Schweizer Autor Klaus Merz wird 75: «Witterung der Worte aufnehmen»

Der Schweizer Autor Klaus Merz feiert am heutigen Samstag seinen 75. Geburtstag. Im Hinblick darauf ist seine Erzählung «Im Schläfengebiet» von 1994 neu aufgelegt worden. Sie ist eine Quelle seines Schreibens.

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Klaus Merz, der Dichter aus dem Wynental, jener Lebenslandschaft, in der sich die Welt spiegelt, wird 75. Bekannt ist er für meist dünne Bücher mit Gedichten, Feuilletons und Prosatexten: Texte, die Gegensätze miteinander verklammern, in denen jedes Wort wohlgesetzt ist.

Klaus Merz, der Dichter aus dem Wynental, jener Lebenslandschaft, in der sich die Welt spiegelt, wird 75. Bekannt ist er für meist dünne Bücher mit Gedichten, Feuilletons und Prosatexten: Texte, die Gegensätze miteinander verklammern, in denen jedes Wort wohlgesetzt ist.

Keystone/GAETAN BALLY
(sda)

Es ist kein Zufall, dass er sich ausdrücklich diese Erzählung für eine Neuerscheinung gewünscht hat. Sie erzählt von Walter, der an Epilepsie leidet. Er ist Bäcker, doch das Backen musste er aufgeben. So durchstreift er die Gegend, hält Ausschau und bleibt gewappnet, dass es jederzeit passieren kann. «Seine Krankheit macht Liebe und Leben grau.»

«Im Schläfengebiet» ist eine Erzählung, und Walter eine literarische Figur. Die kurze Notiz am Ende, «In Erinnerung an meinen Vater», weist aber darauf hin, dass die Hauptfigur ein reales Alterego hat, das Klaus Merz bis heute berührt. «Im Schläfengebiet» ist ein «Nachhall» auf den Vater, damit er unvergessen bleibt.

Gedächtnis, Wut, Liebe, Einsicht

«Ich wollte nie autobiographisch schreiben», bemerkt Klaus Merz im Gespräch mit Keystone-SDA. Die Intimität solcher Texte erscheint ihm zu selbstbezüglich, meist auch zu geschwätzig. «Alles Breitgetretene ist mir ein Gräuel», meint er unumwunden. Es gehe ihm beim Schreiben um etwas anderes.

Er nennt drei Begriffe: «Gedächtnis. Liebe. Einsicht.» Das ist ein Zitat aus dem «Schläfengebiet». Walter hat sie sich ins Backbuch eingeklebt. So lautet der Dreiklang gegen das Vergessen, den Merz im Gespräch um ein viertes Stichwort ergänzt: «Wut». Wut und Erinnerung bedingen sich gegenseitig, doch sie werden behutsam in der Einsicht aufgehoben.

Woher aber rührt diese Wut? Klaus Merz erwähnt «all die Demütigungen», die er habe erleben müssen. Es ist bekannt, dass seine Familie mehrfach lädiert war. Der Vater litt an Epilepsie, die Mutter neigte zu Depressionen, und der jüngere Bruder Martin, sein «symbiotischer Dichterbruder», wurde mit einem «Wasserkopf» geboren. Abermals ein Dreiklang, in den sich als vierter Ton leise das tot geborene «Kind Renz» mischte. Klaus Merz hat es 1997 in «Jakob schläft» zu literarischem Leben erweckt. Bis heute besuchen ihn diese vier Lebensfiguren in seinen Träumen.

Poesie der Übergänge

Zwischen Leben und Erzählen liegt indes «eine zwanzigjährige Gärungsphase», sagt Merz. In dieser Zeitspanne konnte die literarische Fiktion reifen, damit sie in einer poetischen Form neu erweckt werde. «Dieses Dazwischen ist ein spannender Moment», sagt Merz. Wir erleben es beispielsweise in der «blauen Stunde» am Ende des Tages, «wenn der Betrachter durchs Fenster schaut und die Landschaft noch erkennt, sich aber zugleich im Glas gespiegelt sieht».

Solche Momente wecken seine Aufmerksamkeit. Klaus Merz mag es, an solchen Übergängen die Gegensätze miteinander zu verklammern und, wie er sagt, «den Paradoxa auf der Spur zu bleiben». Darin besteht der Kern seines Handwerks. Er ist ein Verdichter, der rigoros auf die «Ökonomie des Textes» achtet.

«Es liegt in meinem Wesen, etwas auf den Punkt zu bringen», sagt er. Die familiäre «Krankengeschichte», die in der «Schläfengebiet»-Erzählung hat diese Haltung befestigt.

Wo immer man seine Bücher aufschlägt, findet sich sogleich ein Satz, eine Zeile, ein Gedanke, der auf geheimnisvolle Weise schlüssig und zugleich abschüssig anmutet - mal spielerisch, mal melancholisch, oft unerschütterlich, immer auf den Punkt präzise. Klaus Merz genügen wenige Worte für ein vollendetes Gedicht.