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Protestforscher über Klimabewegung: «Sie werden beachtet, doch die Massnahmen sind bisher ausgeblieben»

Simon Teune ist Soziologe an der Technischen Universität Berlin und einer der Mitgründer des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung. Im Interview sagt er, was die Klimabewegung schon erreicht hat - und was nicht.
Dominic Wirth
Greta Thunberg, das Gesicht von Fridays for Future. (Bild: KEY)

Greta Thunberg, das Gesicht von Fridays for Future. (Bild: KEY)

Herr Teune, seit Monaten ist die Klimabewegung in aller Munde. Wie hat sie das geschafft?

Es gibt diese Bewegung zwar schon länger, seit einem Jahrzehnt schon kämpft sie gegen die Erderwärmung. Doch dank Fridays for Future und den Klimastreiks spricht sie nun eine neue Generation an. Und sie hat mit den Schulstreiks eine neue Form gefunden, die ihr sehr viel Aufmerksamkeit eingebracht hat.

Das Gesicht von Fridays for Future ist die junge Schwedin Greta Thunberg. Welchen Anteil hat Sie an der neuen Dynamik?

Thunberg ist sehr wichtig, weil sie als Beispiel vorangeht. Sie hat die Angst vor dem Klimawandel greifbar gemacht, weil sie eine klare Sprache gefunden und klar formuliert hat, dass im Kampf gegen den Klimawandel rasch etwas passieren muss. Das hat viele Schüler angesprochen. Daneben hat die breite Berichterstattung der Medien für zusätzliche Dynamik gesorgt. Das hat es für viele interessanter gemacht, sich zu beteiligen.

Simon Teune. (Bild: Chris Grodotzki)

Simon Teune. (Bild: Chris Grodotzki)

Kritiker spötteln, viele junge Leute machten bei den Klimademonstrationen nur mit, weil sie so die Schule schwänzen können.

Wer einmal auf einer Demonstration war, der sieht schnell, dass es die jungen Menschen sehr ernst meinen. Die handgemalten Plakate zeigen: sie machen sich Gedanken, was der Klimawandel für die Menschheit bedeutet. Es gibt unterschiedliche Perspektiven, viel Kreativität und Witz.

Soziale Bewegungen gibt es schon länger. Was zeichnet die Klimabewegung aus?

Sie steht in in der Tradition der Umweltbewegung und anderer Bewegungen. Neu ist das wissenschaftlich berechenbare Zeitfenster für ein koordiniertes Handeln gegen die drohende Klimakatstrophe. Dadurch erhält die Bewegung eine andere Dringlichkeit.

Die Klimabewegung erhält, Sie haben es angesprochen, sehr viel Aufmerksamkeit. Was aber hat Sie bisher erreicht, einmal abgesehen von symbolischen politischen Handlungen wie dem Ausrufen des Klimanotstands vielerorts?

Das ist in der Tat ein zentrales Problem der Demonstrierenden. Sie werden zwar beachtet. Sie haben Menschen auf die Strasse gebracht, es geschafft, dass das Thema Klima nun in seiner ganzen Breite diskutiert wird. Doch die Massnahmen, die aufgrund der wissenschaftlichen Erkenntnisse notwendig wären, sind bisher ausgeblieben. Das zu ändern, ist die grosse Herausforderung für die Klimabewegung.

Es geht für eine Bewegung immer auch darum, ihr Thema und auch das politische Momentum am Leben zu erhalten. Lässt sich das steuern?

Nein. Aber man kann eine Menge dafür tun, dass das Momentum nicht verloren geht. Dafür muss man seine Kräfte einteilen, zusammenarbeiten.

Mit wem?

Umweltorganisationen zum Beispiel oder politischen Parteien. Ich habe den Eindruck, dass es Fridays for Future bisher ganz gut gelungen ist, Ereignisse zu schaffen, über die berichtet wird - wie jetzt den Gipfel in Lausanne. Das machen die sehr clever, trotz ihrer Jugend. Es ist aber auch klar, dass sich diese Dynamik nicht in alle Ewigkeit weiter am Leben erhalten lässt.

Das führt zur Frage, was dereinst bleiben wird von der Bewegung.

Es ist schwierig, dazu eine Prognose abzugeben. Denn hier bewegen wir uns in unkartiertem Gelände. Wir haben es mit einer Situation zu tun, die nicht vergleichbar ist mit anderen Politikfeldern. Das Gelegenheitsfenster, etwas gegen den Klimawandel zu unternehmen, schliesst sich rasch. Es kann sein, dass die Politik die Anliegen der Klimademonstranten aufnimmt. Doch dann werden jene Stimmen, die jetzt schon lautstark versuchen, die Proteste zu delegitimieren, sie lächerlich zu machen, noch lauter werden.

Es gibt Klimaaktivisten, die schon jetzt zu radikalen Aktionen greifen, zuletzt gab es auch in der Schweiz mehrere Aktionen, die mit Festnahmen endeten. Droht eine weitere Radikalisierung?

Die Forderungen von Fridays for Future sind in sich radikal, weil sie auf eine grundsätzliche Änderung der Gesellschaft und des Wirtschaftssystems zielen. Wenn die politisch Verantwortlichen keine Maßnahmen treffen, die zumindest in die Richtung gehen, ist es absehbar, dass anderen Protestformen an Bedeutung gewinnen werden. Es wäre in der Geschichte der sozialen Bewegungen nicht das erste Mal.

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