öV-Branche entschädigt Abo-Kunden mit 100 Millionen Franken

Trotz massiven Einbussen wegen der Corona-Krise entschädigt die öV-Branche ihre Abo-Kunden mit 100 Millionen Franken. Die Finanzierung der Kulanzmassnahmen ist allerdings noch nicht gesichert. Alliance Swisspass erwartet aber, dass Bund und Kantone einspringen.

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Ein Fahrgast zeigt sein Generalabonnement einer Zugkontrolleurin.
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Viele öV-Benützende haben derzeit ihre General- oder Verbundabonnemente storniert.

Ein Fahrgast zeigt sein Generalabonnement einer Zugkontrolleurin.

KEYSTONE/CHRISTIAN BEUTLER
(sda)

Inhaber eines General-, Verbund-, Strecken- oder Moduljahresabonnements erhalten von der öV-Branche 15 Tage zusätzliche Kulanz, wie Alliance Swisspass, die Branchenorganisation des öffentlichen Verkehrs (öV), am Mittwoch mitteilte.

Unterbrechen lässt sich ein Generalabonnement (GA) bisher lediglich 30 Tage innerhalb eines Jahres. Rund 150'000 Kunden haben dies bereits getan, das sind etwa 15 Mal mehr als üblich bezogen auf einen Monat. GA-Kunden können während der ausserordentlichen Lage ihr Abo noch rückwirkend auf den 17. März 2020 hinterlegen.

Auch Monatsabonnenten werden entschädigt, sie erhalten ja nach Verbund und Produkt entweder 15 Franken oder 15 Prozent des Abopreises vergütet. Die genauen Modalitäten werden noch ausgearbeitet, wie Helmut Eichhorn, Geschäftsführer von Alliance Swisspass, im Rahmen einer virtuellen Medienkonferenz erklärte.

Das Halbtaxabonnement wird nicht entschädigt, da es meist nach kurzer Zeit und wenigen Fahrten amortisiert ist, wie es weiter hiess. Ebenfalls nicht entschädigt werden Ausflugsabos und das seven25-Jugendabo für Nachtschwärmer.

Abo-Kunden müssen nichts unternehmen

Um in den Genuss der Gutschriften zu kommen, müssen die Kunden aktiv nichts unternehmen, wie Eichhorn betonte. Man werde aktiv auf die Kunden zugehen, dies vor allem, um die Mitarbeitenden an den Schaltern zu schützen. Die Vergütungen werde erst nach der Aufhebung der ausserordentlichen Lage erfolgen.

Die Kulanzmassnahmen haben einen Gegenwert von 100 Millionen Franken. Zwei Drittel davon leisten laut Eichhorn die nationalen Verkehre, einen Drittel die Transportverbünde. Es handle sich um eine pauschale Lösung unabhängig von der Dauer der Krise. Der Entscheid von Alliance Swisspass muss formell noch genehmigt werden.

Die öV-Branche befindet sich laut Bernard Guillelmon, Präsident von Alliance Swisspass, in einer etwas «skurrilen Situation»: sie sei verpflichtet, die Grundversorgung sicherzustellen, obwohl kaum mehr jemand Zug und Bus fahre. Die Nachfrage im öV sei seit Beginn der ausserordentlichen Lage um rund 80 Prozent eingebrochen.

Der Verkauf von Einzelbilletten und Tageskarten ist Guillelmon praktisch zum Erliegen gekommen. Der Branche entgingen in der Corona-Krisse jeden Monat rund 500 Millionen Franken an Erträgen.

70 bis 80 Prozent der Züge fahren noch

Die Branche habe wenig Möglichkeiten, ihre hohen Fix-Kosten zu reduzieren, 70 bis 80 Prozent der Busse und Züge würden weiterhin verkehren. Trotzdem sind sie laut Guillelmon auf manchen Strecken auch in Stosszeiten «praktisch leer».

Trotzdem habe man sich entschieden, den «möglichst grössten Teil» der Kunden zu entschädigen, so Eichhorn. Die Gutschrift werde jeweils auf das persönliche Swisspass-Konto erfolgen und sei dann bei einem Folgekauf respektive der Verlängerung eines Abos anrechenbar. Eine Rückzahlung werde es jedoch nicht geben für jene, deren Abo während der Krise auslaufe und die es nicht erneuerten.

Damit Abo-Inhaberinnen und -inhaber von den Kulanz-Entschädigungen profitieren zu können, müssen drei Bedingungen erfüllt sein: Das GA muss ab dem 17. März bis zum Ende der ausserordentlichen Lage ununterbrochen gültig sein; bei den Verbund-, Strecken- und Modulabonnementen muss ein gültiges Abo am letzten Tag der ausserordentlichen Lage vorhanden sein; und bei Verbund-, Strecken- und Modulabonnementen sowie der Monatskarte zum Halbtax muss am 17. März ein gültiges Abo vorhanden gewesen sein.

Gerade noch «trag- und verkraftbar»

Die gewählte pragmatische Kulanzlösung sei für die Transportunternehmen «gerade noch trag- und verkraftbar», so Guillelmon. Mit dieser Vorleistung wolle man treuen Kunden entgegenkommen und sie auch künftig zu halten versuchen. Das Finanzierungsrisiko nehme man bewusst in Kauf.

Denn noch ist offen, wie die 100 Millionen Franken finanziert werden sollen. Guillelmon machte indes eine klare Ansage: «Wir erwarten vom Bund und Kantonen substantielle Beiträge.» Hinter der Kulissen liefen intensive Gespräche mit dem Bundesamt für Verkehr (BAV), wie die Ertragsverluste kompensiert und die Fixkosten garantiert werden könnten.