Gewicht der Schweizer Kinder wird womöglich falsch bewertet

Ob Kinder normal wachsen und zunehmen, prüfen Mediziner durch Vergleich mit WHO-Daten. Allerdings passen diese nicht präzise auf die Schweizer Gegebenheiten, wie Forschende nun berichten. Gerade an den Randbereichen werden Wachstum und Gewicht falsch bewertet.

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Wächst und nimmt das Kind zu im gleichen Rahmen zu wie Altersgenossen? Die WHO-Referenzwerte führen womöglich zu Fehldiagnosen. (Bild: Keystone/GAETAN BALLY)

Wächst und nimmt das Kind zu im gleichen Rahmen zu wie Altersgenossen? Die WHO-Referenzwerte führen womöglich zu Fehldiagnosen. (Bild: Keystone/GAETAN BALLY)

(sda)

Alle Eltern kennen die regelmässigen Kontrollen bei der Kinderärztin: Wächst das Kind in normalem Rahmen? Liegt es im Normalgewicht? Bei jeder Kontrolle ein Kreuzchen, das die Wachstumskurve fortführt. So sollen Wachstumsstörungen einerseits und Unter- oder Übergewicht andererseits erkennbar werden.

Was der «normale» Rahmen ist, beruht allerdings auf WHO-Daten, die nicht unbedingt exakt zu den Gegebenheiten einzelner Länder passen. Für die Schweiz haben Forschende um Urs Eiholzer vom Pädiatrisch-Endokrinologischen Zentrum Zürich (PEZZ) daher Daten von über 30'000 Buben und Mädchen zwischen 0 und 20 Jahren zusammengetragen. Aus diesen erstellten sie neue Referenzkurven über das heutige Wachstum und die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen in der Schweiz.

Der Vergleich mit den WHO-Daten zeigt, dass insbesondere in den Randbereichen der Bandbreite normalen Wachstums und Gewichts falsche Einschätzungen möglich sind, wie die Wissenschaftler im Fachblatt «Annals of Human Biology» darlegen.

Überdiagnose beim Übergewicht

Die Grenzwerte der WHO-Kurven für Übergewicht und Fettleibigkeit seien zu niedrig angesetzt. Das heisst zu viele Kinder würden als übergewichtig oder adipös definiert, schrieb das PEZZ in einer Mitteilung vom Montag.

Bei der Körpergrösse besteht das umgekehrte Problem: Hier sind die WHO-Kurven am unteren Rand der Bandbreite des normalen Wachstums zu ungenau, so dass Wachstumsstörungen mehrere Jahre unerkannt bleiben könnten. Schweizer Kinder sind gemäss der neuen Erhebung im Vergleich mit den WHO-Daten etwas grösser. Der untere Rand der WHO-Kurve liegt damit etwa 2 bis 4 Zentimeter zu niedrig.

«Unsere neuen aktuellen Wachstumskurven stellen deshalb ein unverzichtbares Instrument für die Schweizer Kinderärzte zur Beurteilung des individuellen Wachstums von Kindern und Jugendlichen in der Schweiz dar», kommentierte Eiholzer.

Grösser als früher

Die WHO-Daten werden in der Schweiz seit 2011 herangezogen, um festzustellen, ob Kinder und Jugendliche im Vergleich zu Altersgenossen normal wachsen. Sie beruhen auf Kindern aus Brasilien, Ghana, Indien, Norwegen, Oman und den USA. Zuvor stützten sich Schweizer Mediziner auf Referenzdaten aus einer Zürcher Langzeitstudie unter Leitung von Andrea Prader aus den 1950er und 1960er Jahren. Diese umfasste aber nur 137 Buben und 137 Mädchen, weshalb die Referenzkurven als nicht mehr zeitgemäss galten.

Der Vergleich der neu erhobenen Daten und der Prader-Referenzdaten zeigt, dass die Kinder heutzutage während der ersten fünf Lebensjahre noch im gleichen Rahmen wachsen wie früher. Allerdings sind Schweizer Kinder ab dem fünften Lebensjahr heute wegen der früher einsetzenden Pubertät grösser als früher. Am Ende sind sie im Durchschnitt aber nur einen Zentimeter grösser als vor 50 Jahren. Zudem bringen sie durchschnittlich mehr auf die Waage, insbesondere die Buben.