Breel Embolo über Stillstand, Ängste und Kindheitsträume

Ihn mögen Anhänger und Teamkollegen gleichermassen: Breel Embolo kann sich seine Popularität manchmal selber nicht erklären. Der Schweizer ist ein dynamischer Mensch mit ausgeprägter Sozialkompetenz.

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Der Schweizer Internationale Breel Embolo war mit Borussia Mönchengladbach auf Kurs - bis die Corona-Pandemie den Fussball stoppte

Der Schweizer Internationale Breel Embolo war mit Borussia Mönchengladbach auf Kurs - bis die Corona-Pandemie den Fussball stoppte

KEYSTONE/DPA/ROLAND WEIHRAUCH
(sda)

Nach komplizierten Jahren bei Schalke ist Embolo in Mönchengladbach gut gestartet, bis die globale Corona-Krise seinen persönlichen Aufschwung stoppte. Im Interview mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA spricht der 23-jährige Stürmer über die derzeitige Situation.

Breel Embolo, ist eine Rückkehr zur Normalität in Raten denk- oder wünschbar?

«Ich versuchte ohnehin, so normal wie möglich zu leben. Wir haben an den Wochenenden zwar so viel Freizeit wie nie zuvor, mein Alltag bleibt hingegen strukturiert. Die grosse Leere zu Beginn der Krise ist weg. Jetzt hat man als Spieler ein klein wenig mehr Perspektive. Es gibt inzwischen leise Hoffnungen, in absehbarer Zeit wieder komplett in den Wettkampf-Modus zurückzukehren. Das hilft.»

Spüren Sie die Corona-Krise auch im physischen Bereich?

«Als ich vom Home-Training zurückkehrte, hatte ich vorübergehend schon das Gefühl, körperlich nachgelassen zu haben. Nun trainieren wir in Kleingruppen, machen Läufe, flanken, schiessen. Die Coaches müssen sich immer wieder neu erfinden. Jeder versucht, trotz der vielen Team-Einschränkungen das Beste herauszuholen.»

Mitten in der Saison ist die Dichte weg. Hat sich auch der mentale Druck verflüchtigt? Oder gibt es nun einen ganz anderen Stress?

«Der Grund der Unterbrechung ist eine Krankheit. Für sehr viele Menschen geht es primär einmal darum, gesund zu bleiben und die Stelle nicht zu verlieren. Diese Angst löst Stress aus. Wir alle wünschen uns den Alltag zurück – wir begreifen wieder, wie wichtig die Gesundheit ist, wie schön es wäre, wieder einfach normal arbeiten zu können. Der Wert einer reibungslosen Normalität wird einem in diesen Tagen wieder bewusst.»

Man schätzt das profane Leben wieder.

«Vieles ist plötzlich kein Müssen mehr, sondern ein Dürfen. Wir Menschen passen uns unglaublich schnell an. Ich selber war schon mehrfach lange verletzt. Ich kenne das Gefühl, unbedingt wieder etwas bewirken zu wollen. Das Verlangen nach dem Comeback wird immer grösser. Die Adrenalinschübe innerhalb der Spiele sind schwer zu kompensieren, das 1:1-Duell in gefüllten Stadien – das sind Momente, die mir unheimlich fehlen. Ich weiss gar nicht mehr, wie sich das anfühlt - das Duell Mann gegen Mann, darauf freuen wir uns alle wie kleine Kinder.»

Es drohen aber bis Ende Jahr Geisterspiele.

«Damit befasse ich mich noch gar nicht richtig. Für mich steht die Chance im Vordergrund, überhaupt wieder Fussball spielen zu können. Alles andere rückt später ins Bewusstsein. Damit muss man sich in einem zweiten Schritt arrangieren. Und irgendwann wird uns die Vorfreude fluten und antreiben, wieder vor den Fans antreten zu können.»

Sie sind ein Akteur, der vom Publikum getragen wird. Die Leute mögen Sie - innerhalb der Kabine lösen sich gute Vibes aus. Haben Sie Anhaltspunkte für diese Popularität?

«Das höre ich auffällig oft. Aber ganz ehrlich: Es war nie ein Ziel von mir, gefeiert zu werden. Ich wollte immer authentisch sein, frisch, unverstellt. So habe ich das eigentlich überall gehalten; als ganz junger Kerl in Basel, später auf Schalke und nun hier in Gladbach. Ich lebe die Prinzipien, die mir meine Eltern mit auf den Weg gegeben haben. Ich mache Fehler, ich bin kein Perfektionist. Aber ich kümmere mich um meine Mitmenschen, ich probiere, für mein Umfeld ein Ohr zu haben. Ein freundliches Hallo liegt immer drin. Das habe ich verinnerlicht, so bin ich aufgewachsen, das gehört zu meiner Schweizer Kultur.»

Auch in Gladbach wurde für Sie im Treppenhaus des Stadions ein Song komponiert und aufgeführt.

«Ja, ich erinnere mich. Ich kam damals zusammen mit Michi (Lang) und Thuram auf dem Trainingsgelände an. Plötzlich musizierten da unser Stadionsprecher und Radio-Kommentator. Das hat mich echt berührt und verlegen gemacht. Ich wusste kaum, wie ich reagieren sollte. Eine total schöne Aktion. Warum kommen die Leute auf solche Ideen? Vielleicht reimt sich mein Name besonders gut. Im Ernst: Es ist ein Teil der Wertschätzung, die mir auf diesem Weg zuteil wird.»

Berührungspunkte gibt es in Ihrem Sportlerleben viele. Viele Ex-Mitspieler zählen zu Ihrem Freundeskreis.

«Mit vielen ehemaligen Teamkollegen pflege ich regelmässig Kontakt. Die Basler Pipi Streller und Gusti Nussbaumer (ex FC Basel) höre ich regelmässig oder schreibe ihnen. Mit den Schalker Jungs bleibe ich verbunden. Wir machten gemeinsam so viel durch, das schweisst zusammen. Die Garderobe reicht in meinen Freundeskreis. Thilo (Kehrer, früher S04, inzwischen Paris Saint-Germain) übernachtet manchmal bei uns. Ich bin ein offener Mensch – und das beruht dann auf Gegenseitigkeit.»

Wird Ihre Sozialkompetenz in der Kabine geschätzt?

«Ich melde mich, falls meine Meinung gefragt ist. Es gibt natürliche Strukturen innerhalb einer Mannschaft, Leader, die mit gutem Grund noch mehr Inputs geben. Wenn mir unser Captain Lars Stindl nach nur zehn Spieltagen sagt, ich dürfe mehr sagen, weil ich bereits das Standing und die interne Akzeptanz besitze, werte ich diese Rückmeldung als erst 23-Jähriger überaus positiv. Ein solches Feedback ist mir viel wert.»

Erst 23-jährig, schon zweifacher Familienvater, EM- und WM-Teilnehmer, seit bald vier Jahren im Ausland tätig, mit über 180 Profi-Partien. Sind Sie sich dessen bewusst?

«Die Zahlen sind okay, sie könnten allerdings noch besser sein – mehr Tore, mehr Spiele, mehr Leistung. Daran halte ich mich fest. Nur läuft es eben nicht immer wie geplant. Das wird uns momentan vor Augen geführt.»

Was ging bisher auf in Ihrer Karriereplanung?

«Einige meiner Kindheitsträume habe ich bereits verwirklicht: Ich war in den schönsten Stadien der Welt, ich spielte für mein Land eine WM und EM, ich bin gesund - ich verdiene genug Geld, um meiner Familie ein sorgenfreies Leben zu garantieren. Viele gute Jahre liegen noch vor mir.»

Und was nagt manchmal an Ihnen?

«Neben dem Privatleben habe ich einen Job in der Öffentlichkeit. Ich werde täglich benotet, die Leute haben zu Recht Ansprüche. Es geht im Sport um Performance, um messbare Leistungen. Es ist auch für mich immer ein Kampf, das Bestmögliche abzurufen, eine Gier, ein Hunger, eine Schippe draufzulegen. Ich will die Leute nicht enttäuschen, die mir seit Jahren viel zutrauen. Es soll nie heissen, der gute Breel habe sein Potenzial nicht hundertprozentig umgesetzt. Ich will meinen Kindern irgendwann sagen können: Hey, ich habe alle meine persönlichen Ziele erreicht. Und ganz wichtig: Es geht um meine Karriere. Für sie bin allein ich verantwortlich.»

Gab es Phasen während Ihrem bisherigen Weg, in denen Sie um die Erreichbarkeit Ihrer Ziele ernsthaft bangten?

«Mir kommt dabei die Juniorenzeit in den Sinn. Da musste ich richtig beissen. Es war damals in Basel angesichts der Dichte an Talenten nicht einfach, ganz oben in der 1. Mannschaft anzukommen. Die 96er- und 97er-Jahrgänge waren stark; viele waren mir weit voraus. Da stellte ich mir nicht selten die Fragen: Bin ich genug gut? Wird es reichen?»

Nach Ihrem Durchbruch kamen die Verletzungen und die schwierige Zeit beim FC Schalke.

«Es gab harte Perioden. Nach meiner ersten OP (am Knöchel) folgte eine zweite Diagnose, die mich zurückwarf. Danach folgten während der Reha immer wieder neue Rückschläge. Das zermürbt, da stellt man sich unangenehme Fragen.»

Welche?

«Schlimm war im Prinzip die Zeit nach der Verletzung. Ich hatte sehr lange um den Anschluss gekämpft und mich um all jene Dinge gekümmert, die ich beeinflussen konnte. Mein Comeback verzögerte sich aber. Es gab Enttäuschungen und Frust. Vieles war für mich nicht mehr nachvollziehbar. Ich fühlte mich unverstanden, mein Selbstvertrauen ging verloren. So etwas war mir zuvor noch nicht passiert. Das tat fast mehr weh als die körperlichen Probleme. Aber dieses Kapitel ist für mich endgültig abgeschlossen.»

Bei der Borussia in Mönchengladbach haben Sie wieder zur alten Dynamik zurückgefunden. War die Klub-Wahl ein Glückstreffer?

«Ich kann hier viel bewegen in einer gesunden Mannschaft. Die Wertschätzung ist gross, ich bin gut angekommen. Meine Rolle hat Gewicht. Rund um Borussia ist ein gutes Gefühl spürbar. Der Verein hat viel vor. Ich auch.»