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Krankenkasse will nicht für Krebsmedikament eines Zwölfjährigen zahlen

Ein Tessiner Arzt verschreibt einem Zwölfjährigen ein in der Schweiz nicht gelistetes Krebsmedikament. Die Krankenkasse weigert sich, die Kosten zu übernehmen. Nun soll sich Bundesbern mit dem Fall befassen.
Gerhard Lob
Selber kann die Familie des Zwölfjährigen das Geld nicht aufbringen. Im Tessin werden nun spenden gesammelt.

Selber kann die Familie des Zwölfjährigen das Geld nicht aufbringen. Im Tessin werden nun spenden gesammelt.

Schon die Diagnose und Therapie beim zwölfjährigen Sohn war für eine Familie aus dem Südtessin ein Schock und eine unglaubliche Belastung. Ein Jahr lang wurde der Bub wegen eines bösartigen Sarkoms am Weichgewebe intensiv behandelt. Doch ein zweiter Schock kam, als die Erhaltungstherapie begann, um das Risiko einer Rückkehr dieses äusserst seltenen Tumors zu vermindern. Die Krankenkasse weigerte sich, 3000 Franken für ein Medikament zu übernehmen, das Pierluigi Brazzola, Kinderonkologe und leitender Arzt am Kantonsspital San Giovanni in Bellinzona, seinem jungen Patienten verschrieben hatte. Denn die Familie war nicht in der Lage, diesen Betrag selbst aufzubringen.

Brazzola hat den Fall Anfang Woche über die in Bellinzona erscheinende Tageszeitung «La Regione» publik gemacht. Und sparte nicht mit Kritik an der zuständigen Krankenkasse: «Das ist eine gefährliche Entwicklung, wenn man eine Arznei nur erhält, wenn man selbst bezahlt.» Im Detail gehe es um ein Medikament, das aus Deutschland importiert wurde und in Kombination mit zwei weiteren Medikamenten, die in der Schweiz erhältlich sind, oral eingenommen wird. Die Krankenkasse habe argumentiert, dass es keine ausreichende Literatur gebe, wonach das Medikament für dieses Sarkom geeignet sei. Laut Brazzola ist das Medikament europaweit erprobt.

Kanton gibt Krankenkasse recht

Der Fall warf unmittelbar hohe Wellen, auch in den sozialen Medien, und löste zugleich eine grosse Solidarität aus. Innerhalb zweier Tage wurden 20000 Franken gesammelt, mit welchen die Arzneikosten gedeckt werden. Der Rest soll an die Krebshilfe, speziell für Kinder, gehen. Viele Spendenwillige meldeten sich bei der Zeitung oder bei der onkologischen Abteilung. Der sozialdemokratische Grossrat Henrik Bang lancierte eine eigene Sammlung.

Das kantonale Gesundheitsdepartement erklärte derweil in einer Medienmitteilung, dass das fragliche Medikament nicht auf der Liste von Pharmaka aufgeführt sei, deren Kosten von den Krankenkassen obligatorisch erstattet werden müssten. Zudem fehle die Zulassung durch Swissmedic. Daher obliege es allein der Krankenkasse zu bestimmen, ob sie die Kosten übernehmen wolle. Gegen den Entscheid der Kasse könne rekurriert werden. Der Kanton versicherte aber, dass in diesem spezifischen Fall die Kosten von Dritten übernommen würden, etwa der Krebsliga, falls keine Einigung mit der Krankenkasse erreicht werden könnte.

Für Peter Lack, Geschäftsführer des Vereins Kinderkrebs Schweiz in Basel, ist es nicht das erste Mal, dass er von solchen Vorfällen hört. Gerade weil in der pädiatrischen Onkologie weniger empirische Studien zur Verfügung stünden und auch kaum spezifische Medikamente, sollten seiner Meinung nach die Krankenkassen mit solchen Fällen pragmatisch umgehen. «Es ist vielleicht legal, aber ethisch problematisch, solche Medikamente nicht zu übernehmen», erklärt Lack auf Anfrage. Sein Verband werde sich aber dafür einsetzen, dass solche gesetzlichen «Schlupflöcher» geschlossen würden.

Sonderlösung für Kinderkrebs gefordert

Daher ist die Ankündigung der Tessiner SP-Nationalrätin Marina Carobbio, sie wolle den Fall im Herbst in die nationalrätliche Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit einbringen, ganz im Sinne des Vereins Kinderkrebs Schweiz. Carobbio hat angeregt, Fälle von Kinderkrebs gesetzlich den sogenannten seltenen Krankheiten gleichzustellen. «Es braucht eine Anerkennung für diese Patientengruppe», sagte Carobbio in einer Stellungnahme.

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