Andrighetto: «Alles passiert aus einem Grund»

Sven Andrighetto blickt auf eine durchzogene erste Saison in der KHL zurück. In der Corona-Krise sieht er auch Positives.

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Sven Andrighetto nimmt es Tag für Tag

Sven Andrighetto nimmt es Tag für Tag

KEYSTONE/LAURENT GILLIERON
(sda)

Eigentlich hätte Sven Andrighetto in der übernächsten Woche mit dem Nationalteam in die WM-Vorbereitung starten wollen. Stattdessen ist er nun in Denver, wo er zusammen mit seiner Verlobten im Haus deren Eltern wohnt. Von Moskau aus war es für ihn noch möglich, in die USA zu fliegen, da Russland nicht zum Schengen-Raum gehört. Er hatte dies zuvor mit der Botschaft abgeklärt. «Im Moment ist es am besten hier», sagte Andrighetto. Im Keller steht ihm ein Kraftraum zur Verfügung, ansonsten hält er sich mit Radfahren, Joggen oder Rollerbladen fit.

Für Andrighetto gab es kein abruptes Saisonende aufgrund der Coronavirus-Pandemie. Vielmehr schied er mit Awangard Omsk bereits in der ersten Playoff-Runde aus. Das war für den Verein nach dem Finaleinzug im Jahr zuvor ein herber Dämpfer. Als einer der Sündenböcke für das Scheitern musste der Zürcher Oberländer herhalten. Klub-Präsident Maxim Suschinski kritisierte ihn harsch: «Er konnte sich nicht zum Leader spielen, selbst wenn er im Training Wunder vollbrachte. Wir setzten wirklich sehr auf ihn, doch wir kriegten nicht jenen Sven, den wir bei den Weltmeisterschaften sahen, der in der NHL spielte.»

Andrighetto reagierte sehr professionell auf die Kritik: «Nach einer solch riesigen Enttäuschung ist es logisch, dass als erstes die Ausländer angeschaut werden. Diese müssen als Leistungsträger hinstehen, wenn es nicht läuft, das ist mir bewusst. Mit dem muss man umgehen können.» Auch er selber hatte sich persönlich und mit dem Team mehr erhofft - in 62 Partien verzeichnete er 13 Tore und 16 Assists.

Zwar war Andrighetto ohne grosse Erwartungen nach Russland gereist, allerdings hatte er mit einem technisch besseren Eishockey gerechnet, wie das die Sbornaja jeweils zelebriert. Die Realität war aber mehrheitlich eine andere - harte Arbeit und defensive Ausrichtung statt Kunst. «Es gibt nicht viele schöne Partien mit einem schönen Zusammenspiel», sagte Andrighetto. «Ich brauchte Zeit, um mich anzupassen.»

Headcoach der Mannschaft ist Bob Hartley, der die ZSC Lions 2012 zum Meistertitel geführt hat. «Die Trainings waren sehr hart und lang. Er nimmt kein Blatt vor den Mund, lässt es dich wissen, wenn du einen Fehler machst», so Andrighetto. Der 59-jährige Kanadier ist ein Trainer der alten Schule. Ausserdem legt er grossen Wert auf Details, beispielsweise wie man den eigenen Stock braucht. «Vor allem im defensiven Spiel konnte ich mich sehr verbessern. Es war ein sehr lehrreiches Jahr - auch neben dem Eis», erklärte Andrighetto.

Weil im Stadion in Omsk im August 2018 Risse im Fundament entdeckt worden sind, spielt die Mannschaft seither eine halbe Stunde ausserhalb von Moskau. Andrighetto lebte mit seiner Verlobten in der russischen Hauptstadt. «Es gefiel uns sehr. Moskau ist eine super Stadt.» Allerdings hatte der 27-jährige Zürcher Oberländer etwas mehr Englisch erwartet. «Russisch ist eine sehr schwierige Sprache. Ich lernte ein paar einfache Wörter, ein Gespräch mit jemandem kann ich jedoch nicht führen.» Eine App half diesbezüglich. Das Reisen bezeichnete er im Vergleich zur NHL als «nicht so gemütlich. Es war aber kein Problem».

Andrighetto besitzt bei Awangard Omsk noch einen bis 2021 gültigen Vertrag. Diesen will er erfüllen - «ausser sie sagen etwas anderes». Zuerst einmal steht aber ein anderer wichtiger Termin an, plant er doch im Juni in den USA zu heiraten. Diese gilt es noch vorzubereiten, falls sie dann tatsächlich stattfinden kann. «Wir nehmen es Tag für Tag. Im schlimmsten Fall verschieben wir sie», sagte Andrighetto. Angst bereitet ihm die Coronavirus-Krise nicht, er hat aber Respekt davor: «Alles passiert aus einem Grund. Ich versuche, immer das Gute zu sehen. Normalerweise sind alle Leute im Stress und haben Pläne, nun haben wir viel Zeit, die wir gut nutzen können. Vielleicht schätzt man nun Dinge mehr, die man für garantiert genommen hat. Das Ganze hat sicher auch Gutes.»