Die Rückkehr des Königs der Alpen vor hundert Jahren

Um ein Haar wäre das stolze Wappentier des Kantons Graubünden fast ausgerottet worden. Doch dann schmuggelten Wilderer den Alpensteinbock von Italien zurück in die Schweiz.

Drucken
Teilen
Ein Bild aus den frühen 1920er Jahren vom Transport junger Steinböcke in die Val Cluozza im Schweizerischen Nationalpark.
2 Bilder
Steinböcke sind wieder in verschiedenen Regionen des Kantons Graubünden anzutreffen. Diese Tiere wurden abgelichtet am Montalin oberhalb von Chur (Archivbild).

Ein Bild aus den frühen 1920er Jahren vom Transport junger Steinböcke in die Val Cluozza im Schweizerischen Nationalpark.

SNP
(sda)

Diese Wiederansiedlung des Königs der Alpen jährt sich am kommenden Samstag zum 100. Mal, wie der Schweizerische Nationalpark am Mittwoch in einer Mitteilung in Erinnerung rief. Heute leben im Nationalpark im Engadin etwa 300 Steinböcke. Auf dem ganzen internationalen Alpenkamm dürften sich rund 40'000 Tiere aufhalten.

Alle diese Wildtiere stammen von der Restpopulation im Jagdgebiet der italienischen Könige am Gran Paradiso im Nordwesten des Landes ab. Das bedeute, dass die genetische Vielfalt bei den heutigen Steinböcken relativ gering sei, schreibt der Nationalpark. Wie sich dies auf die Population auswirken werde, sei noch nicht bekannt.

Mehrere Gründe hatten zur fast gänzlichen Ausrottung des Steinbocks geführt. Das Aufkommen von Feuerwaffen im 16. Jahrhundert führte zu einer intensiveren Bejagung, Wälder mussten Weiden weichen. Und auch der Aberglaube spielte eine Rolle.

Fast jedem Körperteil des Steinbocks wurde eine heilende Wirkung zugeschrieben. Verwendet wurden das Blut, das Knochenmark und die Milz sowie die Hörner. Verschwunden in Graubünden war der Steinbock um 1640, obschon vorher ein Jagdverbot erlassen worden war. 1809 wurde im Wallis der letzte Steinbock erlegt.

Blasmusik zum Empfang

Überlebt hatten einige Tiere im Gebiet des Gran Paradiso in Norditalien. Der italienische König Emanuele#II. sorgte persönlich für deren Schutz. Er zeigte aber keine Bereitschaft, im Zuge der Wiederansiedlung der Schweiz Tiere für die Zucht zur Verfügung zu stellen.

Wilderer seien deshalb angeheuert worden, schreibt der Nationalpark. Ab 1906 hätten sie unter Lebensgefahr Steinbockkitze aus dem Gran Paradiso in die Schweiz geschmuggelt. Aufgezogen und gezüchtet wurden die Tiere im Tierpark Peter und Paul in St. Gallen. Erste Aussetzungen im st. gallischen Weisstannental und am Piz Ela in Mittelbünden blieben erfolglos.

Am 19. Juni 1920 trafen sieben Kisten mit Steinböcken in Zernez im Engadin ein. Den Empfang am Bahnhof begleiteten eine Blasmusik und eine grosse Menschenmenge. Einige Tiere zogen nach der Freilassung weg, die Böcke wurden gewildert. Ein paar Geissen siedelten sich am Piz Albris bei Pontresina an. Sie gaben laut Angaben des Nationalparks den Anstoss für die Gründung der gleichnamigen Kolonie.