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Das Festival, das die Welt veränderte, wurde in der Schweiz totgeschwiegen

Mit Verzögerung löste der Mega-Anlass bei uns eine Euphorie aus. Heute hat die Schweiz die grösste Open-Air-Dichte in Europa.
Stefan Künzli
Geburtsstunde der Schweizer Open Airs: Das Folkfestival auf Schloss Lenzburg. (Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv)

Geburtsstunde der Schweizer Open Airs: Das Folkfestival auf Schloss Lenzburg. (Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv)

Woodstock, das Festival, das die Welt veränderte, wurde in der Schweiz zunächst weitgehend totgeschwiegen. «Niemand wusste hier vom geplanten Woodstock-Festival», sagt dazu Beat Hirt, der 1966 zusammen mit Jürg Marquart das Schweizer Magazin «Pop» gründete und als erster Schweizer Pop-Journalist gilt. Selbst in seinem Heft fand das Hippie-Fest zunächst gar nicht statt. Überhaupt habe es «in der Schweizer Presse kaum Informationen oder Artikel zum Thema Rockmusik gegeben». Immerhin brachte der «Tages-Anzeiger» am Montag, 18. August 1969, auf seiner Kehrseite ein Bild. In der Legende war von «Schlamm und Müllhaufen» die Rede und von «300 000 Menschen im Hippie-Stil, die ein Musik- und Kunstfestival feierten». Namen von Bands wurden keine genannt.

Hirt vermutet, dass die internationalen Fotoagenturen ihre Schweizer Vertreter (z. B. die für solche Inhalte zuständige Agentur Dukas) wahrscheinlich mit Bildern bedient hatten. Aber die Fotos wurden per Post verschickt und sind deshalb zeitlich verzögert angekommen. «Schon eine Woche später interessierte das Ereignis nicht mehr», sagt Hirt, «und so wie ich Frank Dukas gekannt habe, hat er solche Fotos als «nicht verkäuflich» dem Papierkorb übergeben. Wenn man vom ‹Pop› absieht, hätte sich auch keine Zeitung dafür interessiert. Aber damals hat Frank Dukas das ‹Pop› sicher nicht gekannt.»

«Woodstock» wurde gemäss Hirt erst mit der LP und dem Film in der Schweiz ein Thema. Bis dahin blieb Woodstock der internationalen Musikpresse überlassen. «Die heutige Generation kann das wohl kaum glauben», sagt Hirt weiter, «aber die Kommunikationswege waren damals noch extrem langsam und die redaktionelle Selektion sehr konservativ.»

1972: Folkfest auf der Lenzburg, das erste Schweizer Open Air

Die Ideen von «Peace, Love & Happiness» sind schon 1967, im «Summer of Love» in die Schweiz gedrungen. Eine Hippie-Szene um den Musiker Hardy Hepp organisierte nach US-Vorbild im September 1967 auf der Allmend am Zürcher Stadtrand das erste «Love-in» der Schweiz. Rund 2000 Hippies erschienen zum unbewilligten Happening, an dem auch Bands wie Anselmo Trend und die Minstrels auftraten. Noch vor Woodstock war also das «Love-in» ein Vorreiter der späteren Open Airs.

«Open Airs, so wie wir sie heute kennen, gab es damals noch nicht», sagt Pop-Pionier Toni Vescoli. «Musik wurde in Festzelten gespielt.» «Woodstock» war aber ein Anstoss für die Open-Air-Szene in der Schweiz. Vescoli selber hat es sich auch überlegt, bei Schmerikon eines zu veranstalten. Das erste Schweizer Open Air war aber das Folkfestival auf der Lenzburg, das von 1972 bis 1980 durchgeführt wurde. Bluegrass, Country und Folksongs standen im Vordergrund.

Inspiriert von «Woodstock» und der Hippie-Bewegung, war das Folkfestival von Friedensaktivisten und einer antibürgerlichen Haltung geprägt. Zum Éclat kam es 1977, als der politische Liedermacher Aernschd Born in einer Protestrede von der Folk-Gemeinde ausgepfiffen wurde. Das Festival musste in der Folge ein Statut unterschreiben, das politische Reden verbot. Wie in Woodstock, als der Politaktivist Abbie Hoffman von der Bühne geprügelt wurde, konnten sich nicht alle mit der politischen Seite des Festivals anfreunden.

1977: Open Air St. Gallen und Gurten Festival

1977 war sowieso ein entscheidendes Jahr für die Schweizer Freiluftszene. Zum ersten Mal fanden das Gurten Festival und das Open Air St. Gallen (zunächst auf dem Ätschberg bei Abtwil) statt, die Schweizer Open-Air-Landschaft erblühte. Die Freiluftkonzerte wurden nun immer grösser und immer kommerzieller. Umgekehrt spielten politische und ge- sellschaftspolitische Anliegen eine immer kleinere Rolle, bis sie ganz untergingen im hedonistischen Konsum- und Party-Treiben.

Heute hat die Schweiz die höchste Open-Air-Dichte in Europa. Die grössten unter ihnen sind längst hochprofessionelle Konzertunternehmen. Doch der Geist von damals ist noch nicht ganz verschwunden. Selbst die Street Parade, die dieses Wochenende wieder in Zürich stattfindet, bezieht sich auf Woodstock.

Wer die Hippie-Seligkeit wirklich zelebrieren will, kann das am besten an einem der vielen kleinen Open Airs in der Schweiz, die sich bis heute explizit dem kommerziellen Druck verweigern.

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