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Flüchtlinge sollen zum Trauma-Test

In der Deutschschweiz steht es schlecht um die Versorgung traumatisierter Asylsuchender. Abhilfe schaffen könnte eine frühzeitige Untersuchung. Doch spielt der Bund mit?
Dominic Wirth
Asylsuchende kommen zu selten mit Psychiatern in Kontakt. (Bild: ky)

Asylsuchende kommen zu selten mit Psychiatern in Kontakt. (Bild: ky)

Wer in die Schweiz flüchtet, hier um Asyl bittet, der hat oft Schlimmes erlebt. Auf die Frage, wie viele der Asylsuchenden in der Schweiz tatsächlich traumatisiert sind, gab es bisher keine konkreten Antworten. Zahlen fehlen, weil sie von niemanden erhoben werden, weder vom Bund noch den Kantonen. Doch seit kurzem ist auf der Website des Bundesamts für Gesundheit (BAG) eine Studie des Forschungsbüros Interface aufgeschaltet. Sie erlaubt eine Annäherung an ein Problem, das in der öffentlichen Debatte wenig präsent ist.

Die Studie basiert auf Interviews mit 13 Fachpersonen, die etwa Ambulatorien für Kriegs- und Folteropfer leiten. Und ihre Ergebnisse lassen aufhorchen, insbesondere, was die Situation in der Deutschschweiz betrifft. Insgesamt, schätzen die befragten Experten, leiden mindestens 30 Prozent der Asylsuchenden in der Schweiz an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Bei einer weiteren Auslegung des Traumabegriffs erhöht sich diese Zahl gar auf bis zu 60 Prozent. Eine spezifische Behandlung erhält in der Deutschschweiz aber nur ein Bruchteil der Betroffenen, die eine solche nötig hätten: Ungefähr zehn Prozent. Ganz anderes sieht das in Genf und Waadt aus. Dort ist der Anteil deutlich höher die Schätzungen gehen von 30 bis zu 70 Prozent.

Vorreiter Genf und Waadt

Es liegt laut der Studie einiges im Argen bei der psychischen Gesundheit von Asylsuchenden. Die Studie eruiert dafür eine ganze Reihe von Gründen. Etwa die mangelnde Früherkennung in den Asylzentren von Bund und Kantonen. Oft werden psychische Erkrankungen also gar nicht festgestellt. Und wenn das passiert, wartet bereits das nächste Problem: Gerade in der Deutschschweiz fehlt es an Behandlungsmöglichkeiten. Das hängt auch mit dem ungelösten Problem der Dolmetscherkosten zusammen. Diese werden weder von den Kantonen noch von den Krankenkassen übernommen.

Die Studienautorin Franziska Müller kritisiert die Zustände. Aus medizinischer Sicht, sagt sie, sei eine rasche Behandlung für traumatisierte Asylsuchende unabdingbar. «Je länger man damit zuwartet, desto grösser wird die Gefahr einer Chronifizierung», sagt Müller. Die Soziologin schlägt eine ganze Reihe von Massnahmen vor, zwölf insgesamt. Eine zentrale ist der Ausbau der Früherkennung. Der Bund, so die Empfehlung, soll Asylsuchende beim Eintritt in ein Bundeszentrum systematisch zur psychischen Gesundheit befragen. Als Vorbild könnten dabei die Kantone Genf und Waadt dienen, die in ihren kantonalen Zentren solche Befragungen bereits durchführen.

Auf Bundesebene passiert das bis heute nicht. Ankommende Asylsuchende werden laut Franziska Müller «eher informiert als untersucht», haben aber die Möglichkeit, eine ärztliche Erstkonsultation in Anspruch zu nehmen. Müller findet, das dies gerade bei psychischen Kranken nicht ausreicht. «Wer traumatisiert ist, schafft es oft nicht, aus eigenem Antrieb aus seinem Elend zu kommen», sagt sie. Neben den ausführlicheren Eintrittsuntersuchungen empfiehlt die Studie etwa Weiterbildungen für Psychiater zur Verbesserung der Versorgungssituation. Und eine Lösung des Dolmetscherkosten-Problems. Adressat der Empfehlungen sind das BAG und das Staatssekretariat für Migration (SEM), die in den Bundeszentren gemeinsam für die Gesundheitsversorgung verantwortlich sind. Das SEM schreibt auf Anfrage, man diskutiere die Empfehlungen.

Expertin spricht von Interessenkonflikt

Das Schweizer Asylsystem steht vor einem grossen Umbruch: Am 1. März wird das neue, schnellere Asylsystem eingeführt. Ein Grossteil der Verfahren soll dann in den Zentren des Bundes abgeschlossen werden. Eine Anpassung der medizinischen Grundversorgung ist laut dem SEM im Zuge dieser Reform aber derzeit nicht angedacht. Franziska Müller glaubt, dass der Bund die Frage nach der psychischen Gesundheit auch nicht stellt, weil er die Antwort gar nicht hören will: «Der Interessenskonflikt ist offensichtlich: Man will schnelle Verfahren, da ist der Anreiz, detaillierte medizinische Fragen zu stellen, klein.».

Hilfswerke wie Caritas oder die Flüchtlingshilfe sind der Ansicht, dass der Bund sie dennoch stellen muss. Das sieht auch Silvia Schenker so. Die Basler SP-Nationalrätin will mit einem Vorstoss Druck ausüben. «Es ist im Interesse aller Beteiligten, psychische Erkrankungen früh festzustellen und zu behandeln, gerade auch mit Blick auf die Integration», sagt Schenker.

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