Behörden hatten wichtige Hinweise vor dem Wiener Terroranschlag

Der beim Terrorangriff in Wien erschossene Attentäter war zuvor der slowakischen Polizei bei einem versuchten Munitionskauf aufgefallen. Das erklärte eine Polizeisprecherin am Mittwoch dem slowakischen TV-Nachrichtensender TA3.

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Polizisten am Tag nach dem Anschlag an einem der Tatorte. Foto: Matthias Schrader/AP/dpa

Polizisten am Tag nach dem Anschlag an einem der Tatorte. Foto: Matthias Schrader/AP/dpa

Keystone/AP/Matthias Schrader
(sda/dpa)

Die Polizeidirektion in Bratislava schrieb auf Facebook: «Die slowakische Polizei erhielt im Sommer die Information, dass verdächtige Personen aus Österreich versuchten, in der Slowakei Munition zu kaufen. Es gelang ihnen aber nicht, den Kauf zu realisieren.» Die Information sei unverzüglich der Polizei in Österreich übermittelt worden. Weitere Angaben wolle man nicht machen, um die Ermittlungen in Österreich nicht zu gefährden.

Die oppositionelle SPÖ forderte vom Wiener Innenministerium daraufhin Aufklärung. «Was ist mit diesen Informationen dann passiert? Wie kann es sein, dass der Innenminister dann nicht sofort tätig wurde?», fragte der SPÖ-Fraktionschef Jörg Leichtfried. Als Reaktion auf den Terroranschlag in Wien wird der Nationalrat an diesem Donnerstag zu einer Sondersitzung zusammentreten. Dabei wollen Bundeskanzler Sebastian Kurz, Vizekanzler Werner Kogler, Innenminister Karl Nehammer und Justizministerin Alma Zadič Erklärungen abgeben.

In den vergangenen Jahren waren wiederholt Waffen mit slowakischen Registriernummern bei Terroranschlägen und anderen Straftaten in Europa verwendet worden. Auch die deutsche Polizei fand bei Razzien im vergangenen Jahr illegale Waffen slowakischen Ursprungs.

Bei der Terrorattacke am Montagabend waren vier Menschen getötet worden, darunter auch eine 24-jährige deutsche Kellnerin. Auch ein 39-Jähriger und eine 44 Jahre alte Frau jeweils aus Österreich wurden erschossen, wie die Polizei der österreichischen Nachrichtenagentur APA sagte. Viertes Todesopfer ist ein 21-jähriger Mazedonier. Ein Grossteil der zahlreichen Verletzten stamme aus Österreich, aber auch Staatsbürger aus Deutschland, der Slowakei, Luxemburg, Afghanistan, Bosnien und Herzegowina befänden sich darunter.

Neun Minuten nach Beginn der Attacke erschossen Polizisten den 20-jährigen Angreifer. Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) teilte am Dienstagabend mit, ein «Soldat des Kalifats» habe den Anschlag verübt. Ob er einen oder mehrere Komplizen hatte, blieb zunächst nicht abschliessend geklärt. 14 Menschen aus seinem Umfeld waren vorläufig festgenommen worden.

Papst Franziskus mahnte, dass Terroranschläge wie in Wien und Nizza die Zusammenarbeit der Religionen nicht gefährden dürften. Bei seiner Generalaudienz am Mittwoch in Vatikan sagte das katholische Kirchenoberhaupt, man gedenke «der wehrlosen Opfer des Terrorismus, dessen Eskalation der Grausamkeit sich in ganz Europa ausbreitet». Die Attacken hätten auch das Ziel, «die geschwisterliche Zusammenarbeit zwischen den Religionen durch Gewalt und Hass zu gefährden», warnte er.

Nach Ansicht der Theologin Margot Kässmann ist der Anschlag «ein schwerer Rückschlag vor allem für liberale Muslime, weil sie wieder mit Islamisten in eins gesetzt werden». Religionen müssten «glasklar dafür eintreten, dass Fanatismus, Fundamentalismus keinen Raum finden», forderte die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland in der «Zeit»-Beilage «Christ & Welt.»

Die österreichischen Sicherheitsbehörden müssen sich Fragen stellen lassen, warum der österreichisch-nordmazedonische Doppelstaatler den Anschlag überhaupt verüben konnte. Der 20-Jährige war im April 2019 wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zu 22 Monaten Haft verurteilt worden, nachdem er versucht hatte, nach Syrien auszureisen und sich dort dem IS anzuschliessen. Statt im Juli 2020 wurde er aber bereits Anfang Dezember 2019 vorzeitig entlassen.

Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) sagte im ORF: «Die Entscheidung, dass der Täter freigelassen wurde, war definitiv falsch.» Wichtig sei nun die Suche nach Komplizen. «Der Terrorist ist nicht vom Himmel gefallen, es muss Menschen gegeben haben, die ihn verführt und radikalisiert haben.» Er forderte mehr Engagement der EU gegen den politischen Islam, der die Freiheit und das europäische Lebensmodell gefährde. Am Mittwoch herrschte in Österreich der zweite von insgesamt drei Tagen Staatstrauer für die Opfer des Terrorakts.