und stellten sie als Frauen dar, die den einst mächtigen Weinstein wegen seines Geldes oder Einflusses in Hollywood ausnutzten.

Insgesamt hatten 28 Zeugen in dem Prozess ausgesagt, von der Verteidigung wurden weitere 7 Personen gehört. Ab Dienstag kommender Woche sollen sich die zwölf Geschworenen zu Beratungen zurückziehen, um über Schuld oder Unschuld Weinsteins zu entscheiden.