Architektur Archive Bern vermittelt Nachlässe an Archive

Architektur Archive Bern - so heisst ein Verein, der Architekturgeschichte vor der Abfalltonne rettet. Die Verantwortlichen vermitteln Nachlässe von bedeutenden Architektinnen und Ingenieuren an Archive.

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Parkhotel Bellevue Adelboden, fotografiert am 18. März 2015.
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Das Parkhotel Bellevue in Adelboden in einer kollorierten Projektzeichnung von Ernst Linck (Gouache auf Heliografie, ca. 58 x 75 cm, 1931). Das Projekt wurde von Urfer & Stähli Architekten, Interlaken, entworfen. (Staatsarchiv Bern/Reproduktion durch Daniel Wolf)

Parkhotel Bellevue Adelboden, fotografiert am 18. März 2015.

Keystone/PETER SCHNEIDER
(sda)

«Wir haben die Funktion einer Schnittstelle», sagt Daniel Wolf gegenüber der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Wolf ist Gründungsmitglied des 2019 gegründeten Vereins Architektur Archive Bern. «Wir stellen Nachlässe von Architekten sicher, bewerten sie, suchen nach öffentlich-rechtlichen Archiven zur dauerhaften Aufbewahrung und möchten künftig auch mit Museen zusammenarbeiten.»

Zeuge der alpinen Moderne

Ein aktuelles Beispiel betrifft die Architekten Urfer & Stähli aus Interlaken, die 1931 das Parkhotel Bellevue in Adelboden entworfen haben. Dieser radikal moderne Steinbau thront, umgeben von einem Park, auf einem Hügel. Er prägt Adelboden, gilt als wichtiger Vertreter des Neuen Bauens, als Zeitzeuge.

Die Bestände der einstigen Erbauer indes wären um ein Haar in der Abfallverbrennung gelandet. Um 1870 hatte Peter Urfer das Büro gegründet, sein Sohn Alfred hat es zusammen mit Walter Stähli von 1910 bis 1951 weitergeführt.

Alfred Urfer hatte an der Technischen Hochschule in Stuttgart studiert; Stähli hatte sich am Technikum in Burgdorf ausgebildet. Anhand von Hotelbauten wie dem Parkhotel Bellevue oder Geschäftshäusern und Heimatstilvillen, die das Büro baute, lässt sich der Weg nachzeichnen von der Reformarchitektur zur alpinen Moderne, die geprägt ist vom Bauhaus.

Ganze Räume voller Material

Nach dem Tod erst von Alfred Urfer, dann von Stähli übernahm der Mitarbeiter Karl Ryser das Büro. Im Sommer 2012 stiess der Architekturhistoriker Daniel Wolf auf die Todesanzeige Rysers. Im Büronachlass des verstorbenen Architekten vermutete er grössere Planbestände der Vorgänger Urfer und Stähli und nahm Kontakt mit der Familie Ryser auf.

Die Familie reagierte zurückhaltend, bis Wolf 2014 an einem Mittwoch den Anruf erhielt, das Haus des Architekten Ryser müsse bis Freitag geräumt werden. Plötzlich musste alles sehr schnell gehen, wie Wolf erzählt. In Rysers Wohn- und Geschäftshaus fanden sich Kisten, Kartons und Müllsäcke voll alter Pläne, Zeichnungen, Skizzenbücher, Fotografien und Aktenordner.

2019 hat Wolf zusammen mit gleichgesinnten Architekten und Architekturhistorikern den Verein Architektur Archive Bern gegründet. Dieser will nun den Nachlass von Urfer & Stähli im Auftrag des Staatsarchivs Bern erschliessen und somit vorab für die Fachwelt erhalten.

Auch lokale Nachlässe erhalten

Die Geschichte des Nachlasses von Urfer & Stähli ist ein Beispiel dafür, dass Architekturgeschichte von regionaler Bedeutung verloren zu gehen droht. Denn um die Nachlässe von Baukünstlern, die schweizweit oder international von Bedeutung sind, kümmern sich die Archive der Eidgenössischen Technischen Hochschulen, der ETH in Zürich und der EPFL in Lausanne.

Doch «Nachlässe von lokaler, regionaler oder kantonaler Bedeutung nehmen in der Regel weder GTA noch die Archives de la constuction moderne (Acm) der EPFL», sagt Daniel Wolf. Darum kümmert sich nun der Verein Architektur Archive Bern. Er hat dieser Tage zu seiner ersten Hauptversammlung geladen; dieser Aufruf hat das Interesse über sein Tätigkeitsgebiet im Raum Bern, Solothurn, Freiburg und Oberwallis hinaus geweckt, etwa in der Ostschweiz.

Verfasserin: Andrea Fiedler, Keystone-SDA