100 Jahre Charlie Parker:
Revolutionär oder Traditionalist?

Der Altsaxofonist Charlie «Bird» Parker ist am 29. August 1920 geboren. Er führte den Jazz in neue Gefilde und spaltete die Jazzgemeinde. Doch dem Blues, der Ur-Zellen der afro-amerikanischen Musik blieb er immer treu.

Stefan Künzli
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Charlie Parker: Ein Leben zwischen Genialität und Absturz.

Charlie Parker: Ein Leben zwischen Genialität und Absturz.

William Gottlieb

Charlie Parker schlug wie eine Bombe ein als er die New Yorker Szene betrat. Von seinen Anhängern wurde er kultisch verehrt, doch gleichzeitig löste er heftige Kontroversen, grosse Verbitterung und Zorn aus. Ein grosser Teil des Publikums war schockiert, die Jazzpresse schrieb von «Dekadenz», «schlechtem Geschmack» und «gedankenlosem Fanatismus». Persönlich angegriffen fühlte sich gar Louis Armstrong. Der noch heute populärste Jazz-Musiker und selbst Innovator, empfand Parkers Modern Jazz als Verhöhnung seiner Musik und seiner Person. Sie habe «keine Melodie, die man sich merken kann». Den Beboppern ginge es «allein darum, die älteren Musiker auf den Arm zu nehmen und aus reiner Schadenfreude, sämtliche Konventionen des Jazz willkürlich auf den Kopf zu stellen».

Bebop-Ideologen wie Ross Russel unterstrichen den revolutionären Charakter der neuen Musik. «Bebop ist eine Musik der Revolte: gegen Big Bands, Arrangeure, flache Harmonien, leichte Rhythmen und gegen jede Form der kommerziellen Musik.» Durch die Jazzgemeinde ging ein nie gekannter Bruch. Hier die Modernisten, dort die Traditionalisten. «Es gibt nur zwei Arten von Jazz: vor Parker und nach Parker,» hiess es.

Parker folgte den Gesetzen der Evolution

Aus heutiger Sicht kann dieser damalibe Bruch kaum nachvollzogen werden. Aber Charlie Parker, den sie alle «Bird» nannten, hatte diese Schockwellen in der Jazzgemeinde durchaus auch provoziert. «Bop ist etwas ganz und gar von der Tradition Getrenntes und Losgelöstes», erklärte er und bastelte damit selbst an der Legende des Revolutionärs.

Die Modernisten Charlie Parker, Dizzy Gillespie und Thelonious Monk haben das harmonische Gerüst nachhaltig erweitert. Dazu führte Parker das Intervall der verminderten Quinte («flatted fifth») ein. Dennoch folgten er und der moderne Jazz in musikalischer Sicht eher den Gesetzen von Evolution als jener der Revolution. In Wahrheit hat Parker musikalisch nie mit der Jazz-Tradition gebrochen. Im Gegenteil: Er baute darauf auf.

Amerikanische Musikwissenschafter wiesen in Studien nach, dass von seinen 49 Eigenkompositionen nur sieben nicht auf den Harmonien von bekannten Jazzstandards basierten. Besonders beliebt waren die Changes zu «I Got Rhythm», sein «Hot House» baut auf den Harmonien von «What Is This Thing Called Love», «Ornitology» «How High The Moon» und, und und. Zwei Drittel seines gesamten Repertoires waren auf bekannten Standards des Swing-Aera aufgebaut.

Charlie Parker war einfach besser als alle anderen. Überragend nicht nur seine Virtuosität («Ich übte elf bis 15 Stunden pro Tag. Über einen Zeitraum von drei bis vier Jahren»), auch sein melodischer Einfallsreichtum war in jener Zeit unerreicht. Aber auch hier baute er auf die Tradition auf. Ohne die melodischen Vorleistungen seines Idols, dem Tenorsaxofonisten Lester Young, wäre die Entwicklung seiner Sprache nicht denkbar gewesen.

Eine ganz besondere Bedeutung hatte für Charlie Parker der Blues, diese Ur-Zelle der afro-amerikanischen Musik. Mehr als die Hälfte seiner Eigenkompositionen haben den zwölftaktigen Blues als Grundlage. Schon der BeBop-Kumpel Dizzy Gillespie wies darauf hin, dass Parker «das Blues-Idiom verkörperte».

Das vielleicht Faszinierendste an Charlie Parker war, dass er bei aller Virtuosität und Schnelligkeit, die Kontrolle nie verlor und dabei die Intensität und Ausdrucksstärke des Blues in seine Soli einbaute. Es kann keinen Zweifel darangeben, dass der Blues für den modernen Jazz von Charlie Parker so gültig war wie für den alten Jazz und den Swing. Und Parker bewies, dass der im Grunde so einfache Blues mit komplexeren Stilformen vereinbar ist.

Charlie Parker war die musikalische Kontinuität also sehr wohl bewusst. Der damalige Bruch in der Jazzgemeinde ging vielmehr darauf zurück, dass die Modernisten ihre Musik als Kunst- und Hörmusik verstanden wissen wollten. Sie distanzierten sich ganz bewusst von der Funktionsbindung des Jazz zu Tanz und Unterhaltung. Louis Armstrong war auch Popmusiker und Entertainer. Die Modernisten verstanden sich dagegen in erster Linie als Künstler. Und ihre Musik sahen sie auf einer Stufe mit der klassischen europäischen Musik.

Er machte alles exzessiv und starb mit 34 Jahren

Charlie Parker gehört mit Armstrong, Miles Davis und John Coltrane zu den ganz grossen Figuren des Jazz. Er beherrschte sein Instrument wie kein anderer, doch sein eigenes Leben bekam er nie in den Griff. Es ist dieser Gegensatz zwischen künstlerischer Genialität und privaten Abgründen, der ihn zu einer Identifikationsfigur der Beat-Poeten machte. Also jener Poeten der 1950er-Jahre um Jack Kerouac («On The Road»). Parker-Biograf Wolfram Knauer sieht die Gründe für den Drogenkonsum in seiner komplexen Persönlichkeit: «Das Exzessive, das sein Leben zerstörte, war genau dasselbe Exzessive, das ihn zu immer neuen Höhepunkten trieb. Das eine war ohne das andere nicht möglich.» Charlie «Bird» Parker starb vor 65 Jahren im Alter von 34 Jahren.

CHARLIE PARKER: DIE WICHTIGSTEN AUFNAHMEN

Zum 100. Geburtstag von Charlie Parker hat das Schweizer Label Hat Hut in seiner ezz-thetic-Serie die berühmten Aufnahmen der Label DIAL und SAVOY aus den 1940er-Jahren hervorragend neu gemastert:
Charlie Parker: The Birth Of Bebop. Celeberating Bird At 100. Remastered Selections from the DIAL Recordings.
Dizzy Gillespie, Miles Davis, Howard McGhee (tp), J. J. Johnson (tb), Erroll Garner, Dodo Marmarosa, Duke Jordan, Teddy Wilson (p), Red Norvo (vib), Barney Kessel (g), Tommy Potter (b), Max Roach (d). Recorded in California and New York, 1945-47.
Charlie Parker: The Birth Of Bebop. Celeberating Bird At 100. Remastered Selections from the The SAVOY Recordings.
Dizzy Gillespie, Miles Davis (tp), Bud Powell, Clyde Hart, John Lewis, Duke Jordan (p), Timy Grimes (g), Tommy Potter, Slam Stewart (b), Max Roach (d). Recorded in New York, 1944-1948

Das letzte wirkliche Bebop-Album:
«Jazz At Massey Hall» vom 15. Mai 1953 mit Dizzy Gillespie, Bud Powell, Charles Mingus und Max Roach. Laut Wolfram Knauer «das letzte wirkliche Bebop-Album des Stils».

Mit Streichern:
«Charlie Parker with Strings», 1949/1950.
Von Kritikern als kommerziellen Ausverkauf verrissen, von Parker geliebt.

Latin:
«South Of The Border» 1948 – 1952.
Machito and His Afro Cuban Orchestra.

Komplette Aufnahmen in grossen CD-Boxen:
Charlie Parker, «The Complete Masters» (Universal).
«Bird» - The Complete Charlie Parker on Verve (Universal).