Grande Dame der Literatur: Gertrud Leutenggers «Späte Gäste»

Je älter, desto besser. Das gilt für die 72-jährige Gertrud Leutenegger. In ihrem neuen Roman «Späte Gäste» verdichtet sie eine Totenwache zu intensivem Leben zwischen Erinnerung, Traumbild und Zukunftsschau.

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Gertrud Leutenegger ist seit Mitte der 1970er Jahre eine wichtige Stimme der Schweizer Literatur. Ihr neuer Roman «Späte Gäste» verführt mit Sprachmagie und ist gestalterisch anspruchsvoll.

Gertrud Leutenegger ist seit Mitte der 1970er Jahre eine wichtige Stimme der Schweizer Literatur. Ihr neuer Roman «Späte Gäste» verführt mit Sprachmagie und ist gestalterisch anspruchsvoll.

Keystone/GAETAN BALLY
(sda)

Die Kinder hatten Angst vor Orion. Wenn die sommerliche Hitze das Tessiner Bergdorf an der italienischen Grenze in ihren Bann schlug, irrte er in einem schweren Ledermantel durch die Gassen; war es im Winter eisig kalt, sahen sie ihn im Hochzeitsanzug aus dünner, zerknitterter Seide seinem Teleskop auf verschneiter Höhe zuflattern. Nachts sah Orion nach den Sternen, tagsüber schlief er. Dazwischen traf er manchmal auf Frau und Tochter. Sie lebten mit ihm zusammen, solange es ging. Sie ertrugen ihn, wenn er, der verkannte Architekt, zwischen Plänen und Modellen gegen den Misserfolg antrank, bis er zum Tier wurde. Irgendwann flohen sie über den Gotthard, heim in die Deutschschweiz, in ein sichereres Leben.

Jetzt ist Orion gestorben. Schon auf den ersten Seiten von Gertrud Leuteneggers Roman «Späte Gäste» folgt man der Erzählerin, Orions einstiger Lebensgefährtin, erwartungsvoll zurück über den Pass, um rechtzeitig zu kommen zur Totenmesse. Warum? Kennt man diese Geschichte nicht in- und auswendig? Da ist ein Künstler, kompromisslos. Da ist eine liebende Frau, die ihm bis zur Selbstaufgabe die Treue hält.

Man sollte meinen, dass schon die Zeit, in der die Innerschweizer Autorin auf dem literarischen Parkett ihre ersten Schritte wagte, nach anderen Lebensentwürfen verlangte. 1975, als sie ihren Erstling «Vorabend» veröffentlichte, standen die Zeichen gut für eine ganze Generation von Schriftstellerinnen, die dem Frauenstimmrecht auf dem Fuss folgten. Zuvor hatten in der in diesem Sinn rückständigen Schweiz nur vereinzelt Frauen - oft aus «besseren Kreisen» - publiziert.

Erste schreibende Frauengeneration

Gertrud Leuteneggers Figuren mögen äusserlich in traditionellen Rollen gefangen sein - innerlich jedoch sind sie frei. Mit einer Verführungskraft, wie sie in etwa auch den Gedichten von Ilma Rakusa (74) oder Erika Burkart († 2010) innewohnt, überzeugt sie die Leserschaft immer wieder von einer weiblichen Sicht der Dinge. Auch die intellektuelle Hanna Johansen (81) hat das getan, gesundheitliche Probleme hindern sie aber schon länger daran, Neues zu vorzulegen. Helen Meiers anfänglich märchenhaft sublimierte Sehnsucht nach Freiheit wurde im Laufe ihrer nun 91 Jahre immer dichter, aber auch schwerer. Und die so bildhaft schreibende Erica Pedretti (90) ist in die Bildende Kunst abgewandert.

Bleiben Margrit Schriber (81) und Eveline Hasler (87), die eine Meisterin der Desillusionierung, die andere den gut verkäuflichen historischen Frauenbiografien verpflichtet. Beide haben vor kurzem Bücher veröffentlicht, die früheren Werken in nichts nachstanden. Mit Leuteneggers Sprachmagie und gestalterischem Anspruch können sie jedoch kaum mithalten. Hat die gut zehn Jahre Jüngere bereits profitiert vom hart erkämpften Befreiungsschlag ihrer Kolleginnen? Jedenfalls blieb an ihr das verhasste Etikett «Frauenliteratur» nicht haften.

Letzte Referenz an die Liebe

Auch die Heldin in Leuteneggers neuem Roman hat sich befreit - von Orion, der als leitendes Sternbild nicht taugte. Zwar hat er auf dem Berg Athos, jener orthodoxen Mönchsrepublik, zu der Frauen keinen Zutritt haben, den roten Schuh seiner Gefährtin in die Mauer eines neuen Klosters einbauen wollen, doch ist es zu diesem subversiven Akt so wenig gekommen wie zu anderen grenzüberschreitenden Würfen. Sie aber lebt, seit sie ihn verlassen hat, in ihrer eigenen Welt, in der alle Grenzen transzendent sind.

Zurück im Tessiner Dorf verbringt sie die Nacht in jenem Hotel am Waldrand, wo sie früher Schutz fand vor Orion. Der sizilianische Wirt ist nicht da, er kümmert sich in seiner Heimat um Flüchtlinge, die übers Meer kommen. Und die langjährige Angestellte weilt in ihrem Dorf, wo die Fasnacht einem alten Ritual folgend wieder einmal «Schöne» und «Hässliche» vereint. So tanzen nur die Erinnerungen im Ballsaal, von dem der Stuck fällt, während sich draussen, im verwilderten Garten stumme Gestalten drängen, in Decken und Abfallsäcke gehüllt. Wer sind sie? Hat sie keine Angst, so allein? Doch, aber sie weiss: Angst lässt sich besiegen. «In dem Masse, wie ich langsam in den Schlaf sank und alles vergass, den tobenden Mann im Dorf, seine herausgeschriene Verzweiflung, die zukrachenden Türen, wuchs in mir noch gestaltlos, doch unabweisbar die Weigerung, Furcht zu empfinden vor dem liebsten Menschen.» *

*Dieser Text von Tina Uhlmann, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt- Stiftung realisiert.