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Junge deutsche Kapitänin riskiert viel im Einsatz für Flüchtlinge

Für die einen ist sie eine Heldin, für andere eine Gesetzesbrecherin: Als die deutsche Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete am Samstag im Hafen von Lampedusa anlegte, wurde sie von Anwohnern und Aktivisten mit Jubel, aber auch Beschimpfungen empfangen.
Vom italienischen Innenminister Matteo Salvini zur «Nervensäge» erklärt: die 31 Jahre alte deutsche Kapitänin des Flüchtlingsschiffes «Seawatch 3» Carola Rackete. (Bild: KEYSTONE/EPA ANSA/MATTEO GUIDELLI)

Vom italienischen Innenminister Matteo Salvini zur «Nervensäge» erklärt: die 31 Jahre alte deutsche Kapitänin des Flüchtlingsschiffes «Seawatch 3» Carola Rackete. (Bild: KEYSTONE/EPA ANSA/MATTEO GUIDELLI)

(sda/afp)

«Schande», «Handschellen!» und «Hau ab!», riefen einige. Andere zollten ihr Respekt, darunter der italienische Schriftsteller und Mafia-Experte Roberto Saviano: «Carola, danke, dass du dich in diesen Kampf der Zivilisation geworfen hast.»

Trotz dem strikten Verbot aus Rom hatte sich die 31-jährige Kapitänin des Rettungsschiffs «Sea-Watch 3» den Weg in den Hafen von Lampedusa erkämpft - in der Nacht zum Samstag wurde sie deshalb festgenommen. Um aus Seenot gerettete Menschen in Sicherheit zu bringen, riskiert die junge Frau aus Kiel eine lange Gefängnisstrafe: Ihr drohen bis zu zehn Jahre Haft.

«Was Menschen sich und dem Planeten antun»

Die Kapitänin mit dem entschlossenen Blick und den langen, zusammengebundenen Dreadlocks hat auf See schon einige Erfahrung. Nach meereskundlichen und umweltwissenschaftlichen Studien war sie zu Polar-Expeditionen in der Arktis und der Antarktis unterwegs. Von den Polarreisen nahm sie die «traurige» Erkenntnis mit, «was Menschen dem Planeten antun».

Nach Racketes Überzeugung fügen die Menschen sich auch «gegenseitig Schaden zu». Die europäische Bevölkerung schaue dabei zu, wie ihre Regierungen im Mittelmeer eine Bastion gegen Flüchtlinge errichteten.

Für die Unzufriedenheit in Italien über den Umgang mit der Flüchtlingsproblematik hat Rackete Verständnis. Es gebe in der EU «eine Ungerechtigkeit», weil es Italien überlassen worden sei, mit den Flüchtlingen zurechtzukommen. Eine «viel grössere Ungerechtigkeit» bestehe aber zwischen der Nord- und der Südhalbkugel der Erde.

Auf ihrer bislang letzten Mission nahm die «Sea-Watch 3» am 12. Juni vor der Küste Libyens 53 Flüchtlinge an Bord. 13 von ihnen, durften zwischenzeitlich nach Italien gebracht werden. Mit 40 weiteren Migranten an Bord harrte das Schiff bis zuletzt vor Lampedusa aus - in der Nacht zum Samstag dann verlor Rackete die Geduld und nahm Kurs auf den Hafen.

«Kein Akt der Gewalt, sondern des Ungehorsams»

Nach Angaben der italienischen Polizei steuerte sie das Schiff ohne Rücksicht an einem Polizei-Schnellboot vorbei. Ein Manöver, für das Rackete sich später entschuldigte. Das Anlegen im Hafen sei «kein Akt der Gewalt, sondern nur des Ungehorsams» in einer verzweifelten Situation gewesen, sagte Rackete. Wegen Widerstands gegen ein Kriegsschiff drohen ihr bis zu zehn Jahre Gefängnis.

Der Hardliner Matteo Salvini, Innenminister der rechtsnationalistischen Lega, sieht sich in dem Kräftemessen als Sieger: «Mission erfüllt», schrieb der Minister auf Twitter. «Verbrecherische Kapitänin festgenommen, Piratenschiff beschlagnahmt, Höchststrafe für die ausländische Nichtregierungsorganisation.»

Kapitänin arbeitet ohne Lohn

Die Besatzung der «Sea-Watch 3» einschliesslich Kapitänin Rackete arbeitet ehrenamtlich. 2016 übernahm Rackete ihre erste Mission für die Hilfsorganisation Sea-Watch mit Sitz in Berlin. Damals ergänzten sich zivile Seenotretter und eine Flottille von europäischen Militärbooten. Inzwischen wurde die staatliche Seenotrettung zurückgefahren, geblieben sind private Hilfseinsätze.

Auf Seenotrettung besteht nach Racketes Meinung ein unumstössliches Recht. «Es spielt keine Rolle, wie jemand in Not gerät - da können auch Feuerwehren und Krankenhäuser nicht nach fragen», sagt Rackete.

Salvinis Regierung wiederum droht Kapitänen, Eignern und Betreibern von Flüchtlingsschiffen mit bis zu 50'000 Euro Strafe sowie juristischer Verfolgung und Beschlagnahmung der Schiffe, wenn sie ohne Genehmigung in italienische Hoheitsgewässer einfahren. In Rackete sieht er eine «Nervensäge», die «auf dem Rücken von Einwanderern» einen politischen Kampf führt.

«Wenn mich jemand anklagt, bin ich bereit, ins Gefängnis zu gehen», sagte Rackete vor ihrer Festnahme entschlossen.

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