Der nächste Titel für den Nimmersatt

Lewis Hamilton erreicht mit seinem sechsten WM-Titel einen weiteren Meilenstein in seiner grossartigen Karriere. Die Erfolge des Engländers tun nicht nur seinem Arbeitgeber Mercedes gut.

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Eine verdiente Dusche für den neuen und alten Weltmeister (links) von Teamkollege Valtteri Bottas (Bild: KEYSTONE/EPA/LARRY W. SMITH)
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Lewis Hamilton - ein stolzer Brite (Bild: KEYSTONE/EPA/LARRY W. SMITH)
Der Moment, in dem Lewis Hamilton seinen sechsten WM-Titel perfekt macht: Zieldurchfahrt in Austin (Bild: KEYSTONE/EPA AFP POOL/MARK RALSTON / POOL)
Lewis Hamilton (Mitte) feiert mit Team und Familie (Bild: KEYSTONE/FR171712 AP/CHUCK BURTON)

Eine verdiente Dusche für den neuen und alten Weltmeister (links) von Teamkollege Valtteri Bottas (Bild: KEYSTONE/EPA/LARRY W. SMITH)

(sda)

Lewis Hamilton ist und bleibt ein Nimmersatt. Der Erfolg ist ihm nach wie vor höchstes Gebot. Von seiner konsequenten Linie und seiner Akribie ist er auch in seiner 13. Saison in der Formel 1 keinen Deut abgewichen. Der sechste WM-Titel ist der nächste Lohn für den Unermüdlichen, ein weiterer Höhepunkt für den Detail-Besessenen und Minutiösen.

Das Streben nach sportlichen Meriten, die Gier nach Siegen und Titeln und das Ringen um Anerkennung lassen keinen Raum für Kompromisse. Hamilton duldet keine Halbheiten. Er gibt unmissverständlich den Takt vor - und er weiss, dass er sich auf seiner Mission auf das Team verlassen kann. Die Crew hat seine Professionalität längst adaptiert. Hamiltons Ansprüche und Forderungen sind nicht Last, sondern Ansporn. Seine auf Optimierung und Perfektionierung zielenden Anliegen sind für die Belegschaft gleichermassen Herausforderung und Motivationsschub.

Die grosse Wertschätzung

Diese bedingungslose Bereitschaft, Überdurchschnittliches zu leisten, kommt nicht von ungefähr. Sie beruht auf gegenseitigem Respekt und Vertrauen. Für Hamilton ist diese Konstellation keine Selbstverständlichkeit. Seine Wertschätzung ist entsprechend, die Bedeutung seiner Mitstreiter hebt er bei jeder Gelegenheit hervor. Er macht bewusst deutlich, dass er ohne die Unterstützung seiner Gefolgsleute nie und nimmer in der Lage wäre, in der Formel 1 eine derart dominierende Rolle zu spielen.

Die Formel 1 ist ein Tummelfeld von Egoisten. Das eigene Wohl und der persönliche Erfolg stehen im Vordergrund. Hamilton agiert diesbezüglich nicht anders als seine Konkurrenten. Er weiss um seine Stellung als wichtigster Exponent der Equipe von Mercedes, nimmt sich dabei aber nicht zu wichtig. Das Wechselspiel zwischen Eigennutz und Team-Gedanke beherrscht er perfekt. Die Abhängigkeit von den Leuten im Hintergrund lässt ihm auch keine andere Wahl.

Die 1300 Angestellten der Formel-1-Abteilung von Mercedes wissen Hamiltons Demut zu schätzen. Wenn sich der Champion selber auf einen einfachen Teil des Ganzen reduziert, kommt das bei der Truppe sehr gut an. Es schweisst zusammen, es dient der Harmonie. Diese Eintracht setzt Energien frei für den täglichen, rigorosen Einsatz und den immensen Aufwand an der Rennstrecke und in den Werkhallen in Brackley und Brixworth in der englischen Grafschaft Northamptonshire.

In Brackley sind mehr als 500 Beschäftigte im Fünf-Schichten-Betrieb an sieben Tagen in der Woche während 24 Stunden im Einsatz. Für das Design des Autos werden rund 250'000 Arbeitsstunden aufgewendet, für die Fertigung und die Entwicklung weitere 200'000 Stunden. In Brixworth kümmern sich rund 450 Mitarbeiter um die Konstruktion und den leistungsmässigen Ausbau des Antriebsstrangs.

Die lohnende Investition

Neben dem personellen ist auch der finanzielle Aufwand enorm. Das Projekt Formel 1 von Mercedes verschlingt jährlich geschätzte 400 Millionen Euro. Die Verantwortlichen sehen die hohe Summe als lohnende Investition, die sich nicht nur in der beeindruckenden Bilanz des Rennteams niederschlägt. 88 Siege in den 119 Grands Prix haben die Silbernen seit Beginn der Turbo-Hybrid-Ära vor sechs Jahren errungen. Erfolgsquote knapp 74 Prozent. Der mit dem Engagement in der Formel 1 verbundene Image-Gewinn wirkt sich nach Einschätzung der Zentrale des Automobil-Konzerns auch auf die Absatzzahlen im Kerngeschäft aus.

Da tut selbstredend ein Lewis Hamilton im Besonderen gut. Ein Fahrer mit globaler Strahlkraft als Vertreter einer auf dem Weltmarkt tätigen Firma - die perfekte Kombination. Ein Fahrer, der für das Spezielle steht, der sich nicht in ein Schema passen lässt, unbeirrt seinen Weg geht, sich zu aktuellen, nicht den Rennsport betreffenden Themen äussert und der überdies noch höchst erfolgreich ist. Besser gehts nicht.

Der perfekte Botschafter

Hamilton ist nicht nur für die Marketing-Abteilung seines Arbeitgebers ein Segen. Auch das Führungsgremium der Formel-1-WM sieht in ihm den optimalen Botschafter. Der Brite bewegt die Massen auf und abseits der Rennstrecken. Mit seinem Spagat zwischen Spitzensportler und Lebemann polarisiert er - und weckt damit das Interesse an seiner Person bei seinen Anhängern ebenso wie bei seinen Kritikern. Er ist damit Garant dafür, dass die Formel 1 nicht nur an den Rennwochenenden im Fokus steht, sondern auch ausserhalb der Sportwelt thematisiert und wahrgenommen wird.

Der im Januar 35 Jahre alt werdende Hamilton wird der Formel 1 wohl noch eine Weile erhalten bleiben. Mehr als Koketterie waren seine Rücktrittsgedanken bisher nicht. Er hat ja auch nach 83 gewonnenen Formel-1-Rennen und als sechsfacher Weltmeister noch Ziele. Michael Schumachers Bestmarken von 91 Grand-Prix-Siegen und sieben WM-Titeln etwa.

Es fehlt also nicht mehr viel, um in den Rekordbüchern ganz nach oben zu rücken, auch statistisch der Beste zu sein. Nimmersatt Hamilton wird sich diese Chance nicht entgehen lassen.