Bob-Olympiasieger Holcombs Tod bleibt ein Rätsel

Die Blindheit vermag Steven Holcomb zu überwinden, seine inneren Dämonen wird er aber nicht los. Vor drei Jahren stirbt der Viererbob-Olympiasieger von 2010 unter nicht restlos geklärten Umständen.

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Kein Superman, sondern ein Mensch mit inneren Dämonen: Holcomb nach seinem Weltcupsieg 2013 in Lake Placid
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Da war seine Welt in Ordnung: Bei den Olympischen Spielen 2010 in Vancouver holte Steven Holcomb Gold im Viererbob
2014 in Sotschi stand Holcomb (2. v. re.) nach dem Zweierrennen mit den Schweizern Beat Hefti (li.) und Alex Baumann auf dem Podest. Nachdem dem Russen Alexander Subkow wegen Dopingmissbrauchs der Olympiasieg aberkannt wurde, rückten Hefti und Holcomb je einen Platz nach vorne
Mit viel Gefühl und Können im Eiskanal: Steven Holcomb auf dem Olympia Bobrun in St. Moritz

Kein Superman, sondern ein Mensch mit inneren Dämonen: Holcomb nach seinem Weltcupsieg 2013 in Lake Placid

KEYSTONE/AP/MIKE GROLL
(sda)

Am 6. Mai 2017 ging eine Schockwelle durch die kleine Welt des Bobsports. Steven Holcomb wurde im olympischen Trainingscenter in Lake Placid tot in seinem Zimmer aufgefunden. Der 37-jährige Amerikaner war in der von Deutschland und der Schweiz dominierten Szene ein Farbtupfer. Meist hatte der nach aussen stets gut gelaunte Holcomb einen Fanklub dabei, der an den Eiskanälen Stimmung machte. Völlig aus heiterem Himmel kam sein Tod trotzdem nicht. Seine inneren Dämonen machten ihm schon lange das Leben schwer.

Schnell machte der Verdacht eines Suizids die Runde. Todesursache war ein Versagen der Lunge, die gerichtsmedizinische Untersuchung förderte eine grosse Menge von Alkohol (1,8 Promille) und Schlafmitteln zutage. Seine Familie kämpfte darum, keine weiteren Details an die Öffentlichkeit gelangen zu lassen. So bleibt die Frage offen: War es Suizid oder einfach ein Unfall?

In seiner Autobiografie «Now I See» (Jetzt sehe ich) hatte Holcomb ausführlich über seinen Kampf mit Depressionen geschrieben. Schon als Kind hatte er als talentierter Skifahrer gelernt, die Geschwindigkeit und das Risiko zu lieben. Von 1999 bis 2006 leistete er in der Nationalgarde von Utah Militärdienst als Ingenieur. Seine Spezialität: Sprengung und Zerstörung. Entsprechend lautete auch sein Motto im Eiskanal: «Ich halte mich nicht zurück. Entweder wir gewinnen oder wir stürzen. Ich bin nicht hier, um Fünfter zu werden.»

Angst vor dem Verlust des Augenlichts

Und doch gab es Ängste, mit denen Holcomb weniger gut umgehen konnte, als mit dem kalkulierten, selbst gewählten Risiko in der Bobbahn oder auf dem Waffenplatz. Zum Beispiel die Angst um sein Augenlicht. Bereits 2002 war bei ihm eine fortschreitende Verformung der Hornhaut (Keratokonus) diagnostiziert worden. Obwohl er zunehmend weniger sah, schaffte es Holcomb ins amerikanische Weltcupteam. Er sah immer weniger, die Ängste wurden immer grösser.

In einem Interview für einen Dokumentarfilm sagte Holcomb wenige Wochen vor seinem Tod, dass er 2007 einen Suizidversuch unternommen hatte - mit Schlaftabletten. «Ich hatte Angst, komplett zu erblinden. Es schien mir der logische Weg. Sie würden nicht mehr Geld und Zeit für mich verschwenden. Ich würde allen einen Gefallen machen, und alles würde gut.» Der Versuch schlug fehl, führte aber dazu, dass er erstmals mit seinem Coach Brian Shimer über seine Sehprobleme sprach. Dieser vermittelte ihm einen Arzt, der eine neue, experimentelle Operation durchführte. Der Erfolg war überwältigend.

Die Kombination aus der zwangsläufigen Schärfung der anderen Sinne und der neu gewonnenen Sehkraft katapultierte Holcomb ganz nach vorne. Zwischen 2007 und 2014 gewann er neben dem Vierer-Olympiagold von 2010 zwei weitere Olympia-Silbermedaillen, drei WM-Titel, zweimal den Gesamt-Weltcup und insgesamt 18 Weltcuprennen. Holcomb war für eine Zeit auf dem Olymp. Nach Sotschi 2014 kämpfte er aber mit verschiedenen Verletzungen. Er konnte die eigenen, hohen Ansprüche nicht mehr erfüllen - und die Angst schlich zurück in seine Gedanken.

Filmemacher Brett Rapkin, der die Dokumentation über ihn drehte, glaubt aber nicht, dass sich der Athlet absichtlich das Leben nahm. «Es gab für mich keine Anzeichen, dass er sich etwas antun wollte», erklärte er. «Er freute sich auf die Rückkehr von Teamkollegen, er hatte viele Pläne.» Das nächste Ziel wären die Olympischen Spiele 2018 in Pyeongchang gewesen. Die Dokumentation hätte eine positive Geschichte über die Rückkehr nach der schweren Augenkrankheit werden sollen. Stattdessen machte Rapkin am Ende einen Film über Olympia-Athleten, die unter Depressionen leiden. Titel: «Die Last des Goldes». Unabhängig, ob Holcombs Tod Absicht oder ein Unfall war, seine inneren Dämonen und dunklen Gedanken waren am Ende der gefährlichere Gegner als der schnelle Eiskanal oder das schwindende Augenlicht.