Le Corbusiers frühe Zeichnungen im Architekturtheater Mendrisio

Rund 800 Zeichnungen schuf Le Corbusier im Alter von 15 bis 19 Jahren. Etwas 80 davon sind im Teatro dell'architettura Mendrisio zu sehen. In seinen Bildern sei der Weg zum Architekten vorgezeichnet, sagt Mario Botta.

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Architekt Mario Botta bewundert den jungen Le Corbusier: man erkenne im Kunstschüler bereits den grossen Architekten und Architekturtheoretiker. Dokumentiert ist das in einer neuen Ausstellung der Zeichnungen des jungen Le Corbusier in Mendrisio.

Architekt Mario Botta bewundert den jungen Le Corbusier: man erkenne im Kunstschüler bereits den grossen Architekten und Architekturtheoretiker. Dokumentiert ist das in einer neuen Ausstellung der Zeichnungen des jungen Le Corbusier in Mendrisio.

Keystone/ALESSANDRO CRINARI
(sda)

«Questo ragazzo aveva già capito tutto», sagte Mario Botta auf dem Rundgang durch die fast fertig aufgebaute Ausstellung im Gespräch mit Keystone-SDA - «dieser Knabe hatte bereits alles begriffen». Am heutigen Samstag wird sie eröffnet.

Während seiner Ausbildung an der Ecole d'Arts Appliques in La Chaux-de-Fonds schuf Charles-Édouard Jeanneret-Gris, wie Le Corbusier mit bürgerlichem Namen hiess, mehrere hundert Zeichnungen und Aquarelle. Diese zeigen den Strich eines sensiblen jungen Mannes, der genau beobachtet und gleichzeitig über viel eigenen Gestaltungswillen verfügt.

Da ist zum Beispiel das eindrückliche Aquarell der Alpen, auf dem der junge Jeanneret-Gris die Berge kurzerhand sattblau einfärbte. «Che fantasia!», ruft Mario Botta in Anbetracht des mystisch wirkenden Alpenbildes aus. Das Aquarell «Montagne bleues» schuf Le Corbusier 1910. Er war damals 23 Jahre alt.

Der Traum vom Malen

In den Augen Bottas war Le Corbusier ein «homme de lettre», ein Intellektueller, der auch hätte Schriftsteller, Wissenschaftler oder Maler werden können. In seinem späteren Leben als Architekt habe er immer wieder dem Traum eines Lebens als Kunstmaler nachgetrauert, so Botta.

Doch während ein Maler «alle Probleme auf einer einzigen Leinwand löst», wie Botta es formuliert, zeigten die jugendlichen Zeichnungen von Le Corbusier bereits dessen analytisches Wesen. «Le Corbusiers Augen sehen nicht nur eine Landschaft oder ein Objekt, sondern sein Kopf erfasst immer gleich das Problem hinter diesem Objekt», erklärt der 77-jährige Architekt, Architekturprofessor und Leiter der Accademia di Architettura der Università della Svizzera italiana in Mendrisio. «Le Corbusier war dazu verdammt, Architekt zu werden.»

Gleichzeitig sei Le Corbusier bereits in jungen Jahren ein «artista molto completa» gewesen, so Botta. In der Tat werden die unterschiedlichen Schaffenswelten von Le Corbusier in den ausgestellten Zeichnungen sichtbar: Da sind zarte Aquarelle, die in sich versunkene Rehe und Hirsche beim Fressen zeigen, dann wieder zeugen Skizzen von Le Corbusiers intensiver Auseinandersetzung mit der Kathedrale Notre-Dame.

Einige aus der Fondation Le Corbusier in Paris stammende Faksimile zeigen Naturstudien, die von ihrer Komposition her an Gebäude erinnern. Entwürfe für einen Teppich in kräftigem Rot-Blau aus dem Jahr 1908 wiederum demonstrieren das grosse Interesse des Architekten an Farbkompositionen. In «Deux nus féminins avec la et collines» aus den Jahren 1912-1914 wird der Kubist in Le Corbusier sichtbar.

Zeichnen als Kontaktaufnahme

Von «disegni intimi» über Landschaften bis hin zu Detailstudien: Dass Le Corbusier einer war, von dessen Schlag es nur wenige pro Jahrhundert gibt, sei bereits in diesen Zeichnungen angelegt, ist Botta überzeugt. So, wie Picasso mit 18 Jahren schon Picasso gewesen sei, erkenne man im Kunstschüler bereits den grossen Architekten und Architekturtheoretiker Le Corbusier.

Durch das Zeichnen sei der jugendliche Le Corbusier mit der Welt in Kontakt getreten, sagt Botta. Er reiste, entdeckte Stück für Stück die Geschichte Europas, studierte Kirchen, versenkte sich in Landschaften. Insbesondere die «Reise in den Orient» im Jahr 1911 war prägend für den jungen Kunststudenten. Le Corbusier besuchte Istanbul, sowie unter anderem Prag und Wien, die Länder des Balkans, Griechenland und Italien. Mehrere hundert Skizzen schuf Le Corbusier unterwegs - festgehalten in den berühmten Reisetagebüchern «Carnets», inklusive Anmerkungen.

Anlass der bis Ende Januar 2021 dauernden Ausstellung in Mendrisio ist die Veröffentlichung des ersten Bandes des «Catalogue raisonné des dessins de Le Corbusier», der wie die Schau selbst von der Französin Danièle Pauly kuratiert wird. Die Fondazione del Teatro dell'architettura unterstützt den Band mit einem finanziellen Beitrag. Als Herausgeber fungieren das Archives d'Architecture Moderne in Bruxelles und die Fondation Le Corbusier in Paris.

Farben aus Le Corbusiers Farbsystem

Die in Mendrisio gezeigten Zeichnungen stammen überwiegend aus privaten Sammlungen der Schweiz. Einige Faksimile hat zudem die Fondation Le Corbusier in Paris nach Mendrisio geschickt. Passend zu den unterschiedlichen Welten, in die der jugendliche Le Corbusier die Betrachterin, den Betrachter mit seinen Zeichnungen entführt, zeigen sich Farbtöne aus dem Farbsystem des späteren Architekten: Erst unterlegt zartes Smaragdgrün Tier-Aquarelle, weiter hinten umgibt eine zinnoberrote Wand florale Motive.

Es sei ein schöner Zufall, dass jene, die in unmittelbarer Nähe des Teatro dell'architettura studierten, sich im selben Alter wie der Erschaffer der Zeichnungen befänden, sagt Botta. «Der Zauber dieser Ausstellung liegt im Wissen des Betrachters um die grosse Zukunft des jungen Le Corbusier», resümiert der Architekt. «Doch er selbst - der junge Charles-Édouard Jeanneret-Gris - weiss noch nicht, was er eines Tages werden wird.»

Die Ausstellung dauert bis 24. Januar 2021. Kuratiert wird sie von Danièle Pauly.