Alle sind sich selbst die Nächsten - auch Abstiegskandidaten

Wie geht es mit dem Schweizer Spitzenfussball in diesem Frühling weiter? Geht es überhaupt weiter? Die nächsten Tage müssen Klarheit bringen.

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Claudius Schäfer, CEO der Swiss Football League, vor schwierigen Wochen

Claudius Schäfer, CEO der Swiss Football League, vor schwierigen Wochen

KEYSTONE/PETER KLAUNZER
(sda)

Mit den am 29. April in Aussicht gestellten Lockerungsmassnahmen hat der Bundesrat die Voraussetzungen geschaffen, das der Betrieb im Schweizer Profifussball am 8. Juni weitergehen kann. Gibt es am 27. Mai keinen anderen Entscheid, steht dem nichts mehr im Weg. Dennoch ist innerhalb des Fussballs längst nicht alles klar.

Heinrich Schifferle, Präsident der Swiss Football League (SFL), der Profiabteilung im SFV, hat auf der Homepage der SFL Alarm geschlagen. Der Schweizer Fussball, notabene die Flaggschiffe Super League und Challenge League, würde in seiner Existenz bedroht werden, falls man lange Zeit nicht zur Normalität zurückkehren könne. Die Normalität sind ein regulärer Meisterschaftsbetrieb mit halbvollen bis vollen Stadien.

FCZ-Präsident Ancillo Canepa moniert ebenfalls, dass die Profiklubs - ob gänzlich ohne Spiele oder mit Geisterspielen - durch Verluste in Millionenhöhe in eine schwere existentielle Not geraten könnten. Er erwartet vom Bund, wie er gegenüber SRF sagte, eine Bürgschaft in tiefer dreistelliger Millionenhöhe - eine Bürgschaft nach dem Prinzip, wie sie der Bundesrat für die Fluggesellschaft Swiss (1,5 Milliarden Franken) gesprochen hat.

Vorerst aber geht es darum, ob und in welcher Form der nationale Spielbetrieb fortgesetzt wird. Geisterspiele bedeuten einerseits, dass die Klubs die Aufwendungen im Bereich der Sicherheit im Stadion und um das Stadion beträchtlich senken können. Ein Kosten verursachender organisatorischer Aufwand bleibt für jedes Spiel trotzdem.

Bei der Frage, ob die Meisterschaft ab dem 8. Juni mit dem regulären Programm beendet oder ob sie annulliert und ohne Titelvergabe und Regelung eines Auf- und eines Abstiegs ersatzlos gestrichen wird, scheiden sich die Geister. Dem Vernehmen nach sind die letzten vier, in akuter oder latenter Abstiegsgefahr steckenden Klubs der Super League allesamt gegen die Wiederaufnahme des Betriebs: Lugano, Sion, Thun als Schlusslicht und das mit den Berner Oberländern punktgleiche Neuchâtel Xamax. Sie alle könnten mit dem direkten Abstieg oder dem Abstieg über die Barrage verlieren , aber kaum etwas gewinnen, denn die für die Teilnahme am Europacup berechtigenden Ränge liegen für sie in weiter Ferne. Jeder ist sich selbst der Nächste.

Es gibt allerdings gute Argumente dafür, dass auch Lugano, Sion, Xamax und Thun für die Fortsetzung der Meisterschaft votieren müssten. Die Einnahmen aus den TV-Rechten sind an das Produkt gekoppelt, und das Produkt sind die Spiele. Die reguläre Meisterschaft umfasst 180 Spiele - 36 Runden à 5 Partien. Zum Zeitpunkt des Unterbruchs am 28. Februar waren 23 Runden, also 115 Spiele, absolviert. Ein definitiver Abbruch würde zu einem Einnahmeverlust in erheblicher Höhe führen.

Der pfiffige Sittener Präsident Christian Constantin will das Dilemma mit einem Spagat umgehen. Er schlägt den Abbruch der Saison 2019/20 vor. Für die nächste Saison jedoch soll die Super League von zehn auf zwölf Mannschaften erweitert werden. Aufsteiger per Dekret müssten demnach wohl Lausanne-Sport und Vaduz als derzeitige Erste und Zweite der Challenge League sein. Die zwölf Mannschaften würden nach Constantins Vorstellungen eine Doppelrunde absolvieren. 44 mal 6, also 264 Partien. Das Produkt, auf das der Inhaber der TV-Rechte einen vertraglichen Anspruch hat, wäre über die zwei Saisons mehr als nur wiederhergestellt.

Auf den ersten Blick scheint es so gut wie unmöglich zu sein, dass es im (internationalen) Kalender 2020/21 genug Spieldaten für 44 Runden gibt. Dennoch könnte Constantins Kalkül aufgehen. Denn bevor über internationale Wettbewerbe aller Art überhaupt nur gesprochen wird, müssen die nationalen Verbände jeder für sich ihren Betrieb wieder auf die Beine bekommen - mit den Regeln, die ihnen der Umgang mit der Coronavirus-Krise in den jeweiligen Ländern vorgibt.

Internationale Spiele zu veranstalten, dürfte weit darüber hinaus wesentlich komplizierter sein. Will die UEFA die Champions League und die Europa League regulär durchführen, müssten Hin- und Rückspiele der ersten Qualifikationsrunden schon im Juli beginnen - zu einer Zeit also, in der viele nationale Meisterschaften mit Hochdruck und Terminengpässen beendet werden. Aus heutiger Warte ist das illusorisch. Eher steht zu vermuten, dass die UEFA die Champions League direkt mit der Gruppenphase beginnen wird - mit den 24 ohnehin direkt qualifiziert Mannschaften und acht nach festzulegenden Kriterien ernannten Teams. Sollte der Europacup jedoch gänzlich entfallen, würden weit mehr Spieldaten für die nationalen Wettbewerbe frei. Für die vorgesehene zweite Nations League gilt das Gleiche wie für den Europacup: Ob sie durchgeführt werden kann, steht in den Sternen.

In den nächsten Tagen hat die SFL unter CEO Claudius Schäfer die nicht einfache Aufgabe, die partikularen Interessen ihrer zweimal zehn Profiklubs unter einen Hut zu bringen.