Birgit Fischer und die ewige Sucht nach dem Paddeln

Birgit Fischer ist als Kajak-Kanutin während Jahrzehnten Sonderklasse. Heute vor 16 Jahren wird die Ostdeutsche in Athen zum achten Mal Olympiasiegerin. Der letzte grosse Coup bleibt ihr aber versagt.

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Birgit Fischer (rechts, mit Katrin Wagner) zeigt ihre Goldmedaillen an den Olympischen Spielen 2000 in Sydney
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Der deutsche Vierer (vorne) kurz nach der Zieldurchfahrt beim Olympiasieg 2004
Birgit Fischer (vorne) führte den deutschen Vierer an den Olympischen Spielen in Athen als Schlagfrau zu Gold
Birgit Fischer mit ihrer achten olympischen Goldmedaille

Birgit Fischer (rechts, mit Katrin Wagner) zeigt ihre Goldmedaillen an den Olympischen Spielen 2000 in Sydney

KEYSTONE/AP/KOJI SASAHARA
(sda)

Nach den Olympischen Spielen 2000 in Sydney sollte Schluss sein. Ein gutes Jahr nach den in Australien gewonnenen Goldmedaillen 6 und 7 machte Birgit Fischer das Ende ihrer Karriere offiziell. 13 Monate nach dem Doppelschlag glaubte die Brandenburgerin mit sich im Reinen zu sein. Sie sah die Zeit gekommen, das Kapitel Spitzensport abzuschliessen.

Es war ein Trugschluss. Fischer konnte noch nicht ohne das wettkampfmässige Paddeln sein. Die Sucht nach dem Kanufahren war noch zu gross. «Bei jeder Pfütze hat es in den Händen gejuckt», sagte sie damals, als sie nach drei Jahren auf ihren Entschluss zurückkam. Sie wusste, was zu tun war, denn der lange Unterbruch war für sie nichts Neues. Schon nach der Geburt ihrer Kinder Ole und Ulla in den Jahren 1986 und 1989 hatte sie sich ausgedehnte Pausen gegönnt.

Eine prägnante Erklärung für die neuerliche Rückkehr war ihr und Bundestrainer Josef Capousek diesmal allerdings schwer gefallen. Der Versuch hatte einen Hauch von Esoterik an sich. «Birgit, das Paddel, das Boot und das Wasser sind eins», sagte der gebürtige Tscheche. «Ich gewinne die Rennen jetzt mit dem Kopf und nicht mit Kraft», fügte die Athletin bei.

Wer mit 41 Jahren den Wiedereinstieg plant, schafft sich nicht nur Freunde. Das Unverständnis dem nationalen Verband nahestehender Kreise bekam auch Fischer zu spüren. Die kritischen Voten zielten unter anderem auf die einstige Beziehung zwischen dem Chefcoach und der Rückkehrerin. Die Skeptiker hatten Bedenken, Capousek könnte seine frühere Lebensgefährtin bevorzugt behandeln.

Rückkehr als Segen

Aus sportlicher Sicht war Fischers Rückkehr für den deutschen Kanu-Rennsport ein Segen. Im Jahr vor den Olympischen Spielen in Athen hatte die Frauen-Equipe an den Weltmeisterschaften in Gainesville im US-Bundesstaat Georgia in der Disziplin Kajak keine einzige Medaille gewonnen. Capousek machte für das Debakel den «fehlenden letzten Ehrgeiz» geltend. «Wir haben zu viele Wasserträgerinnen. Ich vermisse eine echte Persönlichkeit. Deshalb habe ich mir gewünscht, dass Birgit zurückkommt.»

Fischer entfachte den internen Konkurrenzkampf neu. Sie hievte im Wortsinn die Schlagzahl wieder auf das Niveau, das die Deutschen wieder von ganz Grossem träumen liess. Im olympischen Becken in Schinias, 45 Kilometer nordöstlich von Athen, wurde der Traum Realität. Der Vierer mit Fischer auf der Schlagposition nahm im Final wieder soviel Fahrt auf, dass in der letzten Phase des über 500 Meter führenden Rennens selbst die ungarischen Weltmeisterinnen nicht mehr mitzuhalten vermochten.

19 Hundertstel gaben am Ende den Ausschlag zugunsten des deutschen Boots - eine knappe Entscheidung, für Fischer aber deutlich genug, um sich schon bei der Zielankunft des Sieges sicher zu sein. Das Gespür für die Rennsituation und das richtige Augenmass, auf das sie sich schon früher hatte verlassen können, liess die erfolgreichste Kanutin aller Zeiten auch diesmal nicht im Stich. Am 27. August 2004, 24 Jahre nach ihrem ersten Olympiasieg, als sie in Moskau im Einer dominiert hatte, sicherte sie sich ihre achte Goldene. Erfolgreicher bei den Frauen im Zeichen der fünf Ringe war einzig die russische Kunstturnerin Larissa Latynina, die 1956 in Melbourne, 1960 in Rom und 1964 in Tokio insgesamt neun Olympiasiege einheimste.

Boykott als Ärgernis

Fischers Bilanz, in der sie auch vier olympische Silbermedaillen und 27 WM-Titel stehen hat, wäre noch reichhaltiger, hätte sich die DDR nicht dem Boykott der Spiele 1984 in Los Angeles angeschlossen. Für den Entscheid der Führung ihres Heimatlandes hatte sie kein Verständnis, zumal als Grund die nicht gewährleistete Sicherheit genannt wurde. «Es war schade, denn ich war in Hochform und hätte Siegeschancen im Einer, im Zweier und im Vierer gehabt.»

Nach dem Gewinn der achten olympischen Goldmedaille hielt sich Fischer alle Optionen offen. Sie zog die Teilnahme an den Spielen 2008 in Peking in Betracht, beendete die Spekulationen aber ein halbes Jahr vor der Eröffnungsfeier in Chinas Hauptstadt. Diesmal schien es ihr mit dem Abgang ernst zu sein. Mit der Gründung einer eigenen Firma hatte sich die Diplomsportlehrerin, Sport- und Tourismusmanagerin in der Zwischenzeit ein solides Standbein geschaffen. Als Unternehmerin bietet sie neben einer Paddelschule und einem Bootsverleih Motivationskurse für Führungskräfte und spezifisches Wettkampftraining an. Sie hatte erkannt, dass sich das Leben als Geschäftsfrau mit dem Spitzensport nicht mehr vereinbaren lässt. Ein neuerliches Comeback schloss Fischer kategorisch aus. «Ich hatte genug Zeit, mir das reiflich zu überlegen.»

Die Beteuerungen hielten gut drei Jahre. Dann kamen wieder der Drang zum Ausloten der eigenen Grenzen und die Neugierde auf sich selber in ihr hoch. Die Unruhe, die sie nie vollends weggebracht hatte, wurde wieder stärker. Die Olympischen Spiele 2012 wurden zum Thema. Im Alter von 50 Jahren wollte sie es nochmals wissen. «Ich spüre noch so viel Elan. Ich habe Lust darauf. Der Kopf ist bereit.»

Doch alle Konsequenz und Hartnäckigkeit nützten nichts. Im Gegensatz zum Kopf war der Körper nicht mehr bereit. Ärzte stellten bei Untersuchungen Herzrhythmusstörungen fest. Fischer wurde auf dem Weg nach London unsanft gebremst. Knapp vier Monate vor Beginn der Spiele war Schluss. Dieses Mal endgültig.