Schulabschluss per Algorithmus: Johnson-Regierung in der Kritik

Die britische Regierung ist am Wochenende wegen ihres Umgangs mit Schulabschlüssen in diesem Jahr immer stärker unter Druck geraten. Teilweise wurden Rücktrittsforderungen gegen Bildungsminister Gavin Williamson laut. Kritisiert wurde vor allem, dass die durch eine Software generierte Notenvergabe ohnehin schon benachteiligte Schüler zusätzlich schlechter stellt.

Drucken
Teilen
Boris Johnson, Premierminister von Grossbritannien, spaziert durch die Gärten von Hillsborough Castle. Foto: Brian Lawless/PA Wire/dpa

Boris Johnson, Premierminister von Grossbritannien, spaziert durch die Gärten von Hillsborough Castle. Foto: Brian Lawless/PA Wire/dpa

Keystone/PA Wire/Brian Lawless
(sda/dpa)

Da wegen der Coronavirus-Pandemie weder Prüfungen zum A-Level (Abitur) noch zum GCSE (mittlere Reife) stattfinden konnten, hat das Kultusministerium die Notenvergabe einem Computerprogramm überlassen. Ziel war es, die tendenziell zu positiven Einschätzungen der Lehrer auf ein Durchschnittsniveau der vergangenen Jahre zu drücken. Das geschah durch einen Algorithmus, bei dem teilweise Schüler bis um drei Notenpunkte schlechter wegkamen, als ihre Lehrer empfohlen hatten. Grundlage war neben der individuellen Einschätzung der Schülerleistung auch der Durchschnitt der Prüfungen an der betreffenden Schule aus früheren Jahren.

Es kam zu einem Aufschrei von Schülern, die sich benachteiligt fühlten und teilweise ihre Träume von einem Studienplatz platzen sahen, als vergangenen Donnerstag die A-Level-Resultate herauskamen. Ein von Bildungsminister Williamson eiligst ins Spiel gebrachter Widerspruchsmechanismus wurde am Wochenende von der zuständigen Behörde wieder teilweise zurückgenommen.

Zunächst hatte es geheissen, Schüler könnten durch ein Beschwerdeverfahren erreichen, dass die beste Bewertung gezählt werde, entweder aus einem Probe-Examen oder aus der Lehrer-Bewertung. Alternativ solle es möglich sein, die Abschlussprüfung im Herbst nachzuholen, was für einen Studienbeginn zum Wintersemester jedoch zu spät käme. Doch dann ruderte die Behörde zurück.

Die bildungspolitische Sprecherin der oppositionellen Labour-Partei, Kate Green, bezeichnete das Vorgehen der Regierung als «Fiasko, das sich von der Tragödie zur Farce entwickelt». Premierminister Boris Johnson müsse die Angelegenheit zur Chefsache erklären. Auch Lehrerverbände äusserten sich kritisch.

Williamson hatte das computergestützte Verfahren als notwendig verteidigt, um eine Inflation der Bestnoten zu verhindern. Der Druck wächst jedoch und bereits am kommenden Donnerstag sollen die GCSE-Noten veröffentlicht werden.

Die Regionalregierung in Schottland hatte zuvor bereits mit demselben Ansatz Schiffbruch erlitten und eine Kehrtwende gemacht. Dort sollen nun doch die Einschätzungen der Lehrer massgeblich sein.