Reportage

Spiritualität während der Corona-Krise: Wie die Kirchen den Gläubigen Trost spenden im Ausnahmezustand

Auch das kirchliche Leben ist wegen des Corona-Virus gelähmt. Dank den sozialen Medien erreichen die Kirchen ihre Schäfchen dennoch. Auch Telefonseelsorge ist hoch im Kurs.

Kari Kälin
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Leergefegt: Der Klosterplatz in Einsiedeln in Zeiten des Corona-Virus.

Leergefegt: Der Klosterplatz in Einsiedeln in Zeiten des Corona-Virus.

Bild: Kari Kälin

Maria verhindert eine Frontalkollision zwischen Töff und Auto, heilt schwerkranke Kinder oder befreit Menschen vor einem Nervenleiden: Votivbilder aus mehreren Jahrhunderten zieren das Innere der Klosterkirche Einsiedeln. Die Menschen glauben an die Kraft der Mutter Gottes, auch überflüssig gewordene Krücken an der Wand dokumentieren den Wunderglauben. Und jetzt, zu Zeiten des Corona-Virus? Versprechen sich die Gläubigen vielleicht nicht Genesungen von der Covid-19-Krankheit. Aber Trost. Wie zum Paolo Napoletano, der am Donnerstag die Mittagspause nutzt, um vor der Schwarzen Madonna in der Gnadenkapelle niederzuknien.

Die Gnadenkapelle mit der Schwarzen Madonna.

Die Gnadenkapelle mit der Schwarzen Madonna.

Bild: Kari Kälin

An Spitzentagen pilgern Tausende nach Einsiedeln. Wegen der Pandemie herrscht eine gespenstige Ruhe am grössten Wallfahrtsort der Schweiz. Öffentliche Gottesdienste finden keine statt, die Kirche darf man nur noch zu bestimmten Zeiten betreten, der Empfang der Kommunion und Beichte sind nicht mehr möglich. «Ein grosser Teil begreift diese Massnahmen», sagt Pater Lorenz Moser. Vereinzelt würden Gläubige aber hadern, weil sie diese Sakramente vorübergehend nicht empfangen könnten, ergänzt der Informationsbeauftragte des Klosters Einsiedeln.

Mitsingen in den eigenen vier Wänden

Die Benediktinermönche bemühen sich jedoch redlich, die spirituelle Grundversorgung auch im Ausnahmezustand zu gewähren. Die Gottesdienste werden per Livestream in die Aussenwelt übertragen. Die Gläubigen werden ermuntert, in den eigenen vier Wänden mitzusingen.

Die eingeschränkten Sozialkontakte werden mentale Spuren an der Psyche hinterlassen, darin sich Fachleute einig. Pater Lorenz ist überzeugt, dass damit auch der Bedarf an Seelsorge steigt – bei all jenen, die ihren Ängsten und Sorgen lieber auf spirituellem Weg als mit Hilfe des Psychiaters begegnen. Pater Lorenz sagt: 

«Wir sind für die Menschen da, wir schliessen sie in unser Gebet ein»

In ausserordentliche Zeiten ist auch ein Teil des kirchlichen Lebens wie gelähmt. Taufen und Hochzeiten sind verschoben, Beichten, so empfiehlt es die Schweizer Bischofskonferenz, ist nur im Rahmen der Einzelseelsorge möglich. Von der Pflicht des sonntäglichen Gottesdienstbesuches sind die Gläubigen befreit. Die Aufrechterhaltung eines kirchlichen Rest-Lebens stellen viele Pfarreien via soziale Medien sicher. Auch das seelsorgerische Telefongespräch bietet sich an.

Ein Lichtermeer für die Covid-Patienten

Mit einer ökumenischen Aktion setzen die römisch-katholische und die evangelisch-reformierte Kirche ein gemeinsames Zeichen der Hoffnung. Bis zum Gründonnerstag werden die Menschen im ganzen Land aufgerufen, jeweils am Donnerstag um 20 Uhr eine Kerze anzuzünden und sie gut sichtbar beim Fenstersims zu platzieren. Die Menschen sollen beten für die am Virus Erkrankten und das Personal im Gesundheitswesen – und alle, die angesichts der beschnittenen Freiheitsrechte sozial zu vereinsamen drohten. «Für alle sie bitten wir um Gottes Beistand und drücken so ihre Verbundenheit mit ihnen aus», sagt Felix Gmür, Präsident der Schweizer Bischofskonferenz. Gottfried Locher, Präsident der evangelisch-reformierten Kirche, ergänzt:

«Kirche ist mehr als ein Haus – sie ist ein Auftrag, für einander zu sorgen, in der Bedrohung jetzt erst recht»

Handbuch zum Virus

Die evangelisch-reformierte Kirche hat für ihre Kirchgemeinden im Eiltempo ein Handbuch für den Umgang mit der Corona-Krise verfasst. So wird etwa die Kontaktpflege zu Senioren via Telefon, E-Mail oder Postkarten empfohlen. Oder Kinder und Jugendliche werden ermuntert, für die ältere Generation zu zeichnen und Briefe zu verfassen. Die Pfarrer intensivieren die Telefonseelsorge. Bia Apps, Podcast und anderen digitalen Kanälen können die Gläubigen die Gottesdienste von daheim aus mitverfolgen. Die Kirchgemeinde Erlach im Kanton Bern hat sogar eine Anleitung für einen «Gottesdienst am Küchentisch» verfasst. Dafür brauche es mindestens eine Person, eine Bibel, mehr eigentlich nicht. Via Internet kann man sich die Bibeltexte besorgen, die jeweils am Sonntag an der Reihe sind.

Die Ungewissheit plagt viele Menschen. «Unsere Pfarrpersonen, Sozialdiakoninnen und –diakone und weitere Fachpersonen können den Menschen ihre Ängste und Verunsicherungen nicht nehmen», sagt Michèle Graf-Kaiser, Sprecherin bei der evangelisch-reformierten Kirche. «Aber sie investieren momentan sehr viel Zeit, um die Sorgen anzuhören, sie gemeinsam zu tragen und die Betroffenen somit nicht alleine zu lassen.»

Auch Imame im Telefondienst

Derweil stellt sich auch die Föderation islamischer Dachorganisationen der Schweiz (Fids) hinter die Massnahmen des Bundesrats. Via Telefon bleiben die Imame erreichbar, Onlinepredigten sind möglich, aber ein Freitagsgebet via Livestream «kennen wir nicht», sagt Fids-Sprecher Önder Güneş. Den allermeisten Muslimen sei es bewusst, dass sie in dieser besonderen Lage von der Pflicht des Moscheebesuchs entbunden seien. Günes vermutet, dass sich jetzt mehr Gläubige mit direkten Bittgebeten an Gott wenden – und sich manche der Koranlektüre widmen.

In der Einsiedler Klosterkirche wacht derweil eine Angestellte darüber, dass die Gläubigen die Abstandsregeln respektieren. Bei unserem Besuch zeigen sie Disziplin – schliesslich hat es keinen Platz mehr für neue Votivbilder wegen geheilten Covid-19-Patienten.

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