Der grosse Aktionskünstler Christo ist tot – Er verpackte und offenbarte

Als erstes ganzes Gebäude hat der Künstler Christo 1968 mit seiner Partnerin Jeanne-Claude die Berner Kunsthalle verhüllt. Jetzt ist er mit 84 Jahren in New York verstorben.

Helen Lagger
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Im Juli 1968 hat Christo mit Jeanne-Claude die Berner Kunsthalle verhüllt.

Im Juli 1968 hat Christo mit Jeanne-Claude die Berner Kunsthalle verhüllt.

Bild: Joe Widmer / Photopress-Archiv

«Nun bist du wieder mit Jeanne-Claude vereint, welche Himmel verpackt ihr jetzt?» – das fragt sich ein Twitter-User anlässlich des Todes von Christo, dem grossen Verpackungskünstler, der weltweit mit spektakulären Aktionen auf sich aufmerksam machte.

Der als Christo Wladimirow Jawaschew in Bulgarien geborene Aktionskünstler ist mit 84 Jahren eines natürlichen Todes in New York gestorben, wie es die offizielle Facebookseite des einstigen Künstlerpaares Christo und Jeanne-Claude am vergangenen Sonntag öffentlich machte. Er und seine langjährige Partnerin, die bereits 2009 verstorbene Jeanne-Claude, hatten gemeinsam mit ihrer Kunst verstört, begeistert und schliesslich weltweit für Furore gesorgt.

Ein grosser Coup landete der umtriebige Kurator und Kunsthalle Direktor Harald Szeemann (1933-2005) als er das Künstlerpaar 1968 zur Feier des 50-jährigen Bestehens der Institution die Kunsthalle Bern gänzlich einpacken liess. Christo und Jeanne-Claude verhüllten den Bau mit 2430 Quadratmetern Polyäthylen. Die lichtdurchlässige Hülle befestigten sie mit Nylonseil. Ein gekonnter Schnitt erlaubte es den Besucherinnen und Besuchern, die Kunsthalle zu betreten.

Nach einer Woche war die Aktion Geschichte, ohne in Vergessenheit zu geraten. Bern zehrt bis heute davon und Zeitgenossen erinnern sich gerne daran, als ein Hauch Avantgarde durch die beschauliche Bundesstadt wehte. Doch mittlerweile hat fast jede Stadt ihren besonderen Christo-Moment. Zu den berühmtesten Projekten gehören die safranfarbenen Tore im New Yorker Central Park («The Gates»), die «Floating Piers» in der Lombardei, die verpackte Pont Neuf in Paris sowie der 1995 in silbernen Stoffbahnen verhüllte Berliner Reichstag.

Zu Christos berühmtesten realisierten Projekten zählten die safranfarbenen Tore im New Yorker Central Park («The Gates»).
5 Bilder
Christo auf seiner Installation The Floating Piers auf dem Iseo-See im Norden Italiens, Juni 2016.
Die Installation «The Floating Piers» von 2016 in Italien.
1995 verpackte Christo den Reichstag in Berlin.
Christo und seine Frau Jeane-Claude verpackten auch die Schweiz: Hier ein paar Bäume des Berower Park in Riehen BS.

Zu Christos berühmtesten realisierten Projekten zählten die safranfarbenen Tore im New Yorker Central Park («The Gates»).

KEYSTONE/EPA/KEITH BEDFORD

Erste Tuchfühlung

Chrtistos Talent manifestierte sich früh. Seine Mutter, die während des Zweiten Balkankrieges 1913 aus Mazedonien nach Bulgarien hatte fliehen müssen, war bis zu ihrer Heirat Generalsekretärin der Akademie der Schönen Künste in Sofia. Künstler gingen im Elternhaus ein und aus und der erst sechsjährige Christo erhielt Zeichen- und Malunterricht.

Seine Liebe zu grossen Stoffbahnen entdeckte er angeblich in der Chemiefabrik des Vaters. Hier fertigte er erstmals Zeichnungen von Stoffballen an. Nach dem Krieg wurde Christos Vater vom kommunistischen Regime schikaniert und seine Fabrik verstaatlicht. Christo verstand seine Kunst als demokratisch, da sie – zumindest als sie etabliert war – die Massen begeisterte, allerdings nie als explizit politisch. Er mache nie eine Arbeit über die Ölkrise oder den Reichstag, sagte Christo in einem Statement von 1990.

«Meine Arbeit ist nicht die Reproduktion einer Sache, sondern die Sache selbst, sie beschäftigt sich immer wieder mit dem realen Sachverhalt eines Ortes.»

Er selbst bezeichnete seine Aktionen als «irrational» und «sinnlos». Christo und Jeanne-Claude ging es um die Transformation des jeweiligen Ortes, um das Sichtbarmachen von Schönheit, wobei alles bis ins Detail von den beiden geplant wurde.

Christo mit Jeanne-Claude im Jahr 2004.

Christo mit Jeanne-Claude im Jahr 2004.

Bild: Monika Flueckiger / Keystone

Grosse Liebe

Organisationstalent und die Freude daran, etwas zu arrangieren, zeichneten Christo sein Leben lang aus. Bereits als Jugendlicher inszenierte er Stücke von William Shakespeare. Nach einem Semester an der Akademie der bildenden Künste in Wien ging er Ende der Fünfzigerjahre nach Paris und verdiente seinen Lebensunterhalt mit Porträts, die er mit «Javacheff» signierte.

Hier sollte er die Frau des Generals de Guillebon in drei Versionen malen und verliebte sich prompt in die Tochter Jeanne Claude, die am genau gleichen Tag wie er selbst – am 13. Juni 1935 – geboren war. Die beiden wurden künstlerisch wie privat unzertrennlich. Lange galt er als der Künstler, sie als die Organisatorin. Doch 1995 dementierten beide diese Trennung. Wichtig war dem Künstlerpaar die finanzielle Unabhängigkeit. Um die künstlerische Freiheit zu gewährleisten, setzten sie auf Eigenfinanzierung.

Christos Anfänge zeigen, wie früh die Idee des Verpackens ihn gepackt hatte. Ohne ein Mitglied zu werden, frequentierte Christo die Gruppe «Nouveau Réalisme» rund um Yves Klein. Diese hatte sich in den Sechzigerjahren zum Ziel gesetzt, den «erhabenen Status der bildenden Kunst zu sprengen und den kleinbürgerlichen Realismus zu überwinden».

Die Künstlergruppe, zu der sich auch Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle zugehörig fühlten, experimentierte mit neuen Techniken und gefundenen Objekten. Sie gelten als Wegbereiter der Objekt- und Aktionskunst. In diesem Geist begann Christo mit dem Verhüllen.

Er verpackte Dosen, Flaschen, Stühle, ein Auto und schliesslich ganze Gebäude. In seinem frühen Werk «Verpackte Dosen und Flaschen» (1958/59) umgab er Objekte mit harzgetränkter Leinwand und behandelte diese mit Leim, Firnis, Sand und Autolack. Christos Verhüllungen waren eine «Offenbarung durch Verbergen», wie der amerikanische Kunstkritiker David Bourdon es ausdrückte. Christo selbst sagte:

«Die Vergänglichkeit ist ein wichtiger Teil meiner Vorstellung von Kunst, denn die Zerstörung ist eingeplant; sie ist ein Teil der Ästhetik meiner Kunstwerke auf Zeit.»

Vergangen aber nicht vergessen, das gilt nun auch für Christo selbst.

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