Der Abend, an dem das Stade de Suisse implodierte

Der 28. April 2018 ist der unvergessliche Tag in der 122-jährigen Geschichte des BSC Young Boys. Es ist der Tag, an dem 32 Jahre des Leidens ihr Ende finden.

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Die YB-Fans sahen endlich nicht mehr Schwarz wie während vieler Jahre, sondern nur noch Gelbschwarz
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Nur Sekunden nach dem Schlusspfiff war der Kunstrasen mit YB-Fans überflutet
YB-Sportchef Christoph Spycher war an dem denkwürigen Abend ein eher stiller Geniesser
Auch Trainer Adi Hütter war bei den euphorischen Fans ganz hoch im Kurs
Wölfli id Nati! Die Frage nach dem Helden des Abends stellte sich für die Fans nicht
Torhüter Marco Wölfli lenkt den von Valerian Gwilja getretenen Foulpenalty an die Latte. Danach behändigt er den Ball. Ein Big Point für YB
Die Szene,, die eine Stadt und einen Kanton erlöste: Jean-Pierre Nsame erzielt in der 89. Minute YBs 2:1 gegen Luzern

Die YB-Fans sahen endlich nicht mehr Schwarz wie während vieler Jahre, sondern nur noch Gelbschwarz

KEYSTONE/PETER KLAUNZER
(sda)

Glücklich der Verein, der sich durch ein Datum im Jahreskalender an seinen schönsten Moment erinnern kann. Für den FC Zürich wird es wohl auf ewig der 13. Mai sein. An jenem Samstag im Jahr 2006 sicherte sich der FCZ mit einem 2:1 im St.-Jakob-Park gegen Basel den Meistertitel - seinen ersten nach einer Durststrecke von 25 Jahren. Besungen werden auch heute noch die 93. Minute und der entscheidende Spielzug: Hereingabe von Florian Stahel von rechts, Direktabnahme von Iulian Filipescu, Tor.

Was für den FCZ der 13. Mai 2006, ist für YB der 28. April 2018. Gar 32 Jahre lange hatten die ergrauten Zuschauer unter den Fans auf die Momente warten müssen. Die Zeiten, in denen die Mannschaft verschiedene Meistertitel nebst Cupsiegen «veryoungboyst» hatte, waren auf einen Schlag vergessen.

Für jenen sommerlich warmen Samstagabend im Stade de Suisse schien ein Meister der Dramaturgie das Drehbuch geschrieben zu haben. YB musste gegen Luzern gewinnen, um vorzeitig als Meister festzustehen. Nach 76 Minuten stand es 1:1, als Luzern nach einem unstrittigen Foul von Guillaume Hoarau einen Penalty zugesprochen bekam. Goalie Marco Wölfli lenkte den Schuss des Georgiers Valerian Gwilja mit einem Reflex mit der rechten Hand an die Latte und behändigte den Ball. Wölfli wäre in dieser Minute eine Vereinslegende geworden, wenn er nicht schon eine gewesen wäre. Die Berner rannten an, das von Jonas Omlin gehütete Tor war zugenagelt. Dann aber der entscheidende Spielzug in der heute in Bern besungenen 89. Minute: Flanke von links von Miralem Sulejmani, Guillaume Hoarau legt mit dem Kopf quer zu Jean-Pierre Nsame, und dieser trifft per Dropkick. Das Getöse im Stadion war nur deshalb nicht lauter als bei Wölflis Parade, weil es nicht mehr lauter sein konnte.

Nach dem Schlusspfiff nach gut 94 Minuten implodierte das Stade de Suisse. Binnen Sekunden war den Rasen von Hunderten, wenn nicht Tausenden von jubelnden und weinenden Fans überflutet. Alle umarmten alle, und Wölfli kam nicht mehr herunter von den verschiedensten Schultern, die ihn in den Himmel lüpften. Es folgte eine Jubelnacht, eine Freinacht, wie sie das Stadion und die Stadt nicht gekannt hatten. Und alles lief friedlich ab. Gerardo Seoane, damals noch Trainer beim unterlegenen FC Luzern, sagte später, die Momente nach dem Schlusspfiff hätten ihn tief beeindruckt.

Fans mit mehr Selbstbewusstsein

Claudia Salzmann ist Journalistin im Stadtressort der Berner Zeitung. Für das Vereinsmagazin der Young Boys schreibt sie regelmässig Beiträge aus dem Bereich der Fans. Selber gehört sie einem etwa 30 Personen zählenden Klub an, einem der zahlreichen mit Vorständen konstituierten und in einer Dachorganisation eingetragenen gelbschwarzen Fanklubs. Der 28. April sei bei den Fans immer ein Thema, sagt Claudia Salzmann. «Wenn die Berner einen neuen Feiertag auswählen könnten, wäre es der 28. April. Dieses Datum löst zumindest bei mir sicher mehr Emotionen aus, als dies beispielsweise Silvester tut.»

Der 28. April 2018 habe das Selbstbewusstsein der YB-Fans deutlich gehoben, sagt Salzmann, die ein Abo im Sektor C besitzt. «Auf unseren Rängen wird viel weniger gejammert, wenn mal ein Spiel nicht wie am Schnürchen läuft.» Aber schlechte Spiele gebe es seit zwei Jahren sowieso wenige.

Jahrestag mit reduzierten Feierlichkeiten

Diesen Dienstag würden die Fans und Fanklubs auf mannigfache Weise den zweiten Jahrestag des 28. April feiern. Die Coronavirus-Krise ermöglicht nur ein stilles Feiern daheim und auf Distanz. «Ich werde in kleinem Rahmen mit anderen Fans per Videochat anstossen», sagt die 37-Jährige.

Der Fanklub-Dachverband Ostkurve Bern ruft alle auf, alle verfügbaren YB-Fahnen zu hissen und die YB-Leibchen aus den Schlafzimmerfenstern hängen zu lassen. «Die Stadt soll in einem gelbschwarzen Farben- und Fahnenmeer versinken», schreiben die Ostkurven-Fans.

Der Verein, der BSC Young Boys, unterstützt diese Aktion mit Symbolkraft und begeht seinerseits das kleine Jubiläum auf seinen Social-Media-Kanälen. Tagsüber sind Bilder und Videos zu sehen. Am Abend - ab 19.00 Uhr wie schon am 28. April 2018 - wird der unvergessliche Match in voller Länge gezeigt. Wahlweise kann man das Spiel mit dem euphorischen Originalkommentar des Reporterduos von Radio Gelb-Schwarz sehen.