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Vanni Bianconi - «Übersetzung ist sprachliche Gastfreundschaft»

Das Festival «Babel» in Bellinzona stellt die Übersetzung von Literatur in den Mittelpunkt. Es ist in seinem Konzept einzigartig auf der Welt. Gründer Vanni Bianconi will damit eine Kunstform aus ihrem Schatten holen. Übersetzung ist für ihn der Schlüssel zur Welt.
Vanni Bianconi hat «Babel», das «Festival di letteratura e traduzione» in Bellinzona gegründet. Er hat damit eine Kunstform aus dem Schatten geholt. (Bild: Keystone/SAMUEL GOLAY)

Vanni Bianconi hat «Babel», das «Festival di letteratura e traduzione» in Bellinzona gegründet. Er hat damit eine Kunstform aus dem Schatten geholt. (Bild: Keystone/SAMUEL GOLAY)

(sda)

Für die Vorbereitungen zur 13. Ausgabe (13. -16. September) von «Babel - Festival di letteratura e traduzione» reist Vanni Bianconi regelmässig aus London an. Der Tessiner Schriftsteller und Übersetzer, der für seine Gedichte im Jahr 2009 den Schillerpreis erhielt, hat die britische Hauptstadt vor acht Jahren zu seiner neuen Heimat gemacht. «Der Liebe wegen», wie er erklärt. Die Veranstaltung behalte aber ihren Platz in Bellinzona, «dem geografischen Verbindungsort zwischen deutschsprachiger und italienischer Kultur», wie Bianconi sagt.

Das Literaturfestival kann im Tessin auf ein festes Publikum zählen. Das Konzept: Autorinnen, Autoren aus unterschiedlichen Sprachräumen und italienische Übersetzer treffen im Teatro Sociale vor Publikum aufeinander. Oft begegnen sie sich persönlich das erste Mal. Der Übersetzer stellt dem Autor Fragen zum Werk, «von dem er eine Innenansicht hat wie wohl keine andere Person», erläutert Bianconi. «Die Debatten bekommen eine andere Dynamik, als wenn Kritiker oder Leser Fragen stellen. Die Diskussionen ufern nicht aus, sondern bleiben eng an Thema, Sprache und Begrifflichkeiten.» Zum Babel-Programm gehören Workshops, Theater, Konzerte und Filme.

Konzept umgestellt

Dieses Jahr steht Brasilien im Mittelpunkt. «Und noch nie musste ich das Konzept so oft umstellen», sagt Bianconi. Der 41-Jährige mit den hellblauen Augen muss bei diesen Worten selbst lachen. Es sei schwieriger als erwartet gewesen, sich der kulturellen Realität Brasiliens anzunähern. «Man denkt, man kennt das Land. Doch ich musste feststellen, dass die Vielseitigkeit des Lebens und der Gesellschaft, die Vielzahl der indigenen Sprachen neben dem Portugiesischen in der Literatur quasi nicht vorkommt. Die brasilianische Kultur ist nach aussen völlig einseitig - und zwar weiss, männlich und der Mittelklasse entstammend.»

Sein Ziel sei es nun, bei der Auswahl der Autoren bis in die Favelas vorzudringen, indigene Literatur zu präsentieren, emigrierte Schriftsteller zu finden. Er sei fündig geworden, zumindest in den Originalsprachen. Mehr als in den Vorjahren lasse er für die kommende Festivalausgabe Texte des Gastlandes selbst ins Italienische übersetzen. Ein grosser Teil der Ergebnisse sei später mehrsprachig über die Homepage zu beziehen. Für Bianconi ist die Veröffentlichung von internationaler Literatur ein wichtiger Nebeneffekt des Festivals.

Die Hauptsprache von «Babel» ist - neben der jeweiligen Gastsprache - Italienisch. Doch seit drei Jahren gibt es neu auch einen Schwerpunkt für alle drei Landessprachen «zur Überwindung von Sprachbarrieren und Grenzen», wie Bianconi sagt. «Wir möchten, dass sich Schweizer Autoren der drei Sprachregionen besser kennenlernen. Denn das ist oft nicht der Fall.»

In der Rubrik «Poethreesome» tauschen drei Dichter ihre poetischen Werke in Deutsch, Französisch und Italienisch untereinander aus und übersetzen sie in ihre jeweilige Muttersprache. Während des Festivals treffen sie aufeinander und präsentieren vor Publikum die Ergebnisse. Die Texte werden online veröffentlicht.

Eine eigene Kunstform

Dass Übersetzung nicht einfach ein technischer Akt ist, sondern eine eigene Kunstform, macht die Idee des Festivals aus. «Vergleichbar ist es mit der Arbeit eines Violinisten», sagt Bianconi, der selbst englische Literatur (unter anderem Lyrik und Erzählungen von W.H. Auden und W. Somerset Maugham) ins Italienische übersetzt. «Der Komponist schreibt die Partitur, der Musiker interpretiert sie. Niemand würde dem Violinisten deswegen absprechen, ein Künstler zu sein.» So beinhalte eine Übersetzung auch immer die Interpretation ihres Verfassers.

Die Idee zu dem Festival kam Vanni Bianconi vor 15 Jahren. Damals arbeitete der Literaturwissenschaftler und Schriftsteller im Verlag Casagrande in Bellinzona und folgte einem Trend im nahen Italien, wie er erklärt. Als Gegengewicht zum medialen Trashprogramm und zu populistischen Kampagnen der Politik seien plötzlich überall Literaturfestivals aus dem Boden geschossen. «Es war die Ära Berlusconis, dem Ministerpräsidenten mit eigenem Medienkonzern, die von vielen Intellektuellen und Künstlern als eine kulturelle Hungerzeit wahrgenommen wurde», sagt Bianconi.

«Es war der richtige Moment, ein solches Projekt auch in Bellinzona zu wagen.» Tatsächlich würden bis heute viele Besucher des Festivals aus Italien anreisen. Doch nicht nur. Wie sich das Publikum zusammensetze, hänge vom jeweiligen Programm und den Gastautoren ab.

Aus dem Schattendasein geholt

In der italienischen Literatur habe der Übersetzer oder die Übersetzerin noch vor zehn Jahren ein Schattendasein gelebt. «Teilweise sind sie in den Büchern namentlich gar nicht erwähnt worden.» Auch das sei für Bianconi ein Grund gewesen, den Schwerpunkt seines Festivals zu wählen. «Und ich glaube, dass unsere Veranstaltung im italienischsprachigen Buchmarkt tatsächlich etwas bewegt. Wir haben ein Bewusstsein für die Kunst der Übersetzung geschaffen. Der Übersetzer ist im Buch nun sichtbar.»

Doch Vanni Bianconi geht noch weiter. Für ihn, der selbst zwischen den Kulturen pendelt, ist Übersetzung sprachliche Gastfreundschaft und «ein Modell für alle Formen der Hospitalität». Sie schlage eine Brücke zwischen den Kulturen. Ein Übersetzer werde seiner Aufgabe nur gerecht, wenn er das jeweils andere Land kenne und die Kultur verinnerlicht habe.

Dazu gehöre, auf Menschen zuzugehen, zwischen ihnen zu leben. «Einen anderen Menschen zu verstehen, ist fundamental, um ihn als Gast zu empfangen oder ihm Zuflucht bieten zu können.»

Verfasserin: Antje Bargmann, sfd

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