Denkmalpflege auf Topniveau: Düsseldorf auf dem Weg zum Klassenerhalt

Fortuna Düsseldorf ist auf dem Weg zu einem kleinen Wunder, dem Klassenerhalt. Zu verdanken hat das der Verein in erster Linie dem dienstältesten Trainer der Liga: Friedhelm Funkel.

Carsten Meyer
Drucken
Teilen
Friedhelm Funkel, der Trainer von Fortuna Düsseldorf. (Bild: Christophe Gateau/DPA (Düsseldorf, 27. Januar 2019))

Friedhelm Funkel, der Trainer von Fortuna Düsseldorf. (Bild: Christophe Gateau/DPA (Düsseldorf, 27. Januar 2019))

Am Ende eines Spieltags, der aus Düsseldorfer Sicht der Idealvorstellung eines Spieltags schon sehr nahe kam, trat der 65-jährige Trainer Friedhelm Funkel vor die Mikrofone. Und statt die erwartungsfreudigen Reporter zur Polonaise durch die Stadionkatakomben zu bitten, machte er einen doch recht betrübten Eindruck. Dabei hatte seine Fortuna gerade die hochpreisige Truppe des VfB Stuttgart mit 3:0 zerlegt – und den Vorsprung auf Barrage-Platz 16 auf zehn Punkte ausgebaut. Düsseldorfs belgischer Angreifer Dodi Lukebakio fand das freudestrahlend schlicht «crazy». Doch sein Coach legte die Stirn in tiefe Falten, warnte vor zu viel Euphorie und brummte: «Mit 25 Punkten steigt man sehr wahrscheinlich ab.»

Wer die zuletzt trostlosen Auftritte der Konkurrenz aus Nürnberg, Hannover und Stuttgart gesehen hat, teilt diese Einschätzung zwar nicht zwingend. Aber wer würde es schon wagen, Funkel zu widersprechen? Dem Mann, der schon länger in der Bundesliga ist als seine Kollegen Florian Kohfeldt (36), Domenico Tedesco (33) und Julian Nagelsmann (31) auf der Welt. Manchmal stellt man sich ja sogar die Frage, wer eigentlich zuerst da war: Funkel oder der Fussball? Seine erste Bundesligapartie als Profi absolvierte er 1975. Das Spiel heute (18 Uhr) in Leverkusen ist sein insgesamt 801. in Deutschlands höchster Spielklasse als Aktiver und Trainer. Das bedeutet in dieser Rangliste den dritten Platz.

Und noch nicht einmal eingerechnet sind all die Zweitliga-spiele, die Funkel zu einem Trainermythos in Deutschland haben werden lassen. Insgesamt sechsmal hat er seine Teams in die Bundesliga geführt, das ist Rekord. Dieser Mann hat also schon eine Menge Grund zum Feiern gehabt. Doch er sagt: «Der Klassenerhalt mit der Fortuna hätte den höchsten Stellenwert in meiner Laufbahn.» Es wird sich in ganz Fussball-Deutschland nicht einen einzigen Experten finden, der das anzweifeln würde. Dazu ist diese Geschichte einfach zu beeindruckend.

Prominenteste Fortunen sitzen auf der Tribüne

Als Funkel sein Amt im März 2016 antrat, taumelte die Fortuna in Richtung 3. Liga. Zwei Jahre später feierte der Verein den Aufstieg in die Bundesliga. Dort ging der Club mit dem kleinsten aller Etats in die Runde – und mit einer Mannschaft, der nicht einmal Berufsoptimisten auch nur den Hauch einer Chance einräumten. Die prominentesten Fortunen sitzen noch immer regelmässig auf der Tribüne: die «Toten Hosen». Auf dem Rasen heissen die Protagonisten Kaminski, Giesselmann oder Bodzek. Man muss sich auch als fussballinteressierter Zeitgenosse nicht schämen, wenn einem diese Namen nicht viel sagen. Funkel versucht auch erst gar nicht, die Öffentlichkeit bezüglich der Kunstfertigkeiten seiner Akteure am Ball zu täuschen. «Bei uns», sagt er, «ist der Charakter oft wichtiger als das Können.» Also hat er eine Mannschaft geformt, die als Einheit auftritt und fest gewillt ist, die scheinbar übermächtigen Gegner in Grund und Boden zu rennen und zu grätschen.

Das gelingt so gut, dass selbst die Topteams Dortmunder (2:1) und Bayern (3:3) ins Straucheln kamen und Punkte liegen liessen. Seitdem ist auch dem Letzten klar: Funkel betreibt die Pflege seines eigenen Denkmals auf höchstem Niveau. Und als die Winterpause kam, fragte sich alle Welt nur, wann er seinen zum Saisonende auslaufenden Vertrag verlängern würde. Die lustige Antwort der Vereinsbosse: gar nicht. Sie verkündeten Funkels Aus zum Saisonende. Der Trainer sass daneben, verstand die Welt nicht mehr und hatte Tränen in den Augen. Was folgte, war ein selten erlebter Sturm der Entrüstung. Die Reporter hauten den Verantwortlichen Schlagzeilen um die Ohren, dass diesen Hören und Sehen verging. Das erboste Team sprach sich für den Verbleib Funkels aus – und die Fans gingen geschlossen auf die Barrikaden.

Die Kehrtwende der Düsseldorfer Funktionäre

Da dämmerte den Funktionären, dass die Idee doch nicht ganz so gut war. Kleinlaut verkündeten sie sinngemäss, das sei ja alles nicht so gemeint gewesen. Man werde versuchen, den Fehler zu korrigieren – und gab dem Coach kurz darauf einen neuen Einjahresvertrag. Funkel nahm es mit der Gelassenheit eines weisen Mannes zur Kenntnis. «Ich bin ein glücklicher Mensch auf der Zielgeraden meiner Karriere», sagt er, «und hinter mir liegt ein Ultramarathon.» Es sieht so aus, als könnten die letzten Meter seine schönsten werden.