Grossbritannien

Corona-Lockdown in London: Millionen Menschen müssen zu Hause bleiben

In London und anderen Gegenden in Südostengland gilt seit der Nacht zum Sonntag wieder ein harter Shutdown mit Ausgangssperren. Grund ist die rasche Ausbreitung einer neuen Variante des Coronavirus. Insgesamt sind etwa 16,4 Millionen Menschen von den Verschärfungen betroffen, knapp ein Drittel der Bevölkerung von England. Sie dürfen auch über Weihnachten keine Mitglieder anderer Haushalte treffen. «Als Premierminister ist es meine Pflicht, schwierige Entscheidungen zu treffen und zu tun, was getan werden muss, um die Menschen in diesem Land zu schützen», betonte Regierungschef Boris Johnson am Samstagabend auf Twitter.

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Reisende warten am letzten Samstag vor Weihnachten in der Bahnhofshalle der Londoner Paddington Station. Foto: Stefan Rousseau/PA/dpa

Reisende warten am letzten Samstag vor Weihnachten in der Bahnhofshalle der Londoner Paddington Station. Foto: Stefan Rousseau/PA/dpa

Keystone/PA/Stefan Rousseau
(sda/dpa)

Er hatte noch vor kurzem Forderungen von Wissenschaftlern und der Opposition abgelehnt, härtere Massnahmen über die Feiertage in Kraft zu setzen. Nun müssen Millionen Menschen doch alleine feiern. «Wir opfern die Möglichkeit, unsere Lieben dieses Weihnachten zu sehen, damit wir eine bessere Chance haben, ihr Leben zu schützen, damit wir sie an künftigen Weihnachten sehen können», sagte Johnson.

Der Premier warnte, die neue Variante VUI2020/12/01 des Coronavirus breite sich rasch aus. Die Mutation sei um bis zu 70 Prozent ansteckender als die bisher bekannte Form. Viele Kliniken in Südostengland sind so gut wie vollständig ausgelastet, vielerorts wurden nicht notwendige Operationen verschoben. Johnson betonte, es gebe aber weder Hinweise darauf, dass Impfstoffe weniger effektiv gegen die neue Corona-Variante seien, noch darauf, dass die Krankheit schwerer verlaufe oder es mehr Todesfälle gebe.

Um auf Nummer sicher zu gehen, wird das soziale Leben in weiten Teilen des Landes heruntergefahren. In London und anderen Regionen in Südostengland gilt künftig die neue höchste Corona-Warnstufe 4. Dort dürfen die Menschen nur noch aus wichtigen Gründen ihre Wohnung verlassen, etwa, um zum Arzt oder zur Arbeit zu gehen. Alle nicht lebensnotwendigen Geschäfte sowie wie Fitnessstudios, Friseure, Kinos oder Schönheitssalons müssen schliessen. Die Einwohner dürfen diese Zone nicht verlassen.

Bisher gab es in England drei Stufen. Geplant war, dass sich vom 23. bis 27. Dezember landesweit bis zu drei Haushalte zu festen «Weihnachtsblasen» zusammenschliessen können. Dies wurde nun - ausserhalb der Zone 4 - auf den ersten Weihnachtstag beschränkt. Auch die anderen Landesteile verschärften die Regeln deutlich. In Wales mit mehr als 3,1 Millionen Einwohnern gilt ebenfalls ein harter Shutdown, Schottland hat Reisen in andere Regionen verboten. Ob auch Nordirland neue Massnahmen einführt, war noch unklar. Dort hatten sich zuletzt wegen der hohen Zahlen an Neuinfektionen Krankenwagen vor Notaufnahmen gestaut, Ambulanzen aus dem benachbarten EU-Staat Irland halfen aus.

Grossbritannien ist eines der am härtesten von der Corona-Krise getroffenen Länder Europas. Am Samstag stieg die Zahl der Infektionen um etwa 27 000 auf insgesamt mehr als zwei Millionen. Etwa 83 000 Menschen sind bisher mit oder an der Lungenkrankheit Covid-19 gestorben. Die Regierung hatte vor gut zehn Tagen mit einer Massenimpfung begonnen. Bisher haben landesweit etwa 350 000 Menschen das Mittel des Mainzer Pharmaunternehmens Biontech und dessen US-Partners Pfizer erhalten, wie Johnson sagte.

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach warnte vor Mutationen des Coronavirus. «Es ist sehr wahrscheinlich, dass Mutationen die Ansteckungsgefahr erhöhen», sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND, Sonntag). «Das ist ein weiterer Grund dafür, dass die zweite Welle nicht so stark werden darf. Je mehr Ansteckungen man zulässt, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass noch gefährlichere Mutationen folgen. Das ist quasi ein Teufelskreis: Mehr Ansteckungen führen zu mehr Mutationsgelegenheiten und damit zu mehr Mutationen. Diese wiederum führen zu mehr Ansteckungen. So geht es dann immer weiter.»