Bundespräsidentin ruft in Bellinzona zum positiven Denken auf

Zum Ende des Krisenfensters besuchte Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga am Samstag das Tessin und dessen Regierung. An einer Medienkonferenz rief sie dazu auf, optimistisch in die Zukunft zu blicken und nicht an eine mögliche zweite Pandemie-Welle zu denken.

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Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga (Mitte) dankte auf ihrem Besuch im Tessin den Mitarbeitern der Post.
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Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga (Mitte), besucht gemeinsam mit dem Tessiner Regierungspräsidenten Christian Vitta (links) das Paketzentrum in Cadenazzo.

Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga (Mitte) dankte auf ihrem Besuch im Tessin den Mitarbeitern der Post.

KEYSTONE/TI-PRESS/Alessandro Crinari
(sda)

Der Südkanton machte seinem Namen an diesem Samstagnachmittag alle Ehre, denn während es im Norden grau und regnerisch war, empfing das Tessin die Bundespräsidentin mit sonnigem Frühlingswetter.

Willkommen geheissen wurde Sommaruga im Innenhof des «Palazzo delle Orsolline», dem Sitz der Tessiner Kantonsregierung, in dem ein Trompeter die Nationalhymne spielte. Es sei für sie eine Herzensangelegenheit gewesen, zu sehen, wie es dem Tessin nach diesen Wochen des Krisenfensters gehe, sagte Sommaruga zu Beginn der Medienkonferenz.

Sie habe auf ihrem Tessin-Besuch unter anderem das neue Paketzentrum der Post in Cadenazzo besucht. «Am Beispiel der Post haben wir in dieser Krise gesehen, wie wichtig solche Infrastrukturen sind», sagte die Bundespräsidentin. Die Mitarbeiter der Post stünden stellvertretend für alle, die in diesen Wochen aussergewöhnliche Arbeit geleistet hätten. «Diese Krise hat uns gezeigt, dass diese 'unsichtbaren' Berufe die Welt am Laufen halten.»

«Positive Atmosphäre» schaffen

Neben der Post habe sie sich auch dem Tourismus im Südkanton gewidmet. Dieser Sektor, der wichtig sei für die ganze Schweiz, gehe durch eine besonders schwierige Zeit. Am 24. Mai fände eine Sitzung der Tourismusverantwortlichen statt, um die Zukunft zu planen, denn diesen Sommer brauche es eine Koordination im Bereich des Tourismus. Unter anderem werde der Bundesrat Schweiz Tourismus mehr Geld für Werbung zur Verfügung stellen, verriet Sommaruga.

Ob und wann die Grenzen wieder öffnen würden, konnte sie indes nicht sagen. Dies hänge nicht zuletzt auch von der Gesundheitssituation in den Nachbarländern ab.

Der Tessiner Tourismus könne nun nach diesen schwierigen Wochen eine «positive Atmosphäre» schaffen, denn die kulturelle Vielfalt und die Schönheit der Natur des Tessins seien aussergewöhnlich. «Auch die Tessiner Herzlichkeit fehlt uns», sagte Sommaruga weiter. Ostern ohne das Tessin sei seltsam gewesen - auch für sie persönlich. «Wir warten auf ein Zeichen von euch, damit wir wieder euren schönen Kanton besuchen können.»

Lob für Tessiner Regierung

Die Gespräch mit der Tessiner Regierung bezeichnete die Bundespräsidentin als «sehr fruchtbar». Die Regierung sei sehr transparent mit allen Problemen des Kantons umgegangen.

Nun gehe am Montag wieder «das normale Leben» los. «Trotzdem müssen wir weiterhin die Hygiene- und Distanzmassnahmen respektieren», mahnte Sommaruga.

Regierungspräsident Christian Vitta beschwor einmal mehr die Einigkeit der Schweiz. Als Bild diente ihm der Kristall, der sich während Millionen von Jahren gebildet hat und eigentlich ein Aggregat sei - gerade wie die Schweiz ein Land mit «unterschiedlichen Gesichtern» darstelle.

Die Festigkeit und Kraft des Kristalls stehe für die Einzigartigkeit der Schweiz, sagte Vitta weiter. Deren föderalistisches System habe es dem Tessin erlaubt, mittels eines Krisenfensters das höchste Gut überhaupt zu schützen: die Gesundheit.

Keine Verlängerung des Krisenfensters

Auf die Frage eines Journalisten, wieso keine Verlängerung dieses Krisenfensters möglich gewesen sei, sagte die Bundespräsidentin, es brauche gewisse Bedingungen für ein solches. Zudem werde es irgendwann schwierig, wenn jeder Kanton andere Massnahmen verhänge: «Es wird kompliziert für die Leute, wenn sie nicht mehr wissen, wo welche Massnahmen gelten.»

Auf die Frage eines anderen Medienschaffenden, ob es sich die Schweiz aus wirtschaftlicher Sicht nicht hätte leisten können, Restaurants und Läden erst später wieder zu öffnen, argumentierte Sommaruga mit dem gutschweizerischen «Mittelweg»: Die Landesregierung habe sich für kleine Schritte der Öffnung ausgesprochen. «Das ist die Schweizer Art, mit solchen Situationen umzugehen», resümierte die Bundespräsidentin. Auch bei der Öffnung der Schulen bestehe ein «föderalistischer Spielraum». Je nach Situation eines Kantons seien Anpassungen möglich.

Natürlich sei man bereit, falls sich die Lage wieder verschlechtern sollte, sagte Sommaruga auf die Frage nach dem «Plan B» des Bundesrats im Falle einer zweiten Welle. Die vierwöchige «Pause» nach dem grossen Öffnungsschritt am 11. Mai bis zu einer weiteren Lockerung Anfang Juni gebe der Regierung den nötigen Spielraum, um zu sehen, ob die Infektionen wieder zunähmen, erklärte Sommaruga. «Die Situation jetzt ist aber eine andere, da wir die Betten in den Spitälern sofort aufstocken können, falls es nötig sein sollte.»

«Nicht an eine zweite Welle denken»

Sommaruga wies auch auf die Wiederaufnahme des Contact-Tracings ab dem 11. Mai hin. «Wir sollten jetzt nicht an eine zweite Welle der Pandemie denken, sondern an die Massnahmen, die helfen», resümierte Sommaruga. Die letzten Woche ergäben auch ein «positives Bild», denn die Massnahmen hätten einen sichtbaren Effekt gebracht. «Wenn alle mitmachen, können wir mit dem Virus leben.»

Ob der Ceneri-Basistunnel trotz Unterbrechungen der Testfahrten pünktlich im Dezember eröffnet werden könne, wusste Sommaruga noch nicht. Der Bundesrat befinde sich in Gesprächen mit der federführenden Alp Transit AG. «Der Wille ist auf jeden Fall da», sagte die Bundespräsidentin. «Wir sind uns der Bedeutung dieses Bauwerks für den Kanton Tessin bewusst.»