Dave Hablützel macht sich auf die Socken

Der Snowboarder Dave Hablützel wagt den Schritt ins Unternehmertum. Gemeinsam mit drei Freunden vertreibt er Socken aus Ozean-Plastik. Durch die neue Aufgabe sieht er seinen Sport mit anderen Augen.

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Gemeinsam mit drei Kollegen vertreibt Dave Hablützel Socken aus Ozean-Plastik
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Stolz trägt Dave Hablützel sein eigenes Produkt: Socken, zum grossen Teil aus Meeresabfall produziert
Bislang gelingt ihm der Balanceakt zwischen seinen beiden Leidenschaften gut
Snowboarder Dave Hablützel trainiert wagt den Schritt ins Unternehmertum

Gemeinsam mit drei Kollegen vertreibt Dave Hablützel Socken aus Ozean-Plastik

KEYSTONE/ENNIO LEANZA
(sda)

Bald zwölf Monate ist es her, da hatte Dave Hablützel eine Offenbarung. «Ich habe den Sport als das erkannt, was er eigentlich ist: ein riesiges Privileg», sagt der Zürcher Freestyle-Snowboarder. Hablützel bemerkte, was er für ein Leben führt. Viele Menschen wünschten sich das, was der 24-Jährige für gewöhnlich machen kann: Die Welt bereisen, an wichtigen Wettkämpfen teilnehmen oder für Film- und Fotoprojekte Model stehen. Aber Hablützel spürte auch, «dass es da noch so viel mehr gibt» in seinem Leben. Andere Dinge, die ihm wichtig sind und ihn ausmachten, Überzeugungen und Werte.

Die Offenbarung hatte Hablützel fernab der Berge, auf denen er sich die meiste Zeit bewegt. Ebenso kam sie zu einem ungewöhnlichen Zeitpunkt. Für Snowboarder ist naturgemäss der Winter die Primetime, die Jahreszeit der Erkenntnisse. Als Snowboarder sei man im Winter verheiratet und im Sommer dann wieder nicht, sagte Olympiasieger Iouri Podladtchikov über das Sommerloch der Wintersportler gegenüber der NZZ. Er beginne im Sommer zu spinnen, nehme x Projekte in Angriff, die er im Winter wieder verwerfe, so Podladtchikov.

Auch der Anfang von Hablützels Geschichte lässt sich so lesen. Im Sommer 2019 traf sich der Snowboarder das erste Mal mit dem deutschen Produkt-Designer Jonas Hagenbusch, um sich über das Teal Project auszutauschen. Schnell sei ihm klar gewesen, dass es passe zwischen ihm und Hagenbusch und den weiteren Teammitgliedern Nils Ferber und Laurent Falkenberg. Auch zwischen Hablützel und dem Projekt der Teal-Initiatoren, mit dem Ziel etwas gegen die Verschmutzung der Meere zu tun, passte es gut, beim zweiten Treffen sagte er zu. Seither spricht Hablützel von «wir» und «uns», wenn es um Teal geht.

Verantwortung übernehmen, Snowboarder bleiben

«Unser Ziel ist es, Plastikabfälle aus dem Meer zu recyclen und als hochwertiges Produkt, das jedermann braucht, wieder an die Leute zu bringen», sagt Hablützel also. «Und da jeder Socken braucht, wollten wir damit beginnen.» Hablützel soll Teal Project Reichweite verschaffen, aber er soll sich auch einbringen. Seine Gedanken drehen schon weit in der Zukunft, dabei läuft das Kerngeschäft gerade erst an. Nicht nur Socken will er unter der Marke Teal Project künftig verkaufen, auch «T-Shirts, Hosen, einfach alles an Sportkleidern», sagt er. Und schiebt nach: «Manchmal rast mein Kopf schon etwas zu sehr in die Zukunft.»

Durch seinen Einsatz für das Meer will Hablützel sein Leben als Sportler etwas kompensieren. Profi-Snowboarder zu sein, bedeutet unterwegs zu sein, oft mit dem Flugzeug. Die wichtigen Wettkämpfe finden in Übersee statt, sie schlagen auf Hablützels ökologische Bilanz. «Mein Fussabdruck ist durch die viele Fliegerei enorm gross. Aber als Snowboarder kann ich auf die Reisen nicht verzichten, sonst bin ich nur noch der 'Local Boy' und kein Snowboarder mehr», sagt Hablützel.

Planmässig verlief der Start ins Unternehmertum für Hablützel und Teal wegen des Coronavirus nicht. Der Projektstart verzögerte sich, weil auch die Partner mit den Auswirkungen der Pandemie zu kämpfen haben. Die synthetischen Fasern liefert ein Produzent aus Spanien, während die Socken in einer Manufaktur in Portugal gefertigt werden. 77 Prozent der Socken besteht gemäss Teal Project aus rezykliertem Plastik, der teils als Abfall durch das Mittelmeer oder den Atlantik schwamm, ehe er von einem von 400 Fischerbooten aufgesammelt und zurück an Land gebracht wurde.

Weil auch die Wintersportler wegen der Corona-Krise nur individuell trainieren durften, konzentrierte sich Hablützel in den letzten Wochen fast voll auf seine neue Aufgabe bei Teal. Seine zweite Passion füllt ihm das Sommerloch aus, er ist nun zweimal verheiratet, so würde es Podladtchikov wohl ausdrücken.

Sport und Unternehmertum haben sich bislang gut ergänzt, mehr als das sogar. 2019/20 sammelte Hablützel im Weltcup so viele Punkte wie nie zuvor. Nur einmal, beim Heimevent in Laax, verpasste der Zürcher die Top Ten. Auch heftige Stürze, die Hablützel in den letzten Jahren fast ebenso bekannt gemacht haben wie sein Können in der Halfpipe, blieben letzte Saison aus. Doch was haben die Leistungen auf dem Snowboard mit Socken zu tun? Dank den Socken weiss Hablützel, dass etwas auf ihn wartet, wenn er einst nicht mehr Snowboarden wird. Teal Project hat ihm gezeigt: «Ich bin nicht mehr nur das Resultat.»