Kapitalismus-Kritik: Jonas Lüscher fragt nach dem Wie des Erzählens

Gesellschaftskritisch kann Literatur sein, wenn Autoren Missstände direkt anprangern. Aber nicht nur was sie erzählen, sondern auch wie sie erzählen, kann Machtverhältnisse unterlaufen - oder zementieren. Ein Gespräch.

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Jonas Lüscher sieht sich selbst als Autor engagierter Literatur. Doch Gesellschaftskritik und Engagement äussern sich bei ihm weniger darin, was er erzählt, sondern mehr, wie er erzählt.

Jonas Lüscher sieht sich selbst als Autor engagierter Literatur. Doch Gesellschaftskritik und Engagement äussern sich bei ihm weniger darin, was er erzählt, sondern mehr, wie er erzählt.

Keystone/CHRISTIAN BEUTLER
(sda)

Wir haben es heute mit «einer Tyrannei der Ökonomie über das Leben zu tun»: auf alle Tätigkeitsbereiche des Menschen werden ökonomische Kriterien übertragen; alles muss mess- und einpreisbar sein. Das sagt der in München lebende Schweizer Autor Jonas Lüscher in seinem Buch «Ins Erzählen flüchten». Der Band gibt eine dreiteilige Vortragsreihe wieder, in denen Lüscher über seine Art des Erzählens nachdenkt.

Lüschers Kapitalismus-Kritik entspricht nicht einfach antikapitalistischer Ideologie. Vielmehr hat sich der Autor bereits für seine 2013 erschienene Novelle «Frühling der Barbaren» mit ökonomischen Modellen auseinandergesetzt. Er kritisiert, dass sich die Ökonomie ein theoretisches Fundament als mathematisierende Naturwissenschaft gibt und damit sich selbst eine rationale Begründung verleiht.

Einzelfall statt Allgemeinheit

Mit der Durchökonomisierung geht laut Lüscher der Drang einher, dass selbst Glück, Freundschaft oder Erfolg messbar gemacht oder ethische Fragen als Kosten-Nutzen-Rechnung behandelt werden. In seinem Buch weist er auf die Gefahr hin, dass dadurch komplexe Lebensbereiche simplifiziert und trivialisiert werden, dass das Individuum und der Einzelfall keine Rolle mehr spielen.

Vor diesem Hintergrund denkt Lüscher über verschiedene Arten des Erzählens nach. «Wobei», sagt er im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA, «es nur wenige Beispiele von Büchern gibt, die die Welt verändern - etwa der 1885 erschienene Roman «Germinal» von Emile Zola». Doch: «Literatur hält das Verständnis für Ambivalenzen, für Zwiespältiges wach.» Literatur könne zeigen, dass «die Dinge nicht so einfach sind».

Der Autor macht klar, dass es ihm weniger darum geht, was, sondern wie erzählt werden sollte. Der kapitalistischen Welt, in der dem Allgemeinen Realität zugesprochen wird, setzt er den Einzelfall, das Besondere, das Individuum entgegen. Mit seinen Prosawerken, «Frühling der Barbaren» und dem Roman «Kraft» (2017), erzählt er keine Geschichten, die parabelhaft vom Einzelnen auf das grosse Ganze schliessen lassen. Hinter derartigen Erzählungen wittert er das Klischee, die Trivialisierung.

Was aber soll die Leserin, der Leser mit einer Erzählung über einen Einzelfall anfangen? «Ein wichtiges Verfahren der Literatur ist, den Einzelfall in einen Kontext zu stellen», sagt Lüscher. «Verlässliches Wissen entsteht, wenn wir ein narratives Netz knüpfen.» Damit meint der Autor, dass die Leserin all die Geschichten, die ihr begegnen, in Bezug zueinander setzen soll. «Frühling der Barbaren» zum Beispiel überträgt den Mythos vom antiken Gott Dionysos auf die Finanz- und Wirtschaftskrise ab dem Jahr 2008 und «verweist damit auf bereits existierende Geschichten».

Leser auf Distanz

An seine Leser stellt Lüscher die durchaus hohe Anforderung, dass sie «sich neue Fragen stellen oder Unsicherheiten aushalten» müssen. «Ich halte es für eine der Aufgaben von Literatur, den Leser zu verunsichern. Wem immer nur Klarheit und Sicherheit vermittelt wird, der verliert seine Skepsis.» Skepsis aber ist für ihn die angemessene Haltung gegenüber der Welt. «Gute Leser sind Skeptiker», sagt er.

Ähnlich anspruchsvoll ist der Umgang des Autors mit seinen Figuren. Richard Kraft beispielsweise, den Protagonisten seines Romans «Kraft» zeichnet er nahezu als Karikatur; er schickt diesen Rhetorikprofessor aus der altehrwürdigen deutschen Universitätsstadt Tübingen ins Silicon Valley, aber dieser Kraft ist gerade nicht der Altachtundsechziger, sondern der Kapitalist, der dort scheitert. «Ich erzähle die spezielle Geschichte und unterlaufe sie gleich wieder, indem ich Stereotypen aufbreche», erklärt Lüscher.

Die beiden Erzähler im «Frühling der Barbaren» sind Patienten in einer psychiatrischen Klinik und damit höchst unzuverlässig. Diese Konstellation vermittelt dem Leser, dass nichts gesichert ist. Mit den literarischen Verfahren hält Lüscher somit die Lesenden beider Bücher auf kritischer Distanz, zwingt sie in die Rolle des reflektierenden Beobachters. Einem solchen Leser kann man nicht einfach alles verkaufen - «sei es eine Hautcreme, einen Lebensstil oder eine politische Ideologie».

An beiden seiner bisherigen literarischen Werke fällt zudem auf, dass die Hauptfiguren scheitern. Lüscher erzählt also ganz offensichtlich keine Siegergeschichten. Solche stehen für den Autor in dem Ruch, eindeutige und endgültige Antworten geben zu wollen.

Lüscher will genau das Gegenteil: «alles aufnehmen, offen sein für alles, nichts ausblenden» - das ist für ihn «die Grundvoraussetzung um gute Literatur zu schaffen». Dem Leser mutet er damit zu, dass dieser sich mit mehr Fragen konfrontiert sieht, als dass er Antworten erhält.*

*Dieser Text von Andrea Fiedler, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt- Stiftung realisiert